Diözesanrat fordert Handeln nach Rekordaustrittszahlen in Köln

"Es brennt lichterloh unterm Kirchendach"

Fast 20.000 Kölnerinnen und Kölner sind im Jahr 2021 aus der Kirche ausgetreten. Diese Zahlen dürfe man nicht relativieren, sagt der Diözesanratsvorsitzende im Erzbistum Köln, Tim Kurzbach. Er denkt darüber nach, sich an Rom zu wenden.

Symbolbild Kirchenaustritt / © Harald Oppitz (KNA)
Symbolbild Kirchenaustritt / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: 19.340 Kirchenaustritte in Köln, fast doppelt so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2019. Sind Sie schockiert oder haben Sie mit sowas gerechnet?

Tim Kurzbach (Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln): Na ja, es ist eine Mischung. Also dass die Ereignisse in der katholischen Kirche insgesamt und dann tragischerweise insbesondere bei uns im Erzbistum nicht ohne Folgen sein würden, das war, glaube ich, klar, obwohl das auch sehr lange negiert worden ist. Dass die Zahlen dann direkt doppelt so hoch sind - wir reden hier in Anführungszeichen nur über das Gebiet der Stadt Köln, das Erzbistum ist ja weitaus größer - das hat mich dann doch sehr erschrocken. Und das sind wirklich Zahlen, die uns alle alarmieren sollten.

DOMRADIO.DE: Was für Ursachen vermuten Sie hinter diesen hohen Austrittszahlen? Ist das allein der Skandal um die sexualisierte Gewalt, die Kleriker Kindern angetan haben?

Kurzbach: Grundsätzlich gibt es einen gesellschaftlichen Trend, den wir seit Jahren bitter zur Kenntnis nehmen müssen. Dann ist natürlich die mangelhafte Aufarbeitung innerhalb der katholischen Kirche ein Anlass für viele Menschen zu sagen: "Ich traue es diesem Laden einfach nicht mehr zu. Und ich verabschiede mich jetzt." Und man muss auch ehrlich sagen, dem sind ja fast kaum Gegenargumente entgegenzusetzen.

Aber lassen Sie uns nicht lange drum herum reden. Insbesondere die Situation in unserem Erzbistum im vergangenen Jahr, wo kommunikativ so ziemlich alles schiefgelaufen ist, was so schieflaufen kann, wo wir echte Fehlleistungen im Umgang mit Krisen und insbesondere auch dem Missbrauch feststellen mussten, hat viele Menschen bewegt.

Ich persönlich und auch wir im Diözesanrat nehmen teilweise mit großem Erschrecken und auch Fassungslosigkeit wahr, dass es eben nicht nur die Menschen sind, die austreten, weil sie schon lange nichts mehr mit unserer Kirche zu tun haben wollen, sondern dass es viele Menschen aus dem Innersten der Gemeinde sind. Leute, die wir kennen, die mit der Jugendarbeit beginnend sich seit 20, 30 Jahren in der Gemeinde engagieren. Die sagen jetzt, dass sie das, was im Erzbistum Köln im letzten Jahr passiert ist, nicht einfach so mehr mittragen.

Da brennt es unter unserem Kirchendach im Erzbistum Köln lichterloh.

DOMRADIO.DE: Heißt auch, weil möglicherweise eine Frustration darüber vorhanden ist, dass Reformen oder Veränderungen, die möglicherweise an der Basis gewünscht werden, so nicht durchsetzbar scheinen?

Kurzbach: Auch, aber lassen Sie uns bitte nicht zu schnell über das Thema Missbrauch hinweggehen. Der Umgang insbesondere des Erzbischofs und der verantwortlichen Leitungskräfte im Bistum war gelinde gesagt massiv fehlerhaft. Was uns da nicht alles erzählt worden ist, was man keinem klar denkenden Menschen erzählen kann, wie Missbrauch auch relativiert worden ist, der Umgang mit Gutachten. Das ist einfach auch nicht mehr schönzureden.

Wenn ich überlege, wie diese Austrittszahlen immer nur relativiert werden sollten, wie man gewartet hat. Im Grunde genommen könnte das Erzbistum ja jetzt auch seine Zahlen mal offenlegen. Das geschieht aber nicht. Dann hätte man mal eine klare Analyse, wie dramatisch die Situation auch bei uns ist.

DOMRADIO.DE: Also auch über die Stadt Köln hinaus?

Kurzbach: Genau, auch über die Stadt Köln hinaus. Dann könnte man mit einer klaren Analyse dagegen arbeiten. Aber da sind zu viele Verantwortliche im Bistum - und wie wir jetzt in letzten Tagen erfahren haben, ja auch in Rom -, die anscheinend große Teile der Wahrheit wirklich nicht zulassen wollen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Aber nochmal: Ich kenne so viele Schicksale aus den Gesprächen der letzten Monate, wo mir Menschen persönlich sagen, sie könnten das nicht weiter mittragen, obwohl sie sonntags in die Messe gegangen sind, sich in der Gemeinde engagiert haben. Aber der Angang an den Reformstau ist gerade im Erzbistum Köln bei weitem zu langsam und nicht wahrhaftig genug.

DOMRADIO.DE: Kardinal Woelki befindet sich gerade in einer Auszeit, die bis März andauern soll. Im Moment geht man sowohl in Köln wie auch in Rom davon aus, dass er danach sein Amt wieder antreten wird. Da macht sich bei manchen Leuten eine gewisse Ratlosigkeit breit, wie das dann sein wird. Können Sie diese Ratlosigkeit nachvollziehen?

Kurzbach: Definitiv ist das eine riesige Herausforderung und ich kann das laute Grübeln in der Tat jeden Tag quasi hören, wie das denn dann da weitergehen soll. Insbesondere wo man jetzt merkt: Der Apostolische Administrator Rolf Steinhauser macht vieles richtig, möchte aufklären und aufarbeiten. Und dann kommt aus Rom ein ständiges "Nein, das darfst du nicht" und "so nicht". Das führt uns eher noch viel tiefer in die Krise hinein.

Deswegen muss auch Rom anerkennen, dass es hier um ein Bistum in der Krise geht, wo aber im Bistum selber ein Wunsch da ist, sich zu verändern, sich zu reformieren, auch etwas Neues zu wagen, es aber gleichzeitig immer noch den großen Vertrauensbruch mit dem Bischof gibt.

DOMRADIO.DE: Am kommenden Wochenende trifft sich der Diözesanpastoralrat des Erzbistums Köln. Möglicherweise sprechen Sie auch dort über diese Kirchenaustrittszahlen? Was erwarten Sie für das Treffen?

Kurzbach: Die genaue Agenda und Herangehensweise ist nicht bekannt. Was klar ist: Es findet nach wie vor unter einer externen Moderation statt, nachdem der Diözesanpastoralrat gesagt hat: Mit dem Bischof alleine können wir so nicht weiter reden. Ich denke schon, dass es um diese Themen gehen wird.

Und ich glaube auch, dass wir aus dem Bistum insgesamt eine Rückmeldung nach Rom geben müssen, dass ein "einfach weiter so" nach dem Motto: Jetzt haben wir mal ein halbes Jahr Ruhe gehabt und jetzt muss sich das alles von alleine beruhigt haben, keine Lösung für die tiefe Vertrauenskrise in diesem Bistum ist.

DOMRADIO.DE: Das Jahr 2022 hat gerade erst angefangen. Wie gucken Sie da für die katholische Kirche rein?

Kurzbach: Erst mal lebe ich aus der Kraft meines Glaubens. Und wenn ich nicht jeden Tag die Hoffnung hätte, dass wir mit Christus diese Welt gemeinsam ein großes Stück verändern könnten, dann würde mir ein Großteil meiner Kraft einfach zum Leben fehlen. Gleichwohl will ich schon sagen, dass gerade die Entscheidungen der letzten Wochen auch mir das Herz schwer gemacht haben.

Ob man bei den Funktionsträgern innerhalb der katholischen Kirche wirklich bereit ist, Fehler einzugestehen, wirklich etwas Neues zu wagen und auch in jedem getauften und gefirmten Christen und jeder Christin auch einen Teil des Heilswesens Gottes zu erkennen, ist die große Frage.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Tim Kurzbach / © Fabian Strauch (dpa)
Tim Kurzbach / © Fabian Strauch ( dpa )
Quelle:
DR