Erzbischof Zeigler über die Wahlen und die Zukunft in Liberia

"Echte Versöhnung braucht viel mehr Zeit"

In Liberia muss sich Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson-Sirleaf einer Stichwahl um das Präsidentenamt stellen - der katholische Erzbischof Lewis Zeigler von Monrovia ist gespannt auf die kommenden Entwicklungen.

 (DR)

KNA: Herr Erzbischof, wie ist die momentane Stimmung in Liberia?

Zeigler: Nach der Wahl am Dienstag sind die Erwartungen hier groß. Uns beherrscht die Frage, wer die Wahlen gewinnen wird. Allerdings sind viele Menschen auch besorgt: Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir die Ergebnisse bekommen.



KNA: An Ihrem Zeigefinger ist noch die Tinte vom Wahltag. Sie sind also selbst auch wählen gegangen?

Zeigler: Natürlich. Es war ein tolles Erlebnis und eine Überraschung. Wir hier in Liberia hassen Regen. Sobald es anfängt zu tröpfeln, flüchten wir. Doch am Wahltag haben alle ausgeharrt und stundenlang geduldig im Regen gewartet. Damit hätte ich nie gerechnet.



KNA: International wird Liberia vor allem mit dem grausamen Bürgerkrieg, der mit Unterbrechungen von 1989 bis 2003 tobte, in Verbindung gebracht. Wie häufig ist er noch Thema?

Zeigler: In all den Jahren habe ich das Land nicht verlassen. Damals war ich in Gbarnga, in Zentralliberia. Es ist gut, dass wir weiter über den Krieg sprechen, über unterhaltsame Dinge, über solche, durch die wir fast unser Leben verloren hätten. Mitunter machen wir sogar Spaß darüber. Für mich ist das wie Medizin. So können wir die Erlebnisse verarbeiten und damit leben.



KNA: Welche besonders schlimme Erinnerung haben Sie an den Krieg?

Zeigler: Der für mich schlimmste Tag war der 8. September 1994. Gegen fünf Uhr morgens hörten wir auf der Missionsstation in Gbarnga eine laute Explosion, dann Schüsse, Stimmengewirr und Menschen in Panik. Ich blieb im Haus, bis die Rebellen kamen. Drei Jungs, meine Schwester und meine Nichte waren bei mir. Die Rebellen forderten Geld, ich gab ihnen alle Schlüssel und sagte: Ich will überleben, mehr nicht. Sie hielten mir eine Pistole an den Kopf. Ich habe gedacht: Jetzt ist es aus. Aber dann fuhren sie uns mit einem Auto von der Missionsstation weg und zu anderen Rebellen. Irgendwann ließen sie uns laufen. Ich danke Gott, dass ich heute hier bin.



KNA: Konnten Sie den Menschen vergeben?

Zeigler: Ja, denn auch Gott hat mir so oft vergeben. Wenn ich heute einen von ihnen wiedersehen würde, wäre da kein Hass. Ich weiß nicht, ob sie es wirklich aus eigenem Antrieb getan haben. Die meisten dieser Soldaten standen ständig unter Drogen.



KNA: Vor einigen Jahren hat Liberia eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach südafrikanischem Vorbild gegründet. Hilft diese Kommission, um besser mit der Vergangenheit umgehen zu können?

Zeigler: Aus meiner Sicht sind wir darauf nicht vorbereitet gewesen.  Wir haben so schlimme Erfahrungen gemacht und sind noch nicht soweit, einander zu vergeben. Viele Menschen fordern nach wie vor Vergeltung. Vor der Kommission sagen sie häufig aus, sie hätten doch das Recht gehabt zu tun, was sie getan haben. Ich sage es ungern: Die Kommission war eine gute Idee, aber mit ihr hat man nur Geld aus dem Fenster geworfen. In Südafrika war das anders. Nelson Mandela hat dort gezeigt: Er kann vergeben, was immer ihm die Menschen angetan haben.



KNA: Wann wird Liberia denn in der Lage sein zu vergeben?

Zeigler: Das wird noch lange dauern. Dazu brauchen wir Versöhnungsprojekte, vor allem aber Zeit. Erst wenn die Menschen verstehen, was passiert ist, gleichzeitig aber nicht mehr den Schuldigen dafür suchen, wird es möglich sein. Noch sind die Wunden da, und sie schmerzen weiter. Das ist eine schlechte Voraussetzung für Versöhnung. Der Prozess wird lange dauern. Ein paar Jahre werden nicht dafür reichen.



KNA: Wie wird sich Liberia in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Zeigler: Schwer zu sagen. Vielleicht liege ich falsch, aber ich denke nicht, dass es wieder zu einem Krieg kommt. Der Wahltag etwa ist extrem friedlich verlaufen. Positiv war auch ein Erlebnis am letzten Tag des Wahlkampfes. Ich kam vom Gottesdienst zurück und war plötzlich umgeben von Anhängern der regierenden "Unity Party" und der Oppositionspartei "Congress for Democratic Change". Ich war mittendrin und hatte wirklich Angst. Aber alles ist sehr friedlich verlaufen. Das ist ein gutes Zeichen, und deshalb schätze ich, dass sich Liberia friedlich entwickeln wird. Die Menschen blicken in ihre Zukunft und wollen etwas dafür tun.



Das Gespräch führte Katrin Gänsler.