Erzbischof Thissen erinnert an Beginn der NS-Terrorherrschaft

Der Anfang vom Ende: 30. Januar 1933

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat zur Wachsamkeit und Einübung demokratischer Tugenden aufgerufen. Zugleich erinnerte er an den Beginn der NS-Terrorherrschaft vor 80 Jahren.

 (DR)

Mit der Vereidigung Adolf Hitlers als Reichskanzler am 30. Januar 1933 hätten «die dunkelsten Jahre in der Geschichte unseres Volkes» begonnen, sagte Thissen am Dienstag in Hamburg. Der Tag sei wegen des folgenden Völkermords und des Weltkriegs auch ein "Schicksalsdatum für Europa". Die Machtübernahme Hitlers habe damals aufgrund einer Wahl stattfinden können, mahnte der Erzbischof. "Unsere Demokratie ist mittlerweile über sechzig Jahre alt. Doch jede Generation muss aufs Neue ein waches Gewissen und demokratische Tugenden einüben", sagte er. Gerade für die Jugend sei "eine engagierte politische Bildung und ethische Orientierung absolut wichtig".

Thissen erinnerte auch daran, dass zehn Jahre nach Hitlers Machtergreifung vier Lübecker Geistliche in Hamburg ermordet wurden. Die katholischen Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink waren am 10. November 1943 in Hamburg für ihren Protest gegen das NS-Regime hingerichtet worden. 2011 wurden die Priester seliggesprochen. Stellbrink erhielt ein ehrendes Gedenken, da die evangelische Kirche keine Seligsprechungen kennt.

Germanistin fordert sensibleren Umgang mit Nazi-Vokabular

Die Germanistin Heidrun Kämper fordert zum 80. Jahrestag der Machtübernahme Hitlers einen sensibleren Umgang mit Sprache. Mit NS-Begriffen wie "Machtergreifung" oder "Reichskristallnacht" sollten die Deutschen vorsichtig sein und zumindest ihren Sinn hinterfragen, sagte die Professorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Zugleich räumte Kämper ein, dass Sprache bei der Beschreibung der Realität Grenzen habe. "Sprache verharmlost das, was geschehen ist", sagte sie mit Blick auf die Leiden der NS-Opfer und der Ereignisse in den Konzentrationslagern. "Das soll uns natürlich nicht daran hindern, es trotzdem zu benennen."

Den Begriff der "Machtergreifung" Hitlers bezeichnete die Wissenschaftlerin als nicht angemessen. Der von den Nazis selbst propagierte Ausdruck suggeriere, dass eine entschlossene Person alleine die Macht an sich gerissen habe. Die Forschung habe aber gezeigt, "dass es sehr viele Beteiligte gab, dass der vormalige Reichskanzler Franz von Papen Hitler die Macht tatsächlich übergeben hat. Die Nationalsozialisten wurden offiziell gewählt, und die Deutschen haben dem auch begeistert zugestimmt. Es war also eine Machtübergabe".

Kämper räumte ein, dass auch der Duden während der NS-Zeit "ideologisiert" worden sei und etwa das Wort "Machtergreifung" schon 1934 übernommen habe. Der von den Nationalsozialisten selbst geschaffene Wortschatz sei aber eigentlich sehr überschaubar, betonte die Sprachexpertin. "Wenn wir über NS-Sprache reden, müssen wir uns klar sein, dass es da eher um die Deutungen geht."

Nach 1945 sei das Bewusstsein über die Verschmutzung der deutschen Sprache sehr hoch gewesen. "Es hat zum Beispiel in den Tageszeitungen Glossen gegeben, in denen gezielt NS-Ausdrücke analysiert und kritisiert wurden", sagte Kämper. Dennoch, und hier müsse sie ihre eigene Zunft, die Germanistik, kritisieren, habe es auch lange Jahre Wörterbücher gegeben, die nicht entnazifiziert wurden.

Nach Einschätzung der Germanistin ist die Sensibilität gegenüber der Sprache der Nationalsozialisten auch heute noch hoch. Dennoch fänden sich immer noch viele unreflektierte Aussagen in der Öffentlichkeit - etwa eine frühere Werbekampagne von Nokia mit dem Titel "Jedem das seine". Eine öffentliche Diskussion darüber sei hilfreich, um dies in das Bewusstsein der Menschen zu bringen.

Merkel eröffnet Ausstellung zur Machtergreifung Hitlers

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am 30. Januar in der Berliner Topographie des Terrors eine Ausstellung zum 80. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers eröffnen. Aus Witterungsgründen wird die Schau "Berlin 1933 - Der Weg in die Diktatur" zunächst im Gebäude des NS-Dokumentationszentrums gezeigt. Ab März wird sie unter freiem Himmel auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Zentrale zu sehen sein.

Zusammen mit der Dokumentation "Zerstörte Vielfalt" im Deutschen Historischen Museum ist die Ausstellung Auftakt für das gleichnamige Berliner Themenjahr, das bis zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht im November reicht. Das Themenjahr wird am Abend des 30. Januar vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Deutschen Historischen Museum offiziell eröffnet.

Quelle:
epd , KNA