Erzbischof Heße feiert Gottesdienst in ukrainischer Gemeinde

"Die Liebe ist immer stärker als jede Waffe"

In einem bewegenden Gottesdienst hat die ukrainische Gemeinde in Hamburg am Sonntag um Frieden gebetet. In seiner Predigt versuchte Erzbischof Stefan Heße zu trösten und rief zur Aufnahme von Flüchtlingen auf.

Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, im Gottesdienst mit der ukrainisch-katholischen Gemeinde Hamburg / © Lars Berg (KNA)
Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, im Gottesdienst mit der ukrainisch-katholischen Gemeinde Hamburg / © Lars Berg ( KNA )

Ostap Kostyk und seine Frau haben eine große ukrainische Flagge mitgebracht, ihre fünf- und elfjährigen Söhne halten blaue und gelbe Luftballons in der Hand. Die Familie ist gekommen, um am Gottesdienst der ukrainisch-katholischen Gemeinde in Hamburg-Neugraben teilzunehmen. "Wir können nicht zuhause sitzen, während die Bomben fliegen", sagt Kostyk. "Wir möchten beten und der Welt die Wahrheit zeigen, was mit unserem Land passiert." Eltern und Schwiegereltern sind noch in der Ukraine. Ein Bruder seiner Frau und weitere Verwandte kämpfen im Krieg. "Nur von manchen haben wir Informationen", so Kostyk mit zitternder Stimme.

Erzbischof Heße: "Wir stehen an eurer Seite"

Frauen in der ukrainisch-katholischen Gemeinde in Hamburg
Frauen in der ukrainisch-katholischen Gemeinde in Hamburg

Mehr als 100 Menschen versammeln sich an diesem sonnigen Sonntagmorgen zum Gottesdienst in der Allerheiligenkirche im Hamburger Süden, die im ostkirchlichen Stil bunt ausgemalt ist. Viele zünden eine Kerze vor einer Marien-Ikone an. Aus Solidarität ist der römisch-katholische Hamburger Erzbischof Stefan Heße zu Gast.

"Ich bin gekommen, um zu zeigen: Wir stehen an eurer Seite", sagt er in seiner Predigt. "Unsere Gedanken sind jetzt bei den Menschen, die unseren Beistand brauchen." Das Gebet sei nicht einfach nur ein Akt der Hilflosigkeit, sondern Ausdruck des Glaubens und Zeichen gegen den Krieg. "Die Liebe ist immer stärker als jede Waffe." Er gebe die Hoffnung nicht auf, dass man wieder an den Verhandlungstisch zurückkehre.

Der Pfarrer der Gemeinde, Pavlo Tsvok, bedankt sich für den Besuch des Erzbischofs "zur Unterstützung unseres leidgeprüften ukrainischen Volkes", wie er sagt. "Es ist entsetzlich. Unser Heimatland geht durch das Bombardement des Moskauer Agressors zugrunde", so Tsvok. Dann wendet er sich auf Ukrainisch an die Gemeinde. Er spricht laut, gestikuliert viel, ist mehrmals den Tränen nahe. "Putin ist Teufel", entfährt ihm zwischendurch auf Deutsch. "Slawa Ukrajini!" - "Hoch lebe die Ukraine!", ruft er zum Abschluss, und die Gemeinde erwidert den Ruf.

Inna Borysyuk

"Putins Plan war, uns alle zu zerstören, aber er hat uns alle vereint. Alle kämpfen miteinander. Wir schaffen das."

Nach dem Gottesdienst findet vor der Kirche eine spontane Kundgebung statt, bei der auch die Generalkonsulin der Ukraine in Hamburg, Iryna Tybinka, spricht. Sie lobt die Kampfbereitschaft ihres Volkes und macht den Menschen Mut. "Der Feind hat sich geirrt", meint sie. "Wir sehen Bilder von Leuten, die die Panzer mit bloßen Händen aufhalten." Putin könne die Ukraine nicht kampflos einnehmen.

Inna Borysyuk, die seit 20 Jahren in Hamburg lebt, berichtet von ihren beiden Nichten, die sich entschieden haben, vorerst in der Ukraine zu bleiben. "Alle zwei Stunden schreiben sie, dass sie wieder im Keller sitzen", erzählt sie und muss weinen. "Putins Plan war, uns alle zu zerstören, aber er hat uns alle vereint. Alle kämpfen miteinander. Wir schaffen das." Einige Versammelte sind bereits dabei, erste Hilfsangebote zu organisieren. Eine Ärztin erzählt, gemeinsam mit weiteren ukrainischen Medizinern aus ganz Deutschland, plane sie einen Hilfstransport mit medizinischen Gütern in das Kriegsgebiet. Die Kirchengemeinde ist dabei, ihr Gemeindehaus für die Aufnahme von Flüchtlingen herzurichten.

Zuvor hatte Erzbischof Heße in seiner Predigt zur Aufnahme der Vertriebenen aufgerufen. Eine Handvoll Menschen sei schon in Hamburg angekommen. "Denen ein Obdach zu geben, ist unser Auftrag", so Heße, der auch Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Die Kundgebung endet mit dem gemeinsamen Singen der ukrainischen Nationalhymne. "Slawa Ukrajini", rufen die Menschen erneut, bevor sie auseinandergehen.

Autor/in:
Michael Althaus
Quelle:
KNA