DOMRADIO.DE: Herr Erzbischof Bentz, mehr als 200 Geistliche sollen laut der neuen Studie fast 500 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Was hat das mit Ihnen gemacht, diese Zahlen zu hören?
Udo Markus Bentz (Erzbischof von Paderborn): Die Zahl war für mich nicht überraschend, weil wir über die ganzen Jahre hinweg sehr kontinuierlich die Veränderungen unserer Zahlen auch öffentlich kommuniziert haben. Statistik hat immer das Problem festzustellen, welche Kriterien es braucht und wie bestimmte Zahlen zusammenkommen. Aber wir haben noch einmal bestätigt bekommen, dass die Zahlen der Studie mit unseren kontinuierlich kommunizierten Zahlen weitestgehend übereinstimmen. Das ist aber Statistik, darum geht es mir gar nicht. Mich hat der gestrige Tag sehr berührt.
Wie Professorin Nicole Priesching auch von einzelnen Situationen gesprochen hat. Sie hat Betroffene und Zeitzeugen zu Wort kommen lassen; das sehe ich als eine Stärke der Studie. Aus dieser Perspektive bekommen wir Erkenntnisse. Das hat mich natürlich berührt.
Jetzt habe ich im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Hand, eben weil ich noch nicht so lange im Bistum bin. Jetzt habe ich etwas, mit dem ich mich auseinandersetzen kann, auch mit diesem dunklen Teil der Geschichte des Erzbistums Paderborn. Dieses Erzbistum ist großartig. Das habe ich vorhin auch gesagt. Ich bin eigentlich jeden Tag dankbar für das, was unsere Priester, pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Initiativen möglich machen. Aber es gehört eben auch dazu, diesen Teil unserer Geschichte wahrzunehmen und ihm einen entsprechenden Raum zu geben. Das berührt mich. Wir wollten es wissen und wir wollen es wissen. Und deswegen werde ich mit dieser Studie in der Hand einen neuen Blick auf dieses Erzbistum bekommen.
DOMRADIO.DE: Im Vorfeld der Präsentation wurden außerdem schwere Vorwürfe gegen den früheren Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt laut: Er soll nicht nur Missbrauch vertuscht haben, sondern selbst Täter gewesen sein. Einige Medien haben die Vorwürfe gegen Erzbischof Degenhardt aufgegriffen, obwohl es in der neuen Studie dazu keine konkreten Hinweise gab. Was sagen Sie dazu?
Bentz: Ich kann das verstehen. Aber ich fand es schade. Denn es gab keinen Anlass für dieses Thema, weil es keine neuen Erkenntnisse gibt. Im Oktober 2025 haben wir bereits alle Details sehr umfangreich öffentlich kommuniziert, und damals war die Resonanz sehr verhalten. Jetzt im Zusammenhang mit der Studie hat dieses Thema natürlich noch einmal eine eigene Dynamik bekommen. Unser Interventionsbeauftragter, aber auch Professorin Nicole Priesching haben aber noch einmal deutlich gemacht, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine neuen Erkenntnisse vorliegen.
Hinzu kommt, dass die bisherigen Hinweise in ihrer Quellenlage und auch in der Plausibilisierung durch externe Experten so dünn sind, dass wir derzeit von einer nicht hinreichenden Plausibilität der Vorwürfe ausgehen müssen. Es kann sein, dass sich das in der nächsten Zeit ändert. Aber ich habe heute in der Pressekonferenz noch einmal deutlich gemacht, dass wir dann auch möglichst zeitnah und transparent über die Entwicklungen die Öffentlichkeit informieren. So wie es zu unserer Kultur und zu unserem Stil in Paderborn dazugehört.
DOMRADIO.DE: Im kommenden Jahr soll ein zweiter Missbrauchsbericht veröffentlicht werden. Welchen Umgang wünschen Sie sich in Ihrem Bistum mit Missbrauch?
Bentz: Wir gestalten einen Kulturwandel, der schon längst im Gange ist. Wir werden jetzt die Ergebnisse der Studie zusammen mit der unabhängigen Aufarbeitungskommission und der Betroffenenvertretung auswerten. Wir wollen uns fragen: Wo sind wir auf unserem Weg des Kulturwandels bestätigt worden und wo können wir noch weitergehen. Ich erhoffe mir vor allen Dingen, dass Betroffene auch durch diese Studie spüren, dass wir ihnen glauben und dass sie Raum haben. Herr Harnisch (Vorstand der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn) hat heute gesagt, dass sie die Wahrheit gesagt hatten und ihnen nicht geglaubt worden ist. Heute sei das anders.
Wir haben durch diese Studie sehr viel Sensibilität entwickelt, unseren Kulturwandel auch ganz konkret auf allen Ebenen im Bistum Paderborn voranzutreiben. Ein Ergebnis der Studie ist auch, dass es auf allen Ebenen ein Thema und ein Problem war, sexualisierte Gewalt zu melden. Deswegen sind Prävention, Kulturwandel, verändertes Sprechen eine Aufgabe für das ganze Bistum Paderborn - auf allen Ebenen. Ich bin sehr froh, dass wir in dieser Hinsicht auch mit unserer gesamten Präventionsarbeit gut unterwegs sind. Das wird uns, glaube ich, auch von außen attestiert.
Das Interview führte Moritz Mayer.