Indische Ordensschwester nimmt Regierung in die Pflicht

"Epidemische Lage nicht ernstgenommen"

Schwester Lillymaria Francis von den Karmelitinnen in Essen war noch vor zwei Wochen im südindischen Kerala. Die dramatische Corona-Lage im Landesinneren führt sie auf eine weit umgreifende Sorglosigkeit von Politik und Bürgern zurück.

Mumbai: Corona-Patienten im Rollstuhl vor Jumbo Covid-19 Krankenhaus / © Rafiq Maqbool (dpa)
Mumbai: Corona-Patienten im Rollstuhl vor Jumbo Covid-19 Krankenhaus / © Rafiq Maqbool ( dpa )

DOMRADIO.DE:  Wie haben Sie denn die Situation erlebt, als Sie gerade in Kerala waren?

Sr. Lillymaria Francis (Karmelitin in Essen): In Kerala ist es nicht so dramatisch, wie es in Zentral-Indien ist. Wir haben die Nachrichten aus Neu-Delhi gehört, dass es immer schlimmer wird. Aber die Regierung hat das anscheinend nicht so ernst genommen. Sie haben ja den religiösen Gruppen erlaubt, ihre Riten im Ganges zu vollziehen und dabei sind mehrere tausend Leute erkrankt.

Als wir vor zwei Wochen aus Indien zurückkamen, fand eine Wahl in Indien statt. Da haben sie auch keine Maßnahmen ergriffen und sich nicht an die Hygiene-Regeln gehalten. Dies sind die Hauptursachen, dass es so plötzlich so schlimm geworden ist.

DOMRADIO.DE: Also Ihrer Meinung nach trägt die Regierung die Verantwortung für die Situation in Indien?

Sr. Lillymaria: Ja, vermutlich zu 50 Prozent.

DOMRADIO.DE: Und die anderen 50 Prozent?

Sr. Lillymaria: Vielleicht haben die Leute die Lage selber auch nicht mehr so ernst genommen. Auch bei den Wahlkämpfen haben sie sich nicht an die Regeln gehalten, keinen Abstand gehalten, keinen Mundschutz getragen und so weiter. Die Zentralregierung hat auch die Notwendigkeit der Impfungen nicht ernst genommen. Jetzt stehen sie vor dieser Situation.

DOMRADIO.DE: Wissen die Menschen denn, wie sie sich vor einer Ansteckung schützen sollen?

Sr. Lillymaria: Ja, in den kleinen Orten sind Polizei und Ordnungsämter unterwegs. Sie gehen von Haus zu Haus und informieren die Leute darüber, wie sie sich schützen müssen. Und auch im Fernsehen und in Whatsapp wird man informiert.

DOMRADIO.DE: Und warum halten die Menschen sich nicht dran? Haben Sie eine Erklärung?

Sr. Lillymaria: Die haben vielleicht die Ernsthaftigkeit nicht wahrgenommen.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben die EU, England, die USA und selbst Pakistan Hilfen angekündigt, medizinisches Gerät und Sauerstoff zu schicken. Welche Hilfe wäre denn Ihrer Meinung nach jetzt außer medizinischem Gerät vonnöten?

Sr. Lillymaria: Die wirtschaftliche Situation ist ja auch nicht gut. Die Leute haben kaum etwas zu essen. Die kleinen Firmen und kleinen Gaststätten haben wegen dieser Pandemie lange nicht öffnen können. Lebensmittel werden von der Zentralregierung auch kaum verteilt.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielen denn die Kirchen beim Umgang mit der Pandemie?

Sr. Lillymaria: Die katholische Kirche tut ihr Bestes. Es gibt auch mehrere Priester und Ordensleute, die Leuten geholfen haben und dann kurze Zeit später erkrankt und gestorben sind. Aber die Kirche macht, was sie kann. Sie ermöglicht den Menschen auch Gottesdienste mit Schutzmaßnahmen. Aber wenn es notwendig war, haben sie auch Online-Gottesdienste veranstaltet.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Quelle:
DR