Einen Monat nach Berliner Attentat überschlagen sich Debatten

Das Unfassbare verarbeiten

Ist Deutschland sicher? Soll ein Teil des Lasters, der auf einen Berliner Weihnachtsmarkt raste, ins Museum? Das Attentat hat viele Themen auf die Agenda gesetzt. Ein ganz wichtiges fehlt jedoch, monieren Kritiker.

Trauer in Berlin / © Markus Nowak (KNA)
Trauer in Berlin / © Markus Nowak ( KNA )

Wer über das vergangene Jahr spricht, sagt häufig, dass 2016 die Welt aus den Fugen geraten sei. Kurz vor Jahresende ist auch das Privatleben von Dutzenden Menschen beschädigt oder zerstört  worden: Vor vier Wochen, am 19. Dezember, raste ein Tunesier mit einem Lastwagen auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Bei dem Anschlag kamen 12 Menschen ums Leben, mehr als 50 wurden verletzt. Unter den Toten sind nicht nur Deutsche, denn die Buden an der Gedächtniskirche im Herzen Westberlins sind auch bei Touristen beliebt.

Weißer Ring hilft

Die Verletzten und Angehörigen der Toten müssten das "Unfassbare dieses Erlebnisses" verarbeiten, sagt Gisela Raimund, Sprecherin des Berliner Landesverbandes des Opferhilfevereins Weißer Ring, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Sie sind traumatisiert und in einem Schockzustand." Momentan sei für sie neben der aktuellen Betreuung sowie der Vermittlung an Experten vor allem Ruhe wichtig.

Der Weiße Ring stelle auch Geld zur Verfügung. Es gebe Spenden. In einem TV-Beitrag hatte es geheißen, dass der Weiße Ring rund 22 Menschen, die von dem Attentat betroffen sind, unterstützt und etwa an Traumatherapeuten vermittelt. Auch der Psychotraumatologe Olaf Schulte-Herbrüggen kam zu Wort, der betonte, was manche Betroffenen durchmachten: Sie kämen nicht gut in den Alltag, weinten oft, hätten Ängste, die Gedanken kreisten um das Geschehen.

Als der Sarg mit der Leiche einer Italienerin auf einem Flughafen in Rom empfangen wurde, waren Staatspolitiker dabei. Um den polnischen Lastwagenfahrer, der nach dem Anschlag tot auf dem Beifahrersitz des mutmaßlich gekaperten Fahrzeugs entdeckt worden war, wurde in seiner Heimat unter großer Anteilnahme getrauert. In dem Blumen- und Lichtermeer am Berliner Tatort waren auch im neuen Jahr weiß-rote polnische Fähnchen, Fotos des Fahrers und ein Porträt des früheren polnischen Papstes Johannes Paul II. zu sehen.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte der KNA: "Ich bin überzeugt, dass wir erst mit einigem Abstand ermessen können, was der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt für das Zusammenleben in Berlin bedeutet, ich will das gut im Blick behalten." Kritiker monieren, dass in Deutschland von offizieller Seite nicht ausreichend der Opfer gedacht werde.

Keine zentrale Gedenkfeier

Hochrangige Politiker - darunter die Bundeskanzlerin sowie der Bundespräsident - hatten am Abend nach dem Anschlag zwar an einem Gottesdienst in der Gedächtniskirche teilgenommen. Bisher drehte sich die öffentliche Diskussion aber vor allem um den Täter, seine Herkunft, seinen Flüchtlingsstatus und Sicherheitsaspekte. Oder ob es angemessen wäre, ein Teil des Lasters ins Bonner Haus der Geschichte zu holen. Eine zentrale Gedenkfeier war bisher nicht geplant.

"Ich finde die mangelnde Beachtung vonseiten des Staates traurig und unwürdig" - so lautet eine viel zitierte Äußerung einer Angehörigen eines Verletzten aus dem "Tagesspiegel". In der vergangenen Woche hatte es eine Schweigeminute im Berliner Abgeordnetenhaus gegeben.

Bundestagspräsident Norbert Lammert will an diesem Donnerstag "vor Eintritt in die Tagesordnung zum Gedenken sprechen". Am Abend ist in Berlin zudem ein multinationaler Gedenkgottesdienst geplant.

Trauma-Experte Georg Pieper gibt zu bedenken, dass Menschen auf unterschiedliche Art trauern. Er hält Schweigeminuten für hilfreich. "Gedenkmomente" - sofern sie nicht "bombastisch" inszeniert würden - förderten das Zusammengehörigkeitsgefühl, sagte er jüngst der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Man ist in Deutschland vorsichtig damit, Getötete als Helden zu stilisieren. Man will das nicht zu hoch hängen. Ich halte das für klug."

Raimund vom Weißen Ring will sich zwar nicht zur konkreten Debatte über das Opfergedenken äußern - oder Meinungen von Menschen wiedergeben, die von dem Verein betreut werden. Sie sagt aber, dass generell Kriminalitätsopfern zu wenig Beachtung geschenkt werde.

Der Pfarrer der Gedächtniskirche, Martin Germer, kündigte an, neben dem Gotteshaus einen zentralen Gedenkort für die Opfer zu schaffen. Er rechne noch in diesem Jahr mit einer Gedenktafel. Die Berliner Senatskanzlei erklärte, dass sie Überlegungen für einen Gedenkort konstruktiv unterstütze.

Autor/in:
Leticia Witte
Quelle:
KNA