Laut französischer Missbrauchsstudie 216.000 Opfer seit 1950

"Eine Schande für die Menschlichkeit"

Jetzt liegen die zahlen auf dem Tisch: In der katholischen Kirche in Frankreich hat es laut einer Untersuchung seit 1950 geschätzt 216.000 minderjährige Opfer sexueller Übergriffe durch Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeiter gegeben. 

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Französische Flagge vor dem Eiffelturm / © Peter Kneffel (dpa)
Französische Flagge vor dem Eiffelturm / © Peter Kneffel ( dpa )

Man habe zwischen 2.900 und 3.200 potenzielle Täter ermittelt, so das Ergebnis einer unabhängigen Kommission, deren Gründung die französischen Bischöfe im November 2018 in Auftrag gegeben hatten.

Papst zeigte sich bestürzt

Nimmt man Laien und Kirchenmitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen, Schulen, Pfarreien und Katechese hinzu, so kommt die Kommission sogar auf geschätzt 330.000 Opfer. Papst Franziskus äußerte sich bestürzt.

Am Dienstag übergab der Vorsitzende der Untersuchungskommission, der frühere Richter Jean-Marc Sauve, öffentlich den rund 2.500 Seiten umfassenden Abschlussbericht an die Vorsitzenden der Bischofskonferenz und der Konferenz der Ordensleute, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort von Reims und Schwester Veronique Margron.

Sauve präzisierte, bei der Schätzung der Opferzahl handele es sich nicht um durch Quellen verbürgte Vorgänge, sondern um Hochrechnungen auf sexualwissenschaftlicher Basis. Dabei seien etwa der Zugang pädophiler Lehrer zu Schülern über viele Jahre und die statistische Häufigkeit von Taten pro einschlägigem Täter in Anschlag gebracht worden.

Zum Vergleich: In Deutschland fanden sich laut der bislang größten Studie zum Thema von 2018 in kirchlichen Personalakten zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 Beschuldigte, darunter mehrheitlich Priester, sowie 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe.

Allerdings handelte es sich dort um eine sogenannte Hellfeldstudie, bei der lediglich tatsächlich belegte Fälle registriert und nicht die mutmaßliche Dunkelziffer zugrunde gelegt wird. Der vatikanische Kinderschutz-Experte Hans Zollner sagte der "Süddeutschen Zeitung", in anderen Ländern seien "ähnliche Zahlen zu erwarten" wie nun aus Frankreich.

"Eine Schande für die Menschlichkeit"

Bei der Präsentation des Abschlussberichts dankte das Missbrauchsopfer Francois Devaux der Kommission für ihre "enorme Arbeit". An die Adresse der Kirchenleitung sagte er: "Meine Herren, Sie sind eine Schande für die Menschlichkeit." Die Kirche trage Verantwortung für ungezählte Verbrechen, und, so Devaux: "Sie müssen für jedes dieser Verbrechen bezahlen."

Der Kommissionsvorsitzende Sauve sprach für die Vergangenheit von "systemischer Vertuschung" durch Kirchenobere. Das kirchliche Prinzip des Gehorsams und die Ausnutzung von Charisma gegenüber Gläubigen hätten Sexualverbrechen durch Geistliche massiv begünstigt. Nicht hinnehmbar, so Sauve, sei die Verbindung von katholischer Sexualmoral, also etwa der Tabuisierung von außerehelicher Sexualität, und der offenkundigen sexuellen Verbrechen im Geheimen.

Er legte mit dem Abschlussbericht auch einen Katalog von Empfehlungen zur Prävention vor. Dazu zählen bessere Kontrollmechanismen und Priesterausbildung, eine Verschärfung des Kirchenrechts sowie absolute Transparenz im Umgang mit entsprechenden Vorwürfen. Zudem empfiehlt die Kommission eine angemessene finanzielle Entschädigung für jedes Opfer.

Entschuldigung im Namen der Bischöfe

Der Bischofskonferenz-Vorsitzende de Moulins-Beaufort nannte den Bericht "barsch und streng", die Worte von Missbrauchsopfer Devaux "brutal" und "wahr". Namens der Bischöfe entschuldigte er sich einmal mehr bei den anwesenden Opfern und bei jenen Tausenden, die "niemals mehr" sprechen könnten. Die Kommission habe eine "formidable Arbeit geleistet", so de Moulins-Beaufort. Frankreichs Bischöfe hatten in März einen Katalog mit elf Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch beschlossen.

Die Unabhängige Untersuchungskommission zu sexuellem Missbrauch in der Kirche (Ciase) aus Juristen, Medizinern, Historikern und Theologen wurde Ende 2018 eingesetzt. Ihre Ergebnisse basieren auf Daten aus Archiven von Kirche, Justiz, Staatsanwaltschaft und Medien sowie auf Zeugen- und Opferanhörungen. Die Ciase hatte mehrere tausend Zuschriften erhalten und Hunderte Interviews mit Zeugen und mutmaßlichen Opfern geführt.

Der Sprecher der deutschen Initiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch, verwies auf Parallelen zu Studienergebnissen in Deutschland. Auch hier gebe es einen hohen Prozentsatz an Tätern im Klerus, eine hohe Zahl von Opfern je Täter, ein "Täterschutzprogramm" von Bischöfen und Ordensverantwortlichen sowie ein "Kleinhalten der Opfer".

Für Deutschland kritisierte Katsch, die Erschütterung durch die MHG-Studie von 2018 sei nicht in mutige Aufarbeitung gemündet. Man habe der Kirche "wieder das Heft des Handels überlassen". Nun sei eine unübersichtliche Zahl lokaler Untersuchungen angekündigt. So verflüchtigten sich die Zahlen und Verantwortung verdunste.


Quelle:
KNA