Eine Hommage zum 100. Geburtstag von Loriot

"Ich glaube, Gott und Loriot haben viel Spaß zusammen"

Loriot wäre am 12. November 100 Jahre alt geworden. Sein Humor ist deutschlandweit bekannt. Aber trotz oder gerade wegen seines Glaubens nahm er die Kirche und ihr Bodenpersonal niemals aufs Korn. Ein Gespräch mit seinem Namensvetter.

Vicco von Bülow alias Loriot / © akg-images GmbH (epd)
Vicco von Bülow alias Loriot / © akg-images GmbH ( epd )

DOMRADIO.DE: Sie heißen "Vicco von Bülow", wie Ihr berühmter Verwandter. Wie oft müssen Sie eigentlich erklären, dass Sie wirklich so heißen und ob Sie mit Loriot verwandt sind?

Loriots Namensvetter Vicco von Bülow (privat)
Loriots Namensvetter Vicco von Bülow / ( privat )

Dr. Vicco von Bülow (Pfarrer in der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen): Bis vor zehn Jahren, als Loriot gestorben ist, haben mich tatsächlich Leute gefragt, ob ich Loriot sei. Als Loriot 85 Jahre alt wurde, hatte ich auf meinem Anrufbeantworter mehrere Geburtstagsglückwünsche, ich habe mich noch nie so alt gefühlt wie an dem Tag. Seit Loriot 2011 gestorben ist – und das wissen die meisten – möchten die Leute immer wissen, wie eng ich mit Loriot verwandt bin. Und das werde ich an jedem Tag gefragt, an dem ich neue Menschen kennenlerne.

DOMRADIO.DE: Entschuldigung, würden Sie es uns bitte auch noch mal erklären?

Von Bülow: Dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, weil das wirklich ganz viele tun und das für mich ganz normal ist. Das Schöne ist, dass alle, die Loriot kennen, ihn gut finden. Dadurch bekomme ich völlig unverdienter Weise einen kleinen Vertrauensvorschuss, den ich gerne annehme.

Was den Verwandtschaftsgrad angeht: Die Familie von Bülow lässt sich bis in Jahr 1229 zurückverfolgen, also relativ weit zurück in der Geschichte. Loriot und ich hatten nach 1400 keine bekannten Verwandten mehr miteinander, das ist also 15. oder 16. Generation Verwandtschaft.

DOMRADIO.DE: Das ist lange her.

Grabstätte von Loriot in Berlin / © Rolf Zöllner (epd)
Grabstätte von Loriot in Berlin / © Rolf Zöllner ( epd )

Von Bülow: Als Theologe sage ich gerne: Das ist vorreformatorisch gewesen.

DOMRADIO.DE: Aber Sie sind einander bei Familienfeiern begegnet. Wie haben Sie ihn als Privatmann erlebt?  

Von Bülow: Ja, die Großfamilie von Bülow kommt alle zwei Jahre zu einem Treffen mit 150 bis 200 Personen zusammen, das ist immer eine sehr gesellige und angenehme Sache. Da war er auch öfter dabei, aber total unauffällig und zurückhaltend. Keiner, der sich in den Vordergrund gespielt hat. Ich kann mich an das erste Mal erinnern, als ich ihn gesehen habe, da war ich 18 Jahre alt und bin auf ihn zugegangen. Und er hat er sich total offen und freundlich mit mir unterhalten.

Aber man hat schon das Gefühl gehabt, wenn er sitzt und herumguckt, dass er immer alles genau beobachtet. Irgendwo musste er das Material für seine Filme und Sketche herbekommen. Und man fragte sich: Was beobachtet er jetzt? Wie kommt das irgendwann in einem seiner nächsten Werke vor? Dieses aufmerksame Beobachten war schon sein Ding, das hat man deutlich gemerkt.

Vicco von Bülow

"Aber man hat schon das Gefühl gehabt, wenn er sitzt und herumguckt, dass er immer alles genau beobachtet. Irgendwo musste er das Material für seine Filme und Sketche herbekommen."

DOMRADIO.DE: Aber war er privat auch lustig?

Von Bülow: Ich habe ihn auf diesen Familientreffen nicht als Spaßbombe erlebt. Da war er ein netter älterer Herr, der sich mit netten älteren Damen unterhalten hat und er hat sich, wie gesagt, keinesfalls in den Vordergrund gestellt. Nach allem, was man von der engeren Familie weiß und von den Veröffentlichungen nach seinem Tod - da kamen die "Nachtschattengewächse" heraus, rund 400 kubistische Zeichnungen - kann man erkennen, dass er auch eine nachdenkliche Seite hatte.

Frankfurter Caricatura zeigt "Ach was, Loriot zum Hundertsten" / ©  Tim Wegner (epd)
Frankfurter Caricatura zeigt "Ach was, Loriot zum Hundertsten" / © Tim Wegner ( epd )

DOMRADIO.DE: Man weiß wenig über Loriots Verhältnis zu Kirche und Glaube. Wissen Sie als Pfarrer mehr?

Von Bülow: Loriot war Mitglied der evangelischen Kirche und hat nach 1989 den Dom in Brandenburg, in dem er getauft wurde, finanziell großzügig unterstützt. Aber er hat seinen Glauben nicht in den Vordergrund gestellt.

Interessant ist, dass in der Süddeutschen Zeitung einmal zitiert wurde, dass er ab und an mit Freunden und Familie über Friedhöfe marschiert ist und nach einer geeigneten Ruhestätte Ausschau Halt gehalten hat. Er hat sich also schon auf den Tod und das Zusammensein mit Gott bewusst vorbereitet. Und er hat den schönen Satz gesagt: "Ich glaube, dass der liebe Gott lachen kann!". Das spricht für einen tief in der Person verwurzelten Glauben, für die aber eben Humor auch so wichtig war, dass er überzeugt davon war, dass Gott lachen kann.

Als er dann gestorben ist, hat der "Art Directors Club" in Deutschland diese wunderschöne Todesanzeige geschaltet: "Lieber Gott, viel Spaß!". Und ich glaube auch, dass Loriot und Gott zusammen Spaß haben können und dass der lachende Gott mit dem lachenden Loriot manche guten Gespräche führt.

DOMRADIO.DE: Loriot hat in seinen Werken die Gesellschaft auf die Pieke genommen, eigentlich alles, was uns im Alltag begegnet. Gott, die Kirche und ihr Personal aber nie, obwohl das auch einiges an Humoristischem böte.

Von Bülow: Ja, die Kirche bietet auch Anlass zu Humor, es gibt Humor in der Kirche und man kann man auch mal Witze darüber machen. Aber das hat er tatsächlich nicht gemacht. Vielleicht ist das auch eine Generationen- oder Stilfrage. In vielen adligen Familien, gerade in dieser Generation, war Kirche etwas Wertvolles, über das man keine Witze macht.

Ich habe mich allerdings nie mit ihm konkret über seine Haltung zur Kirche unterhalten und gefragt, warum er darüber nichts gemacht hat. Aber das ist mir tatsächlich auch aufgefallen: Man kann schlechte Witze über Kirche machen, man kann gute Witze über Kirchen machen, aber beides hat er nicht getan.

DOMRADIO.DE: Aber Sie sind im Besitz des einzigen Knollennasenmännchens, das einen Pfarrer darstellt…

Von Bülow: Das ist eine große Kostbarkeit, die ich hüte. Es gibt bei diesen bülowschen Familientreffen für das abendlichen Festessen immer Tischkarten. Und die hat er freigiebig signiert. Es gibt auch andere, die original von Loriot signierte Tischkarten haben. Aber ich bin der Einzige, der eine Tischkarte hat, auf die Loriot ein Knollennasenmännchen mit Beffchen und Heiligenschein gezeichnet hat.

DOMRADIO.DE: Aber wir dürfen es nicht fotografieren und veröffentlichen?

Von Bülow: Nein, dabei geht es um Fragen des Urheberrechts, weil Menschen in der Vergangenheit versucht haben, mit Loriots Texten und Zeichnungen einen schnellen Euro zu machen. Und insofern wird da relativ rigide vorgegangen, wenn Loriots Zeichnungen unautorisiert veröffentlicht werden. Ich darf diese Zeichnung behalten, sie hängt bei mir an der Wand und ich freue mich jeden Tag darüber. Aber veröffentlichen darf ich sie nicht.

Frankfurter Caricatura zeigt eine Zeichnung in der Ausstellung "Ach was, Loriot zum Hundertsten" / © Tim Wegner (epd)
Frankfurter Caricatura zeigt eine Zeichnung in der Ausstellung "Ach was, Loriot zum Hundertsten" / © Tim Wegner ( epd )

DOMRADIO.DE: Fast jeder, der Loriot kennt, hat Szenen parat, die er oder sie zitieren kann: "Die Nudel" oder "Das Bild hängt schief". Welcher ist Ihr Lieblingssketch?

Von Bülow: Das ist ganz schwierig, weil es auch wechselt. Aber ein Sketch, den er gar nicht selber gespielt, sondern nur geschrieben hat, ist der "Lottogewinner" mit Erwin Lindemann, dessen Tochter mit dem Papst eine Boutique in Wuppertal eröffnen will. Das ist für mich wirklich großartig. Aber auch das Jodel-Diplom mit dem Futur II bei Sonnenaufgang, das sind schon tolle Sachen.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Quelle:
DR