Warum humorvoller Umgang mit Religionen Potential hat

Geschmacklose Satire oder Schenkelklopfer?

Wie passen Religion und Humor zusammen? Humor sei sehr individuell und könne auch problematische Züge annehmen, sagt Andreas Weiß. Trotzdem habe er Potential. Der Theologe hat sich in einem neuen Buch mit Humor im Glauben beschäftigt.

Als Papst verkleideter Mann im weißen Papstgewand / © Julia Rathcke (KNA)
Als Papst verkleideter Mann im weißen Papstgewand / © Julia Rathcke ( KNA )

DOMRADIO.DE: Monty Python hatte mit dem Film "Das Leben des Brian" damals einen Welterfolg. Die Kirche und viele Gläubige fanden das gar nicht so lustig. Muss man da einfach über seinen Schatten springen und sagen, dass es nicht den eigenen Humor trifft oder ist das nicht so einfach?

Andreas Weiß (Theologe und stellvertretender Direktor im Katholischen Bildungswerk Salzburg): Gerade bei Monty Python merkt man natürlich, dass Humor immer höchst individuell und biographisch eingebettet ist. Also einerseits muss man nicht alles lustig finden, was andere lustig finden. Aber Humor ist auch immer kulturell eingebettet und konnotiert. Besonders der englische Humor, der ja sogar sprichwörtlich geworden ist, zeigt das sehr, sehr gut.

Kulturell gibt es auch immer höchst starke und ausgrenzende Unterschiede. Das zeigt aber auch, warum Humor teilweise auch problematisch ist. Er legt Differenzen zwischen den Menschen offen. Humor baut auch darauf auf, dass es immer wieder Reflexionsgeschehen gibt, also "Wie kann ich denn das verstehen, was da jetzt gerade durch den Kakao gezogen wird?" Es braucht auch eine Fähigkeit zur Distanznahme zu sich selbst, zur eigenen Wirklichkeit. Das kann durchaus auch verletzend sein.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf unseren Kulturkreis. 2012 hat das Satiremagazin "Titanic" mit einer Papst-Darstellung provoziert. Es ging thematisch um eine undichte Stelle im Vatikan, von Titanic dargestellt als gelber Fleck auf der Soutane von Benedikt XVI. Furchtbar geschmacklose Satire oder Schenkelklopfer?

Weiß: Es hat auf jeden Fall die volle Bandbreite bedient. Der Kontext damals war die sogenannte "Vatileaks-Affäre", wo geheime Dokumente aus dem Vatikan nach außen gespielt wurden. Man sieht an diesem Beispiel sehr gut, wie Satire heute oftmals funktioniert. Es gehört natürlich zur Satire dazu, das wusste auch schon Kurt Tucholsky, dass sie provoziert, dass sie Grenzen überschreitet, dass sie Tabus bricht. Die Gefahr ist jedoch, dass sie grenzüberschreitend die Provokation, den ganzen Raum einnimmt. Wenn man die Botschaft nicht mehr erkennt, was damit eigentlich erreicht werden soll oder welcher Reflexionsprozess angestoßen werden soll, dann wird es problematisch.

Natürlich ist es auch problematisch, wenn bestimmte Personen öffentlich beleidigt werden. Ich bin der Meinung, man kann auch aus dieser satirischen Zeichnung oder der Fotomontage von "Titanic" durchaus produktive Diskurse führen über die Gebrechlichkeit im Amt von Amtsträgern, über die Menschlichkeit des Papstes, des Nachfolgers Petri. Aber die Frage ist natürlich: War das intendiert? Und ich glaube, dass das nicht intendiert war.

DOMRADIO.DE: Ein ganz anderes Thema sind die Mohammed-Karikaturen der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die haben ja schlimmste Reaktionen hervorgerufen. Mehrere Redakteure wurden im Nachgang ermordet. Waren die Veröffentlichungen damals zu rücksichtslos?

Weiß: Die Redakteure von Charlie Hebdo waren sich sicher ihrer Grenzüberschreitung bewusst. Das war 2015 nicht der erste Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die waren sich sicher bewusst, dass sie mit dem Feuer spielen. Grundsätzlich muss man sagen, die Veröffentlichung ist rechtlich gedeckt, von der Meinungsfreiheit gedeckt. Aber natürlich heißt es auch nicht, wenn etwas rechtlich gedeckt ist, dass es gut ist.

Das sind sehr unterschiedliche Diskurse, die hier in diese Auseinandersetzung hineinspielen. Was Charlie Hebdo gemacht hat war, dass sie mit einem religiösen Tabu gebrochen haben, nämlich den Propheten Mohammed darzustellen. Die Darstellung geht nämlich auch in andere Tabus, nämlich in die sexuelle Richtung. Sie waren sich dessen bewusst. Das muss man sagen.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hat vor einer Weile gesagt "Glaube darf nicht zu Spott und Satire werden". Sehen Sie das auch so?

Weiß: Das sehe ich auch so. Glaube darf selbst nicht zu Spott oder Satire werden. Ich bin aber der Meinung, Glaube und jegliche Religion muss sich auch damit auseinandersetzen, dass sie mit Widerspruch konfrontiert wird. Dieser Widerspruch oder diese Kritik kann auf unterschiedliche Weise kommen und da sind Spott und Satire auch Transportmittel.

Uns ist im Christentum, auch durch die Verspottung von Jesu, quasi ein Sinnbild gegeben. Wir können auch produktiv damit umgehen. Kritik kann sich im Verspottetwerden verbergen und kann auch Denkprozesse anstoßen. Das bedeutet also: Humor oder die eigene Humorfähigkeit, sich auch auf solche Hinterfragungen einzulassen, zeigt auch Räume zum Nachdenken von Dynamik. Es zeigt nicht zuletzt auch, dass jede Form von Glaube oder Religion in die Emotionalität, in die Fragilität des Lebens eingebunden bleibt und dass jedes Gottesbild auch ambivalent ist.

Das Interview führte Tobias Fricke.


Fünf Jahre "Charlie-Hebdo"-Anschlag / © Sara Houlison (dpa)
Fünf Jahre "Charlie-Hebdo"-Anschlag / © Sara Houlison ( dpa )
Quelle:
DR
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