Warum Achtsamkeit zum Frieden führt

"Eine allgemein menschliche Tugend"

Am 1. Januar begeht die katholische Kirche neben dem Hochfest der Gottesmutter Maria auch den Weltfriedenstag. Was die Achtsamkeit damit zu tun hat, erklärt Werner Höbsch von der katholischen Friedensbewegung Pax Christi im Interview.

Friedenstauben (dpa)
Friedenstauben / ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie kann Ihrer Meinung nach Achtsamkeit im christlichen Sinne aussehen?

Dr. Werner Höbsch (Experte für Fragen des interreligiösen Dialogs und Mitglied der katholischen Friedensbewegung Pax Christi): Achtsamkeit ist eine Haltung, die nicht allein auf das Christentum begrenzt ist, sondern eine allgemein menschliche Tugend. Aber sie hat im Christlichen noch eine besondere Bedeutung: Die Bibel spricht davon, dass Gott derjenige ist, der auf den Menschen achtet. Das Wort "Achtsamkeit" kommt mehr als Verb in der Bibel vor. Gott ist derjenige, der die Klagen und die Schreie der Versklavten hört, der die Leiden kennt. Und das ist die Grundhaltung.

DOMRADIO.DE: Da sind wir schon bei Ihrem "Lebensthema", dem interreligiösen Dialog. Dass sich unterschiedliche Religionsgemeinschaften gegenseitig zuhören, aufeinander hören, achtsam sind, wie gut funktioniert das heute?

Höbsch: Also die, die sich auf den Dialog einlassen, sind geprägt von einer dialogischen Haltung. Diese beginnt ja nicht damit, dass ich den anderen belehren möchte, sondern dass ich zuhöre. Dann gibt es aber auch das Gespräch in der Ich-Form: Wenn ich von meinem eigenen Glauben im Dialog spreche, dann spreche ich in der Ich-Form und antworte auf Fragen. Der Dialog misslingt ja immer da, wo er ersetzt wird durch zwei parallel geführte Monologe.

DOMRADIO.DE: Übertragen wir das mal auf aktuelle Themen: Bei Corona zum Beispiel bilden sich Lager. Da sind auf der einen Seite die Querdenker, die Corona-Leugner. Auf der anderen Seite diejenigen, die vielleicht Schutzmaßnahmen zustimmen und sich impfen lassen wollen. Wie schaffen wir es, eine solche Lagerbildung zu durchbrechen? 

Höbsch: Ja, wenn ich das genau wüsste. Erst einmal finde ich, ist die Corona-Situation eine Situation, in der der überwiegende Teil der Bevölkerung Achtsamkeit gelernt hat. Das Masketragen ist ja ein Schutz nicht nur für mich, sondern für andere. Achtung oder Abstand halten auch da, wo es schwerfällt, ist eine Folge von Achtsamkeit. Und wenn Menschen sagen "das gibt es alles gar nicht", dann hilft Achtsamkeit zwar in der Anerkennung der Würde jedes Menschen. Aber Achtsamkeit verlangt dann eben auch klare und deutliche Worte.

Achtsamkeit ist nicht die Problemlösung allein, sondern eine Haltung, mit der ich auf andere zugehe und wo ich dann eben auch deutliche Worte sagen muss, wenn andere hier die Achtung des anderen verletzen.

DOMRADIO.DE:  An diesem Freitag um 19 Uhr gibt es im Kölner Dom einen Gottesdienst zum Weltfriedenstag, bei dem die Achtsamkeit im Mittelpunkt steht. Um welches Thema wird es in Bezug auf den Frieden gehen? 

Höbsch: Es ist ein Gottesdienst, der unter dem Leitwort des Papstes steht: Die Kultur der Achtsamkeit als Weg zum Frieden. Dieses Thema kommt im Kyrie-Ruf, in den Fürbitten, in einer Meditation, nach der Kommunion vor. Der erste Januar ist ja auch ein Hochfest der Gottesmutter Maria in der katholischen Kirche.

Und da sehe ich eine Verbindung zur Achtsamkeit. Denn wenn wir hier Maria sehen, etwa in der Darstellung der Pietà, wo sie um ihren gefolterten und getöteten Sohn trauert, ist das ein Symbol, das alle Menschen kennen, die im Krieg, die in Leidenssituationen sind: Dass hier eine Mutter um den getöteten Sohn trauert. Hier sehe ich die Brücke zwischen Achtsamkeit und der Hinwendung zum Leidenden.

Wir von der katholischen Friedensbewegung Pax Christi Köln gestalten diesen Gottesdienst. Ich selber bin für Pax Christi seit mehr als 40 Jahren aktiv. Da versuchen wir uns genau in dieser Achtsamkeit einzuüben. In einer Achtsamkeit, die zu einer gewaltlosen Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, der Schöpfung, aber auch in Konflikten führt.

Das Gespräch führte Verena Tröster. 

Dr. Werner Höbsch / © privat
Dr. Werner Höbsch / © privat
Quelle:
DR