Berg-Karabach: Experte fordert internationale Intervention

Ein neuer Stellvertreterkrieg?

Die verfeindeten Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan kämpfen jetzt auch militärisch um die christlich geprägte Region Berg-Karabach. Die Nationen befinden sich jetzt offiziell im Kriegszustand. Einfluss nehmen könnte auch die örtliche Kirche.

Konfliktregion Berg-Karabach / © Damian Pankowiec (shutterstock)
Konfliktregion Berg-Karabach / © Damian Pankowiec ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Armenien und Aserbaidschan kämpfen seit dem Wochenende auch militärisch um die Region Berg-Karabach. Nach schweren Kämpfen mit Artilleriefeuern und vielen Toten und Verletzten befinden sich beide Nationen jetzt offiziell im Kriegszustand. Was bedeutet das für die Region?

Matthias Kopp (Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Kaukasus-Experte): Nach dem letzten schweren Krieg in den neunziger Jahren war es so, dass Armenien Teile von Berg-Karabach besetzt hat. Es hat Zwangsumsiedlungen gegeben, man hat einen Teil der Bevölkerung dort vertrieben und dann christliche Armenier dort angesiedelt. Dieser Konflikt ist bis heute nicht gelöst. Es gab immer nur eine Waffenstillstandslinie zwischen den beiden Ländern.

Es ist erschreckend, mit welcher Gewalt und Wucht dieser Konflikt am vergangenen Wochenende ausgebrochen ist. Es gab immer wieder Grenzscharmützel in den vergangenen Jahren. Das habe ich jetzt bei meinen Reisen nach Armenien erlebt. Noch vor einem Jahr war ich selbst in Berg-Karabach. Die Situation dort ist angespannt, aber was jetzt passiert, ist brandgefährlich.

DOMRADIO.DE: Wie gefährlich ist diese Eskalation jetzt für die ganze Region? Hat sie das Zeug dazu, einen Flächenbrand auszulösen?

Kopp: Ich hoffe nicht, dass es ein Flächenbrand wird. Aber es ist ein Konflikt, der dringende internationale Intervention benötigt. Man spürt bei dem, was dort los ist, dass es hier ein Stellvertreterkrieg werden könnte. Wladimir Putin unterstützt seit Jahren den armenischen Staat zum Entsetzen von Georgien, das angespannte Beziehungen zu Moskau hat. Die Türkei unterstützt seit Jahren Aserbaidschan. Jetzt scheint sich hier ein Konflikt zwischen Erdogan und Putin anzubahnen, der hochkritisch werden kann.

Deshalb hat das Ganze ein Konfliktpotenzial, das größere Ausmaße bekommen kann. Die vielen Toten, die es in den neunziger Jahren in Berg-Karabach gegeben hat, darf es nicht wieder geben. Deshalb brauchen wir dringend eine internationale Intervention der Vereinten Nationen und der Europäischen Union.

DOMRADIO.DE: Armenien ist ein christlich, Aserbaidschan ein islamisch geprägtes Land. Welche Rolle spielt das?

Kopp: Man muss jetzt aufpassen, dass man das nicht gegeneinander aufrechnet. Aber dadurch, dass der armenische Staat über viele Jahre Unmengen von Geld in Berg-Karabach investiert hat, hat er dort auch in Menschen investiert, es hat auch Umsiedlungen gegeben von christlichen Armeniern nach Berg-Karabach. Wenn man heute nach Stepanakert kommt, das ist die Hauptstadt von Berg-Karabach, kann man die zerstörten Moscheen sehen, die zerstörten Medresen. Das was dort mal muslimisch war, existiert nicht mehr.

Je näher man dann an die Grenze von Berg-Karabach nach Aserbaidschan kommt, umso mehr merkt man, wie extrem militärisch es aufgerüstet ist. Das kann ein Konflikt zwischen Christen und Muslimen werden. Im Moment ist es aber ein hochpolitischer Konflikt. Es wäre wünschenswert, wenn sich die armenische Kirche möglichst bald zu dem Konflikt äußern würde, um hier insbesondere dem Ministerpräsidenten von Armenien Einhalt zu gebieten.

DOMRADIO.DE: Die Kirche hätte also durchaus Einflussmöglichkeiten?

Kopp: Die armenisch-apostolische Kirche ist eine mächtige Institution im armenischen Staat. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die Kirche zu einem großen politischen Faktor geworden. Noch am vergangenen Wochenende hat das Oberhaupt der Kirche, Karekin II., Papst Franziskus besucht, wahrscheinlich nicht ahnend, was in seinem Heimatland passieren würde. Aber es läge jetzt auch mit an der Kirche, hier einen unmissverständlichen Friedensappell an die Regierung in Jerewan auszurichten. Es gibt immer zwei Seiten im Konflikt. Gleichzeitig braucht es einen dringenden Appell der Europäischen Union und der Vereinten Nationen nach Baku, an die Regierung dort in Aserbaidschan, um die Waffen schweigen zu lassen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Matthias Kopp / © Harald Oppitz (KNA)
Matthias Kopp / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR