Religionsführer fordern verstärkte Friedensarbeit in Pandemie

Ein Friedenstreffen ohne Händedruck und Umarmung

Es war die erste öffentliche Veranstaltung seit Beginn des Lockdown, zu der sich der Papst aus dem Vatikan begab. Andere konnten zu dem Friedenstreffen nicht nach Rom kommen, trugen aber deutliche Botschaften bei.

Papst Franziskus und Bartholomäus I. tragen bei ihrer Ankunft zum Internationalen Friedensgebet in der Basilika Santa Maria Mund-Nasen-Bedeckungen. / © Gregorio Borgia/AP (dpa)
Papst Franziskus und Bartholomäus I. tragen bei ihrer Ankunft zum Internationalen Friedensgebet in der Basilika Santa Maria Mund-Nasen-Bedeckungen. / © Gregorio Borgia/AP ( dpa )

Ein Friedenstreffen ohne Händeschütteln, geschweige denn Umarmung? Mit Masken, die verdecken, ob jemand lächelt, grinst oder schmollt? Erstmals trug auch Franziskus in der Öffentlichkeit länger eine Maske. Hätten die interreligiösen Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio nicht eine über 30-jährge Tradition, wäre die Veranstaltung auf dem römischen Kapitol am Dienstagnachmittag nicht möglich gewesen.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bringt das Problem des Treffens im Pandemiejahr 2020 auf den Punkt: "All die physischen Zeichen der Verbundenheit - einander die Hände zu reichen, vertraut miteinander zu reden, ohne Maske, sich zu umarmen" - diese Zeichen der Zuwendung und Liebe seien nun "zur Gefahr füreinander geworden". Wie könne man "diese plötzliche Verkehrung grundlegender Zeichen menschlicher Nähe verstehen?"

Großimam verurteilt Terrorismus

Doch viele der Teilnehmer kennen sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehten. Minegishi Shoten etwa, buddhistischer Mönch, kommt seit 30 Jahren zu den Internationalen Weltfriedenstreffen im "Geist von Assisi". Die Regie des Treffens ist vertraut, wenn auch in diesem Jahr etwas abgespeckt. Zudem haben die Italiener inzwischen eine gewisse Routine entwickelt bei Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen. Unter anderem wird am Eingang jedem Teilnehmer auf der Stirn die Temperatur gemessen. Keine schlechte Idee für ein Friedenstreffen: Hitzköpfe erst mal aussortieren.

Dass Hass, Fanatismus und Gewalt, zumal im Namen von Religion, zu verurteilen sind, beschwören an diesem Nachmittag viele. Sehr konkret wird Großimam Ahmad Al-Tayyeb, dessen Rede verlesen wird, weil er aus Kairo nicht anreisen konnte. Er spricht den islamistischen Terroranschlag in Paris an. Als Großimam der Al-Azhar erkläre er "vor dem allmächtigen Gott, dass ich mich sowie die Lehren des Islam und des Propheten von dieser abscheulichen kriminellen Tat distanziere und von allen, die solche abweichenden, falschen Gedanken annehmen".

Patriarch Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, fordert angesichts der Pandemie neue, auch religiös begründete Maßnahmen gegen die ökologische Krise des Planeten: "Die Zeit der ökologischen Moden, ihrer Idealisierung oder schlimmer noch, ihrer Ideologisierung, ist vorbei." Es sei Zeit, endlich zu handeln. Dazu gehöre es auch, "eine rein säkulare soziokulturelle Ordnung" zu untergraben und in ihr "das göttliche Fragment" zu spüren.

Bedford-Strohm: Für Seenotrettung und mehr Ökumene

Neben allgemeinen Appellen nennen einzelne Redner konkrete Beispiele. "Was, wenn es wirklich Christus selbst ist, der droht im Mittelmeer zu ertrinken, weil Europa nicht hilft und sogar zivile Rettungsboote an der Hilfe hindert?", fragt der deutsche EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in einer Meditation beim Gebet der Christen zu Beginn des Treffens. In rund 30 Fürbitten am Ende der Andacht wird weiterer aktueller Konflikte gedacht.

Der EKD-Ratsvorsitzende nutzt die Gelegenheit aber auch, in Anwesenheit des katholischen und orthodoxen Kirchenoberhaupts für mehr ökumenischen Wagemut zu plädieren. Leidenschaft für die Einheit sei "Teil der DNA jeder Kirche". Und er ergänzt "sehr persönlich: Während meiner Lebenszeit eines Tages diese Einheit in der gemeinsamen Feier des Abendmahls zu erfahren, ist mein ganz persönlicher Traum!"

"Fratelli tutti" ist zentral

Mehrfach wird in den Ansprachen auf die jüngste Papst-Enzyklika "Fratelli tutti" verwiesen. Deren zentrale Themen ziehen sich durch das Treffen, dessen Motto "Niemand rettet sich allein" von dem Rundschreiben inspiriert ist. Für Dirk Bingener, als Präsident von Missio Aachen erstmals bei dem Friedenstreffen dabei, ist es "ermutigend zu erleben, dass wir Teil einer großen Bewegung sind". Denn den Worten auf der Bühne entsprächen vielerorts auch Taten.

Mehr noch als die Worte, so Bingener, seien "die Bilder des Friedens wichtig", die von Rom ausgehen. "Die braucht es dringend gegen die vielen Kriegsbilder." Ebenso aber die wiederholte und klare Ablehnung von Gewalt durch Vertreter aller großen Religionen weltweit.

Wie in den Jahren zuvor unterzeichnen die Religionsvertreter einen Friedensappell. Diesen trägt eine Schar von Kindern an anwesende Botschafter und Vertreter aus nationaler und internationaler Politik. Gott werde sie danach richten, inwieweit sie sich für Frieden eingesetzt oder Zwietracht gesät hätten, hatte der Papst gemahnt.

Können das Friedenstreffen und die Gebete - eine Veranstaltung mit "same procedure as every year" - etwas bewirken? Marco Impagliazzo, Präsident von Sant'Egidio, ist davon überzeugt. Nicht nur Gespräche und Diplomatie seien wichtig. "Viele Menschen spüren, wenn man für sie betet, spüren, dass es ihnen hilft." Und Landesbischof Bedford-Strohm beschwor die Entschlossenheit der Gläubigen mit einem Psalmvers: "'Friede und Gerechtigkeit werden sich umarmen.' Und keine Pandemie wird sie stoppen."

Papst Franziskus mit Mundschutz / © Gregorio Borgia/AP (dpa)
Papst Franziskus mit Mundschutz / © Gregorio Borgia/AP ( dpa )
Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA
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