Bürgermeister von Timișoara (Temeswar) in Rumänien und Vorsitzender der liberalen, proeuropäischen Partei USR: Marc Frings hat im gemeinsamen Podcast von DOMRADIO.DE und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken mit Dominic Fritz einen in der Tat bemerkenswerten Interviewgast.
Das Gespräch zwischen dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und dem Politiker kreist um Demokratieverständnis, politische Verantwortung in Ost- und Westeuropa, den Ukraine-Krieg sowie Fritz’ persönliches Verhältnis zu Glauben und Politik.
Weltoffene Stadt mit viel Kultur
Fritz, 1983 geboren im Südschwarzwald, kam nach dem Abitur erstmals im Rahmen des Freiwiligendienstes der Jesuiten nach Rumänien und nach Timișoara (Temeswar) und "verliebte sich in diese Stadt“. Immer wieder war er in den folgenden Jahren vor Ort, engagierte sich in verschiedenen Projekten.
Jahre später trat er 2020 bei der Bürgermeisterwahl an – als deutscher Staatsbürger, das nach EU-Recht möglich ist. Eigentlich wollte er, dass ein junger, einheimischer Kandidat antreten würde – doch der fand sich nicht. Schließlich kandidierte Fritz selber: "Ich hab dann tatsächlich gekündigt als Büroleiter von Altbundespräsident Horst Köhler, bin nach Temeswar gezogen und mit überwältigender Mehrheit gewählt worden.“
Timișoara ist das wirtschaftliche Zentrum Westrumäniens und eine seit Jahrhunderten kulturell sehr vielfältige und weltoffene Stadt. Fritz ist als Politiker nicht nur Bürgermeister, sondern in Rumänien auch nationaler Parteivorsitzender und Regierungsmitglied.
Im Gespräch mit Frings beschreibt Fritz die politischen Herausforderungen Rumäniens: ein hohes Haushaltsdefizit, der Kampf gegen Korruption und ein erstarkender Rechtspopulismus. "Wir müssen einen Staat, der viel zu lange über seine Verhältnisse gelebt hat, so zurechtstutzen, dass das tragbar ist – ohne die Rechnung an die nächste Generation weiterzugeben." Gerade in dieser Lage wachse die Bedeutung lokaler Politik, gerade um das Bewusstsein für demokratische Prozesse neu zu schärften: "Da kann man zeigen, dass Demokratie immer Kompromiss ist“, sagt Fritz. "Wir haben verlernt, dass Politik Aushandlung bedeutet – und dass niemand zu hundert Prozent bekommt, was er will.“
Warnungen aus Osteuropa leichtfertig überhört
Ein Schwerpunkt des Gesprächs ist die Sicherheitslage an der EU-Ostgrenze. Als Nachbarland der Ukraine erlebt Rumänien die Folgen des russischen Krieges unmittelbar. "Bei uns vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Drohne an der Grenze runterfällt“, berichtet Fritz.
Er kritisiert rückblickend die westeuropäische Arroganz gegenüber den Warnungen des Ostens: "Hätten wir die osteuropäischen Stimmen ernster genommen – zu Energiesicherheit, zu Russland –, wären wir heute vielleicht woanders." Rumänien verstehe sich als "Verteidigungsblock der EU – physisch, nicht nur kulturell", und trage mit seinem Engagement für Moldawien und die Ukraine zu Europas Stabilität bei.
Die EU bleibt für Fritz trotz allem ein "unglaubliches Erfolgsprojekt". Er verweist auf die konkreten Vorteile für seine Stadt, für die er sehr dankbar ist: "Ich habe in fünf Jahren EU-Fördergelder von einer halben Milliarde Euro eingeworben." Diese Erfolge müssten vermittelt werden, um den Menschen wieder den Wert des europäischen Projekts bewusst zu machen und um ihre Unterstützung zu werben.
Aus seiner christlichen Verwurzelung zieht Fritz Kraft – nicht als religiöse Agenda, sondern als Orientierung. "Ich würde wahrscheinlich nicht Politik machen ohne eine christliche Verwurzelung", sagt er. Der Glaube helfe, Entscheidungen in einen größeren Kontext zu stellen und Demut zu bewahren. "Man darf sich selbst nicht an erste Stelle setzen. Es geht darum, was langfristig das Beste für die Gemeinschaft ist." Zwischen Idealismus und Realpolitik versucht er dabei, klaren Kopf zu bewahren – "vielleicht hilft mir da auch das ignatianische Unterscheiden der Geister".
Als Katholik ist Fritz davon überzeugt, dass grundsätzlich die Kirchen immer kritisch auf weltliche Machtstrukturen schauen und an der Seite derer stehen sollten, die von den Machtverhältnissen nicht profitieren.