Ein Bischof in Nicaragua wird zum Staatsfeind

Polizei umstellt Kirche von Geistlichen

Das Schicksal des regierungskritischen Bischofs Rolando Alvarez, der ins Visier des Ortega-Regimes in Nicaragua geraten ist, sorgt für Aufsehen. Die Ermittlungsbehörden werfen ihm vor, in Kontakt mit "gewalttätigen Gruppen" zu stehen.

Polizisten in Nicaragua / © Jeiner Huete_P (shutterstock)
Polizisten in Nicaragua / © Jeiner Huete_P ( shutterstock )

Das Bild vom betenden Bischof ging um die Welt: Auf Knien bittet Rolando Alvarez für die bewaffneten Polizisten um Barmherzigkeit. Sie haben seine Unterkunft und die Kirche in der Diözese Matagalpa umstellt, nicht einmal Lebensmittel und Medikamente dürfen passieren.

Dem Bischof wird von den Ermittlungsbehörden vorgeworfen, in Kontakt mit "gewalttätigen Gruppen" zu stehen, die "Hassverbrechen gegen die Bevölkerung ausführen wollen", um damit "den Staat Nicaragua zu destabilisieren sowie Verfassungsorgane zu attackieren", teilte die Polizei Ende vergangener Woche mit. Menschenrechtler warfen den Beamten hingegen vor, den Bischof und andere Priester in deren Wohnungen unter Hausarrest gestellt zu haben.

Kirchenvertreter prangern Menschenrechtsverletzungen an

Alvarez hatte zuletzt öffentlich gegen die Schließung katholischer Radiostationen in dem Land protestiert. Auch wenn die Regierung des Präsidentenpaares Daniel Ortega und Rosario Murillo die Stationen schließe, könnten sie damit "nicht die Stimme Gottes zum Schweigen bringen", so der Geistliche. Damit geht der Streit zwischen Staat und Kirche in eine neue Runde.

Bewaffnete Demonstranten bei Protesten in Nicaragua / © Carlos Herrera (dpa)
Bewaffnete Demonstranten bei Protesten in Nicaragua / © Carlos Herrera ( dpa )

Seit Jahren kritisieren zahlreiche Kirchenvertreter die Menschenrechtsverletzungen der sandinistischen Regierung. Die wiederum reagiert mit drastischen Maßnahmen, lässt immer wieder mal Gotteshäuser umstellen, Geistliche und Gläubige einschüchtern.

Dahinter vermuten Beobachter eine gezielte Strategie, um die Kirche in Nicaragua mundtot zu machen. Die Vereinten Nationen und der lateinamerikanische Bischofsrat CELAM verurteilten das Vorgehen.

Kritische Medien schreiben, die Regierung Ortega könnte versuchen, Papst Franziskus zu zwingen, Alvarez ins Exil abzuberufen. So war es bereits im Fall des Weihbischofs von Managua, Silvio Baez, geschehen.

Von Franziskus ins Exil beförfdert

Dann hätte die Kirche seit Beginn der Protestwelle vor mehr als vier Jahren ihren zweiten prominenten Vertreter im Land verloren.

Franziskus hatte Baez 2019 ins Exil beordert, nachdem dieser Morddrohungen erhalten hatte. Der Weihbischof der Hauptstadt hatte während der Studentenaufstände jungen Demonstranten in den Kirchen Schutz vor Polizeigewalt gewährt.

Im Mai berichtete Alvarez über gezielte Einschüchterungsversuche der Sicherheitskräfte: "Heute wurde ich den ganzen Tag von der sandinistischen Polizei verfolgt, von morgens bis spät in die Nacht. Zu jeder Zeit, während all meiner Bewegungen des Tages", sagte er.

Die Polizei habe auch sein Elternhaus aufgesucht, sodass er sich entschlossen habe, in Las Colinas zu bleiben, wo ihm der lokale Pfarrer Zuflucht gewährt habe. "Die Regierung wollte immer eine stumme Kirche, sie will nicht, dass wir sprechen, sie will nicht, dass wir den Menschen Hoffnung verkünden oder Ungerechtigkeit anprangern", kritisierte der Bischof.

Krise mit landesweiten Protesten

Seit Ende 2018 sind laut Medienberichten etwa 1.200 Nichtregierungsorganisationen in Nicaragua die rechtlichen Grundlagen für die Fortsetzung ihrer Arbeit entzogen worden. Auch kirchliche oder der Kirche nahestehende Organisationen sind von den Verbotsmaßnahmen betroffen. Basis der Zahlen ist eine Datenbank, die das Portal "Confidencial" angelegt hat.

Demonstrantin mit Nicaragua-Flagge / © Carlos Herrera (dpa)
Demonstrantin mit Nicaragua-Flagge / © Carlos Herrera ( dpa )

Nicaragua erlebt seit 2018 eine Krise mit landesweiten Protesten gegen die linksgerichtete Ortega-Regierung. Seit Beginn kamen rund 350 Menschen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Nicaraguas Kirche, Menschenrechtler und unabhängige Medien kritisierten immer wieder in scharfer Form die Rechtsverstöße der Machthaber.

Vor den Wahlen Anfang November 2021 wurden mehrere Präsidentschaftskandidaten verhaftet, die allesamt als Rivalen des amtierenden Präsidentenpaares galten. Mehrere wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Ortegas gewannen die Wahl, zahlreiche Länder erkennen den Sieg aber nicht an.

Autor/in:
Tobias Käufer
Quelle:
KNA