Frings-Gesellschaft zum 40. Todestag des früheren Kölner Erzbischofs

Ein besonderes Gespür für den Menschen

Er hatte nicht immer einfache Beziehungen zu den Menschen. Josef Kardinal Frings eckte an, war aber ein "Kopf" mit Humor und Geschick. Der Präsident der Kardinal-Frings-Gesellschaft macht einige Anekdoten seines Wirkens wieder lebendig.

Antrittsbesuch von Franz Meyers (l.), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bei Kardinal Josef Frings, Erzbischof von Köln (KNA)
Antrittsbesuch von Franz Meyers (l.), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bei Kardinal Josef Frings, Erzbischof von Köln / ( KNA )

DOMRADIO.DE: "In Zeiten der Not darf sich der Einzelne nehmen, was er zum Überleben nötig hat." Dieser Satz aus der Silvesterpredigt 1946 hat den Kölnern nicht nur das Wort "Fringsen" beschert, sondern auch einen Mann in die Geschichte eingehen lassen. Was hat er mit dem Satz genau gemeint?

Bernd Ramakers (Präsident der Kardinal-Frings-Gesellschaft): Frings hat mit fast instinkthaftem Gespür kritische Situationen erfasst und auch gehandelt, ein Beispiel dafür ist eben die Silvesterpredigt im "Hungerwinter" 1946/47, wonach er den Mundraub für den eigenen Bedarf rechtfertigte. Der schreckliche Weltkrieg war vorbei, der Wiederaufbau verlief äußerst schleppend. Ein trockener und heißer Sommer sorgte dafür, dass die Ernteerträge miserabel waren. Für die Bewohner der zerbombten Städte kam noch einer der kältesten Winter des 20. Jahrhunderts dazu.

Mehrere Hunderttausende holte der schwarze und der weiße Tod. (Anm. der Red.: Der Begriff "Schwarzer Tod" hat sich als Bezeichnung für eine Pandemie eingebürgert. Im Gegensatz dazu meint der "Weiße Tod" das Sterben durch die Krankheit Tuberkulose. Im Zusammenhang damit wurde die Krankheit auch "Weiße Pest" genannt.) Angesichts dieses Elends hielt der Erzbischof eben diese berühmte Silvesterpredigt. Fortan hieß das Organisieren oder auch Klauen von Nahrung und Kohle "fringsen". Dieser Begriff hat sich ja bis heute in der deutschen Sprache verewigt.

DOMRADIO.DE: Er hat sich mit der Aussage nicht nur Freunde gemacht, oder?

Ramakers: Richtig, die britische Militärregierung war sehr erbost über diese Predigt. Der regierende Gouverneur hat ihn dann auch nach Düsseldorf einbestellt und wollte ihn zur Rede stellen. Dieser Aufforderung ist Kardinal Frings nachgekommen und nach Düsseldorf gefahren, durch welche Umstände auch immer verspätetete sich aber das Eintreffen des Gouverneurs. Frings hinterließ nach einer Viertelstunde seine Visitenkarte und sagte zu seinem Chauffeur: "Jetzt nichts wie weg hier, wer weiß, wofür es gut ist".

DOMRADIO.DE: Hat Kardinal Frings selbst eigentlich auch öffentlich auf dieses Wort reagiert?

Ramakers: Ja, Prof. Dr. Norbert Trippen (Anm. d. Red.: 1936-2017, ehemaliger Kölner Domkapitular, Kirchenhistoriker, Hochschullehrer und auch Biograph von Josef Kardinal Frings) schreibt das wunderbar in einer Biografie von Kardinal Frings. Frings hatte furchtbare Gewissensbisse und hat es später auch relativiert und gesagt: wenn die Not vorbei ist, muss man das, was man gestohlen hat, auch wieder zurückgeben. Wie man das zurückgeben kann, hat er wunderbar durch die Mitbegründung von Adveniat und Misereor zum Ausdruck bringen können.

DOMRADIO.DE: Würde es die zwei Hilfswerke ohne die Silvesterpredigt und das "Fringsen" nicht geben?

Ramakers: So weit würde ich nicht gehen. Er hat die Not der Menschen erkannt, indem er gesagt hat, uns Deutschen ist nach dem Krieg aus allen Teilen der Welt geholfen worden. Er war der Meinung, sobald es uns im Wirtschaftswunder der 1960er Jahre wieder gut geht, geben wir das zurück, was wir empfangen haben. Ich glaube, aus diesem Grunde heraus ist die Gründung von Misereor und Adveniat zu sehen.

DOMRADIO.DE: Wie hat er denn innerhalb der Kirche gewirkt?

Ramakers: Er war einer der herausragenden Erzbischöfe von Köln, unvergessen ist sicherlich seine Rede beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Was heute für uns Katholiken selbstverständlich ist, wurde erst durch das Konzil möglich und zwar durch ihn. Kaum jemand weiß, wie gewaltig diese Veränderungen im Vergleich zu der Zeit vor dem Konzil waren.

Frings war einer der Kirchenväter, die dem Papst dabei halfen, durch alle Fenster den frischen Wind in die Kirche einzulassen. Es war auch Frings, der seinen damaligen Theologieprofessor Joseph Ratzinger, der an der Bonner Universität Theologie lehrte, mit nach Rom nahm und ihn in den Vatikan einführte. Man kann wirklich sagen, Frings hatte auch ein Gespür für Menschen, sie zu fördern und in Führungspositionen zu bringen. Somit ist er auch maßgeblich daran beteiligt, dass Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. wurde.

Eine weitere Anekdote - und nicht zu vergessen - ist auch die berühmte Rede, die Frings im Konzil hielt, in der es um die Auseinandersetzung zwischen der Kurie und den Diözesankirchen ging. Diese Rede hatte ihm Ratzinger geschrieben. Frings wurde dann zu Papst Johannes XXIII. zitiert. Er sagte, er habe die Rede nicht geschrieben, sondern seine Mitarbeiter. Der Papst konterte: es komme ja auch darauf an, wen man dazu als Mitarbeiter befähigt. Daran kann man sehr viel erkennen.

Frings hat auch viel für die Politik getan, indem er Einfluss auf das Grundgesetz und die nordrhein-westfälische Verfassung ausgeübt hat. So hat die Erziehungs- und Schulpolitik, die heutige Bildungspolitik, auch in die Verfassung Einzug erhalten. Das verdanken wir ebenso Kardinal Frings.

DOMRADIO.DE: Eine wirklich große Rolle hat er aber in der Nachkriegszeit gespielt. Bevor es eine richtige deutsche Regierung gab, war Frings für die Alliierten einer der wichtigsten Ansprechpartner des deutschen Volkes. Wie kam es dazu?

Ramakers: Frings kam in die Rolle des Sprechers der Deutschen gegenüber den Besatzungsmächten. Begründet sicherlich durch den Einsatz für die Opfer und auch die Täter, wenngleich er sicherlich nicht diejenigen im Blick hatte, die große persönliche Schuld auf sich geladen hatten. Vielmehr hatte er die vielen Mitläufer im Auge, die - wie befohlen - keinen Widerstand leisteten, sich aber dennoch schuldig gemacht hatten. Seine Bemühungen sollten somit die Vollstreckung der Todesurteile am kleinen Mann verhindern, etwa durch eine Umwandlung in lebenslängliche Gefängnisstrafen.

Es gab später heftige Kritik. Inwieweit aber Frings Kriegsverbrechern zur Flucht verholfen haben mag, ist nicht bekannt. Richtig ist - und darum kann ich die Kritik auch nachvollziehen -, dass Versöhnung immer auf die vorherige Schuldeinsicht und Reue der Täter beruht. Frings hat sich nichtsdestotrotz sicherlich sehr stark für diese Menschen einsetzen können.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Bernd Ramakers / © Johannes Schröer (DR)
Bernd Ramakers / © Johannes Schröer ( DR )
Spendenumschlag zur Misereor Fastenaktion 1966 (KNA)
Spendenumschlag zur Misereor Fastenaktion 1966 / ( KNA )
Am Grab von Kardinal Frings: Kardinal Meisner, Oberbürgermeister Roters und Dompropst Feldhoff / © Boecker
Am Grab von Kardinal Frings: Kardinal Meisner, Oberbürgermeister Roters und Dompropst Feldhoff / © Boecker
Kölner Dom: Bischofstür mit Wappen von Erzbischof Josef Kardinal Frings (Erzbistum Köln)
Kölner Dom: Bischofstür mit Wappen von Erzbischof Josef Kardinal Frings / ( Erzbistum Köln )
Quelle:
DR