"Eckiger Tisch" fordert neue Beauftragte zum Umdenken auf

Betroffene nicht im Regen stehen lassen

Die Bischöfe Dieser und Burger sind nun Beauftragte für sexualisierte Gewalt. Wirklich geglückt sei deren Start nicht, sagt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch: Die Betroffenen hätten in Fulda vergeblich im Regen auf sie gewartet.

Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda / © Sebastian Gollnow (dpa)
Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda / © Sebastian Gollnow ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie fällt Ihre Bilanz der zwölf Jahre Aufarbeitung unter Bischof Ackermann aus?

Matthias Katsch / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Katsch / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Matthias Katsch (Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch"): Wir waren die Tage in Fulda mit einer Gruppe von Betroffenen aus verschiedenen Initiativen unter dem Dach "Eckiger Tisch". Und wir haben uns das natürlich auch gefragt, wie wir diese zwölf Jahre Arbeit würdigen sollen und haben dann, so wie man das manchmal so in Zeugnissen liest, gesagt, er war "stets bemüht".

Es ist natürlich eine schwierige Lage gewesen, in der er dieses Amt, was ja neu entstanden war, 2010 übernehmen musste. Es ist sicher nicht immer ganz einfach für ihn gewesen, mit den unterschiedlichen Positionen und den unterschiedlichen Geschwindigkeiten seiner Mitbrüder klar zu kommen. Aber ich glaube, er hätte mehr erreichen können, wenn er sich mehr getraut hätte.

DOMRADIO.DE: Die neuen Beauftragten sind Aachens Bischof Helmut Dieser und als Stellvertreter der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. Wie ist Ihr Eindruck?

Bischöfe Stephan Ackermann, Helmut Dieser und Stephan Burger / © Harald Oppitz (KNA)
Bischöfe Stephan Ackermann, Helmut Dieser und Stephan Burger / © Harald Oppitz ( KNA )

Katsch: Es war ein guter Auftakt. Ein bisschen verstolpert insofern, als dass wir verschnupft waren, dass die Bischöfe nicht, nach dem sie benannt worden waren, auf die Betroffenen, die ja drei Tage draußen vor der Tür standen, wie so oft in den letzten zwölf Jahren, zugegangen sind und sich unkompliziert einfach vorgestellt hätten. Wir waren ja dort in Sichtweite für sie, morgens und abends und zwischen den Sitzungen. Das haben wir dann gestern aber zum Abschluss noch nachgeholt. Das war ein gutes Gespräch im Regen an einem eckigen Tisch. Wir haben uns verabredet, dass wir sie einladen, um inhaltlich mit ihnen zu diskutieren.

Matthias Katsch

"Man müsse den Betroffenen eine Stimme geben. Ich glaube, das haben wir gezeigt (...), dass wir uns unsere Stimme selber nehmen."

Ich glaube, es ist nicht verkehrt, dass es eine Stellvertretung gibt, dass es sich nicht nur auf eine Person fokussiert. Alles weitere Inhaltliche muss man sehen. Was mich ein bisschen irritiert hat, war die Vorstellung von Bischof Dieser, man müsse den Betroffenen eine Stimme geben. Ich glaube, das haben wir gezeigt in den letzten zwölf Jahren, dass wir uns unsere Stimme selber nehmen und da nicht darauf angewiesen sind, dass Bischöfe das tun.

DOMRADIO.DE: Jetzt hat Bischof Dieser in seiner ersten Pressekonferenz auch gesagt, er möchte das System der Anerkennung erlittenen Leids beibehalten. Das sind Zahlungen, die die Kirche anstatt Schmerzensgeld leistet. Die Höhe berechnet die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen. Bischof Dieser findet, das hat sich bewährt. Wie sehen Sie das?

Katsch: Ja, das könnte man auch unter die Amtszeit seines Vorgängers schreiben. Es hat sich bewährt. Es ist ja in diesen zwölf Jahren gelungen, Verantwortung von den Bischöfen fernzuhalten. Nicht ein einziger Bischof ist zurückgetreten, nicht ein einziger musste die Konsequenzen ziehen aus aufgedeckten Verfehlungen und diesem ganzen System der Vertuschung und der Versetzung von Tätern an immer neue Tatorte. Und die Kirche ist auch nicht bankrott gegangen. Ganz im Gegenteil. Es ging ihr, glaube ich, finanziell, was die Bilanzen angeht, noch nie so gut, trotz des Missbrauchsskandals.

Hier wird nach wie vor mit kleiner Münze Verantwortung abgewehrt und deswegen spricht man nach wie vor von Anerkennungsleistungen. Das heißt, ich anerkenne, dass hier was Schlimmes passiert ist, aber ich bin nicht bereit, den Schaden, den ich und wir als Institution angerichtet haben, wieder gutzumachen, das irgendwie auszugleichen.

Und deswegen werden wir nicht nachlassen, dieses System in Frage zu stellen, nicht nur wegen der Summen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie sie zustande kommen. Diese sogenannte unabhängige Kommission ist intransparent. Sie ist für Betroffene nicht nachvollziehbar in dem, was am Ende ausgewürfelt wird, was dabei herauskommt. Es gibt ganz unterschiedliche Erfahrungen an der Stelle, und auf diese Schwierigkeiten haben wir hingewiesen. Das haben wir immer wieder vorgetragen, dass wir da in einen Austausch kommen müssten, wenn das tatsächlich ein System sein sollte, das auch aus Betroffenensicht funktioniert und sich bewährt. All das ist bisher abgelehnt worden. Mal sehen, ob sich das jetzt unter den Neuen ändert.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie aus der Erfahrung der vergangenen zwölf Jahren den beiden neuen Bischöfen einen Tipp geben könnten, wie würde der lauten?

Katsch: Traut euch, die Kontrolle über den Prozess aus euren Händen zu geben, traut euch loszulassen und nehmt die Betroffenen ernst. Die stehen nicht umsonst auf den Marktplätzen und vor den Kirchen und demonstrieren und melden sich öffentlich zu Wort. Sprecht mit ihnen. Nehmt sie ernst.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Eckiger Tisch

Eckiger Tisch ist ein gemeinnütziger Verein, der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen speziell im Kontext der Katholischen Kirche vertritt. Im Rahmen unserer Möglichkeiten beraten und unterstützen wir Betroffene. Wir stellen Öffentlichkeit her und versuchen auf Politik, Kirche und Gesellschaft einzuwirken, damit alles getan wird zur Überwindung von sexuellem Kindesmissbrauch durch Kleriker.

Leere Stühle in einer Kirche / © MASSIMILIANO PAPADIA (shutterstock)
Leere Stühle in einer Kirche / © MASSIMILIANO PAPADIA ( shutterstock )
Quelle:
DR