DOMRADIO.DE-Chefredakteur schaut ins neue Jahr

"Ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels"

Das Kirchenjahr hat bereits mit dem ersten Advent begonnen, das Kalenderjahr erst am Montag. DOMRADIO.DE-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen schaut auf die Situation der katholischen Kirche im Jahr 2024 und erklärt, was zu erwarten ist.

Ingo Brüggenjürgen / © Harald Oppitz (KNA)
Ingo Brüggenjürgen / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Schauen wir erst mal auf die Situation der Weltkirche. Der Vatikan ist Mittelpunkt und Zentrum der katholischen Kirche. Was steht da 2024 auf dem Programm? 

Ingo Brüggenjürgen (DOMRADIO.DE-Chefredakteur): Das Beste kommt für einen Christen immer erst noch. Deswegen fangen wir doch mit dem Besten an. Der Höhepunkt in diesem Kalenderjahr ist ohne Frage die Öffnung der Heiligen Pforte im Kirchenjahr 2025. Das fängt mit dem Advent an. Über 45 Millionen Pilgerinnen und Pilger werden in Rom erwartet.

Symbolbild 2024 / © GamePixel (shutterstock)

Vorher gilt es für den 87-jährigen Papst noch hart zu arbeiten. Denn er hat sich dem Reformprojekt Weltsynode verordnet. Das ist in mehreren Etappen aufgebaut. 

Im vergangenen Jahr war die vorletzte Etappe. Im Oktober werden noch mal gut 400 Delegierte aus aller Welt, darunter auch über 50 Frauen, nach Rom reisen. Ziel ist es die entsprechenden Reformen zu Papier zu bringen und die offizielle Verkündigung in die Welt durch den Papst.

Ingo Brüggenjürgen

"Der Papst ist immer für Überraschungen gut"

Es ist noch einiges zu erwarten wie zum Beispiel die eine oder andere Auslandsreise. Offiziell steht nichts auf dem Programm des 87-Jährigen, aber es gibt einen Weltkongress im September in Ecuador. Vielleicht macht er einen Abstecher nach Argentinien. Der Papst ist immer für Überraschungen gut. 

DOMRADIO.DE: Die ganzen Reformen bringen Konfliktpotenzial mit, vor allem auch in der Kirche in Deutschland. Was steht da auf dem Terminkalender? 

Brüggenjürgen: Das Stichwort ist auch hier der Reformprozess. Wir haben den Synodalen Ausschuss. Das ist ein Gremium, das nach dem Synodalen Weg den Synodalen Rat vorbereiten soll. Klingt alles ein wenig kompliziert. Das ist es auch. Deshalb muss der richtige Weg gefunden werden. 

Es hat eine erste Versammlung des Synodalen Ausschusses in Essen gegeben. Jetzt müssen die jeweiligen Gremien – Laien und Bischöfen – ihren Segen dazu geben. Die Bischöfe haben dazu die Gelegenheit bei ihrer Frühjahrsvollversammlung, die vom 19. bis zum 22. Februar in Augsburg stattfindet. 

Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die vier Bischöfe verhalten, die im Vorfeld schon signalisiert haben, dass sie im Synodalen Ausschuss nicht mitmachen wollen. Die wollen sich an Rom orientieren. Das sind der Bischof Oster aus Passau, Bischof Voderholzer aus Regensburg, Bischof Georg Maria Hanke aus Eichstätt, aber auch der Kölner Kardinal Rainer Woelki.

Ingo Brüggenjürgen

"Man schaut gespannt, welche gesellschaftliche Prägekraft die Kirche noch haben wird."

Gleichzeitig steht auf dem Terminkalender ein spannender Katholikentag vom 29. Mai bis zum 2. Juni in Erfurt. Man schaut gespannt, welche gesellschaftliche Prägekraft die Kirche noch haben wird. Das wird sich dort zeigen. 

DOMRADIO.DE: Das Erzbistum Köln hat unruhige Zeiten erlebt, nicht nur wegen der Terrorwarnung zu Silvester vor dem Dom und den ganzen Polizeiautos, die dort immer noch stehen. Beruhigt sich aufs Jahr gesehen die Situation für das Bistum? 

Brüggenjürgen: Greifen wir das Bild von dem Polizeischutz wieder auf. Der wird fortgesetzt. Ich glaube, dass es weiterhin unruhige Zeiten sein werden. Ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels. Es gibt noch eine Reihe von Prozessen, die man gut beobachten muss. 

Polizeikräfte stehen am Kölner Dom.  / © Sascha Thelen (dpa)
Polizeikräfte stehen am Kölner Dom. / © Sascha Thelen ( dpa )

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Kölner Kardinal. Hier geht es um drei eidesstattliche Versicherungen und die Prüfung des Verdachts auf Meineid. Da kommt also noch einiges auf uns zu. Wie die Staatsanwaltschaft das entscheiden wird, wird man erst Mitte des Jahres sehen. Da ist vieles ungewiss. 

Die große Frage im Erzbistum Köln ist auch, wie dort die die Reformprozesse weitergehen. Das wird man sehr genau beobachten. Da gibt es große Herausforderungen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher im Erzbistum Köln ist rückläufig. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kirchenaustritte. Da muss man dringend wieder sehen, wie man nach vorne kommt, wie es gelingt, Vertrauen aufzubauen. 

Ingo Brüggenjürgen

"In meinen Augen bleibt die größte Herausforderung, dass Kirche das Evangelium glaubwürdig in diese Zeit hinein sprechen muss."

DOMRADIO.DE: Was wird denn wohl die besondere Herausforderung für die Kirche in den nächsten Monaten sein? 

Brüggenjürgen: In meinen Augen bleibt die größte Herausforderung, dass Kirche das Evangelium glaubwürdig in diese Zeit hinein sprechen muss. Sie kann sich nicht nur mit sich selber beschäftigen, sondern sie muss ihre Stimme in die Gesellschaft einbringen. 

Wir haben viele große Krisen. Ob das die Klimakrise ist, ob das die Frage des Friedens ist, ob das die Frage nach Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich ist. All diese Dinge, die stehen an. Da hat Kirche doch eigentlich eine klare Botschaft. Die vermisse ich. Und ich vermisse die Protagonisten. 

Es muss stärker darum gehen, den Blick von den Krisen abzuwenden. Klar, sie müssen sauber aufgearbeitet werden. Aber die vielen guten Beispiele, die vor Ort überall passieren, wo christliches Leben Tag für Tag in die Praxis umgesetzt werden, müssen gestärkt werden. Das muss stärker in die Öffentlichkeit. Wir erinnern uns, das Beste kommt für einen Christen immer noch.

Das Interview führte Florian Helbig.

Heiliges Jahr

Das Heilige Jahr ist ein Jubiläumsjahr in der katholischen Kirche. Es wird regulär alle 25 Jahre begangen. Biblisches Vorbild ist das Jubeljahr (Levitikus 25), ein alle 50 Jahre begangenes Erlassjahr. Das erste Heilige Jahr wurde 1300 von Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) ausgerufen. Ursprünglich als Jahrhundertereignis gedacht, wurde es zunächst im Abstand von 50 und dann 33 Jahren wiederholt. Der Rhythmus von 25 Jahren besteht seit 1470.

Pilger gehen durch die Heilige Pforte (2015) / © Cristian Gennari (KNA)
Pilger gehen durch die Heilige Pforte (2015) / © Cristian Gennari ( KNA )
Quelle:
DR