Dommessdiener verrät seinen Lieblingsort im Kölner Dom

"Da läuft es einem kalt über den Rücken"

Wer im oder am Dom arbeitet, betrachtet Kölns Kathedrale aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Und er entwickelt oft eine besondere Vorliebe für einen bestimmten Platz. Für Simon Broda ist das das Gitter zum Chorumgang.

Seit sieben Jahren ist Simon Broda Messdiener im Kölner Dom. Zuletzt wurde er zum Obermessdiener berufen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Seit sieben Jahren ist Simon Broda Messdiener im Kölner Dom. Zuletzt wurde er zum Obermessdiener berufen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Schwarze Schuhe in allen Größen sind reichlich vorhanden in der Messdienersakristei. Hat jemand seine vergessen, kann er sich eines überzähligen Paares aus dem großen Fundus bedienen. Jedenfalls soll der Einsatz in der Liturgie nicht am Dresscode scheitern.

Und der sieht nun mal eine dezente und einheitliche Optik vor – auch bei dem, was bei einem Dommessdiener unterhalb der Fußfessel zu sehen sein darf. Bunte Sneakers – womöglich noch mit gestreifter Gummisohle und neonfarbenen Schnürsenkeln – sind von daher ein absolutes No-go. Wer im Dom seinen Auftritt hat, richtet sich nach der Kleiderordnung. So sind die Regeln.

Und dazu gehört selbst für die Jüngsten schwarzes Schuhwerk und auch, dass dicke Kapuzenpullis schlecht unter Talar, Rochett und Mozetta, die typisch rot-weiße "Dienstkleidung" von den Ministranten an Kölns Kathedrale, passen. "Das äußere Erscheinungsbild muss zur inneren Haltung passen", findet Messdienerleiter Simon Broda. Und er muss es wissen. Seit 15 Jahren ist der 23-jährige Chemie-Student aus Düsseldorf Messdiener, davon die letzten sieben Mitglied der Messdienerschaft am Kölner Dom.

Vor drei Jahren ist er aus der vierköpfigen Leiterrunde zum Obermessdiener bestimmt worden. Das bedeutet einen nicht unerheblichen Zuwachs an Verantwortung – und zusätzlichen Zeitaufwand über den liturgischen Dienst hinaus. Da muss zum einen genau geschaut werden, ob die Sonn- und Feiertage – vor allem auch in den Ferien – oder weniger attraktive Messzeiten immer mit genügend Messdienern besetzt sind.

Über ein Onlinetool erfolgt die vorherige Anmeldung. Oder es muss das Begleitprogramm der im Herbst anstehenden Messdienerwallfahrt nach Rom geplant werden – also sollte man Lust am Organisieren solcher Highlights mitbringen, aber auch kleinerer Vergnügen wie Grill- und Stammtischabende. Dass die Messdienerwohnung in der Domherrensiedlung sauber gehalten wird – hier kann nicht nur gefeiert, sondern auch übernachtet werden – fällt ebenfalls in die Zuständigkeit Brodas.

Aufnahme von neuen Messdienern nach dreimonatiger Probezeit

Darüber hinaus alles, was in enger Abstimmung mit der Domseelsorge, sprich Domvikar Stockem, geschieht. Oder mit der Umsetzung des Präventionskonzeptes am Dom zu tun hat: nämlich dass die Messdienerleiter die dafür notwendigen Schulungen absolvieren, der Nachweis eines Führungszeugnisses erbracht wird und überhaupt Gruppenleiter- und sogar Erste-Hilfe-Kurse selbstverständlich zum Qualifizierungsangebot der Verantwortungsträger dazu gehören – als Teil der mittlerweile gesetzlichen Auflagen für die Jugendarbeit.

Und last but not least ist Brodas Urteil von Gewicht, wenn es um die Aufnahme von potenziellen Bewerbern für den Messdienernachwuchs geht. "Die erfolgt neuerdings erst nach einer dreimonatigen Probezeit", erklärt der junge Mann. "Es muss ja für beide Seiten auch passen."

Simon Broda, Messdienerleiter am Kölner Dom

"Weihrauch ist die Königsdisziplin. Das muss man richtig üben. Und der Ernstfall erfordert dann auch eine gehörige Portion Mut. Immerhin handelt es sich um glühende Kohlen."

"Wer bei uns mitmachen will, sollte zu allererst Freude an Liturgie haben – das ist neben Disziplin und Verlässlichkeit die Grundvoraussetzung", skizziert er die Kriterien. Freundlichkeit, gute Laune und ab und zu eine gewisse Trinkfestigkeit sind auch nicht unbedingt von Nachteil", lacht Broda. Schließlich würde nach der Christmette oder Osternacht auch schon mal durchgefeiert, "um am Morgen danach aber auch wieder gestriegelt und geschniegelt auf der Matte zu stehen: bereit für das nächste Pontifikalamt".

So ein Marathon komme durchaus vor und werde unter "Eu-Stress" verbucht – "auch weil diese Hochfeste einfach ganz besonders viel Spaß machen und immer der Höhepunkt des Jahres sind. Dazwischen nach Hause zu fahren lohnt sich manchmal nicht." Denn die Geselligkeit außerhalb des Domes würde eben auch groß geschrieben und sei für den Zusammenhalt der Gruppe genauso wichtig wie die Geschlossenheit am Altar.

Wer bei den Messen welche Aufgabe zugeteilt bekommt, entscheidet ebenfalls der Obermessdiener. Kreuz und Weihrauch übernehmen meist die Ältesten. Aber auch Gabenbereitung und Buchdienst sind gefragt. Damit es gerecht zugeht, kommt jeder mal dran. Außerdem: Learning by doing.

Das gilt vor allem für den Weihrauchdienst. "Das ist natürlich die Königsdisziplin", erklärt Broda, auch wenn laut Leitlinien jeder Dienst gleichwertig sei. "Weihrauch muss man schon richtig üben. Und der Ernstfall erfordert dann auch eine gehörige Portion Mut. Immerhin handelt es sich um glühende Kohlen." Mit denen im Übrigen im Dom ganz schön "geheizt" werde. "Das hat Tradition, weil es bei Alt-Erzbischof Meisner nie genug sein konnte." Trotzdem sollte nicht alles im Nebel versinken und nach Möglichkeit keiner einen Hustenanfall bekommen.

Mitgestaltung der Dommesse "ein unglaublich erfüllendes Erlebnis"

Gebürtig aus Garath, hat Simon Broda seine "Domkarriere" zunächst als Gastmessdiener begonnen. Seine Feuertaufe hatte er am Dreikönigstag 2015, einem der größten Feiertage der Kölner Kirche, an dem jedes katholische Herz sowieso automatisch höher schlägt. Denn irgendwie gehört es zur DNA des Kölners an sich, dass die Mischung aus viel Weihrauch, Orgelbrausen, Glockengeläut und einem finalen "Großer Gott, wir loben dich" ein innerliches Halleluja auslöst. Auf diesen 6. Januar und die Verehrung ihrer Stadtpatrone lassen selbst Kirchenfernstehende nichts kommen.

Auch den damals 15-Jährigen hat dieser enorme Menschenauflauf aus allen Richtungen des Erzbistums und darüber hinaus aus ganz Deutschland enorm beeindruckt. "Diesen schier endlosen Einzug der vielen Ministranten, Chorsänger, Priesteramtskandidaten und Geistlichen mit den Bischöfen und dem Kardinal am Schluss durch diese mit tausenden Menschen vollbesetzte Kirche werde ich nie vergessen. Sonntag für Sonntag eine Messe ähnlich feierlich mitgestalten zu dürfen, ist immer wieder neu ein unglaublich erfüllendes Erlebnis!" Daher sei auch genau dieser Standort vor der Sakristei, am Gitter des Chorumganges, wo sich die Prozession vor jedem Gottesdienst aufstelle, sein Lieblingsort im Kölner Dom.

Simon Broda, Messdienerleiter am Kölner Dom

"Es handelt sich um einen Dienst auf dem Präsentierteller. Das Ziel ist immer Perfektion. Denn das Ganze ist ja auch etwas fürs Auge. So gesehen steht bei uns jeder in der ersten Reihe."

"Hier nimmt alles seinen Anfang. Die Messdiener mit Weihrauch, Kreuz und Leuchtern führen den Zug an. Die anderen, manchmal über 20 an der Zahl, stellen sich der Größe nach auf. Der Kleinste bildet mit Stab und Mitra des Bischofs oft das Schlusslicht. Der Glockenschlag der Uhr ist das Startsignal, dann geht es los."

Selbst unter den Jüngeren sei spätestens dann jede Käbbelei vergessen. "Jeder weiß, dass er an seinem Platz Verantwortung für das große Ganze trägt und es sich mit den vielen Kameras um einen Dienst auf dem Präsentierteller handelt." Das erfordere absolute Konzentration, sollen keine Schnitzer passieren oder jemand im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzen.

"Das Ziel ist immer Perfektion. Denn das Ganze ist ja auch etwas fürs Auge. So gesehen steht bei uns jeder in der ersten Reihe." In der Bischofskirche die Messe zu dienen sei eben kein 08/15-Hobby. "Vielmehr eine Ehre." Natürlich beherrschten die meisten von ihnen die einzelnen Abläufe wie im Schlaf – auch weil sie als Messdiener in ihren Heimatpfarreien groß geworden seien und daher nur noch Feinheiten angepasst werden müssten. "Trotzdem muss man fokussiert bleiben."

Simon Broda ist seit Jahren ausnahmslos jeden Sonn- und Feiertag mit dabei. "Das entspricht meinem Selbstverständnis. Hier fühle ich mich aufgehoben, werde wegen meines Glaubens nicht belächelt und treffe auf Gleichgesinnte. Wir sind eine eingeschworene Truppe. Das ist wie eine zweite Familie, die für jedes offene Wort – auch über die eine oder andere Predigt – einen geschützten Raum bietet. Außerdem ist dieses Ehrenamt für mich der größte Gottesdienst überhaupt. Wo ich mit Herz und Seele dabei bin", schwärmt der Student, der nebenher als Rettungssanitäter arbeitet.

Simon Broda, Messdienerleiter am Kölner Dom

"Wenn ich auf diese Drei schaue, dann weiß ich, warum ich das tue, was ich tue. In diesem Moment freue ich mich einfach nur noch auf die Liturgie. Da gibt es diesen kurzen Augenblick der Ruhe und Sammlung, den ich sehr genieße."

Broda hat einen Sinn für Liturgie und liebt es, wenn kurz vor dem Start sein Blick stets auf den Pfeiler mit dem Bild der Heiligen Drei Könige fällt, an dem jeder, der in den Dom einzieht, vorbei muss. "Wenn ich auf diese Drei schaue, dann weiß ich, warum ich das tue, was ich tue. In diesem Moment freue ich mich einfach nur noch auf die Liturgie. Da gibt es diesen kurzen Augenblick der Ruhe und Sammlung, den ich sehr genieße." Die Hektik des Alltags abstreifen, nennt er das. Und sich einlassen auf etwas Größeres. "Wenn dann auch noch die Orgel einsetzt – an Festtagen oft mit einer Fanfare – da läuft es einem kalt über den Rücken."

Apropos kalt: Dass man sich in den Wintermonaten schon mal mehrere Schichten übereinander anziehen muss, hat jeder Dommessdiener schnell raus. Die Temperaturen in Kölns Kathedrale können zu Spitzenzeiten kaum erträgliche Minusgerade erreichen. "Trotzdem friere ich nicht", sagt Simon Broda. "Richtig kalt wird es erst, wenn man nichts zu tun hat, aber dazu gibt es im Dom kaum Gelegenheit. Langeweile kenne ich nicht."

Messdienerdienst ist ein Gemeinschaftsdienst

Wer so lange wie Simon Broda im Dom mit dabei ist, gehört gewissermaßen zum festen Inventar und verbringt hier nicht nur seine Sonntage. Auch die sogenannten Randmessen – samstag- und sonntagabends oder auch mal unter der Woche – hätten durchaus ihren Reiz, findet er. "Da hat man selbst von der Liturgie sehr viel mehr, kann sie noch intensiver erleben."

Trotzdem erinnert er sich noch gut daran, mit welcher Ehrfurcht er bei den ersten Malen zunächst aus sicherer Distanz beobachtet hat, was genau alles in dieser riesigen Kirche zu tun ist: wo die Ministranten die beiden Akuluten abstellen. Wann sie dem Zelebranten das Schiffchen für den Weihrauch reichen oder an welcher Stelle das schwere Lektionar aufgeschlagen werden muss.

Auch die einzelnen Handreichungen bei der Gabenbereitung sind ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. "Mit der Zeit wird daraus Routine", stellt der 23-Jährige fest. "Man muss es sich von den Großen abschauen, aber irgendwann auch ins kalte Wasser springen." Obendrein sei es von Vorteil, ein guter Teamplayer zu sein, denn Messdienerdienst ist ein Gemeinschaftsdienst. "Und wenn einer seinen Einsatz verpasst, ist da immer einer, der mitdenkt und einspringen kann."

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR