Diskussion um Ditib in Deutschland

Angst vor türkischen Spitzeln

Der islamische Religionsverein Ditib gilt als verlängerter Arm Erdogans in Deutschland. Die Bundesregierung hat sich jetzt von Ditib distanziert. Währenddessen wächst in Deutschland die Angst vor dem islamischen Verein.

Die Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker (DR)
Die Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker ( DR )

Ali Ertürk will unerkannt bleiben. Die Kapuze ins Gesicht gezogen, den Blick gesenkt geht er durch die Stadt – so, als wäre er gar nicht da – irgendwo in Deutschland. Hier hat er vor kurzem als politischer Flüchtling aus der Türkei Asyl bekommen.  Ali – der in Wirklichkeit ganz anders heißt – versteckt sich vor Spitzeln der türkischen Regierung. Er hat Angst, dass sie ihn in Deutschland aufspüren und zurück in die Türkei verschleppen oder sonst wohin verschwinden lassen; vielleicht auf Nimmerwiedersehen.

Die Spitzel kämen von Ditib, sagt Ali, der aus Angst vor Verfolgung nicht einmal direkt zitiert werden möchte. Ditib ist die Türkisch-Islamische Union der staatlichen-türkischen Religionsbehörde (Diyanet). Der Dachverband verwaltet deutschlandweit knapp 1.000 Moscheegemeinden. Seit Jahren steht Ditib in der Kritik, weil der islamisch-konservative Verein direkt der türkischen AKP-Regierung unterstellt ist. Ditib wird zum Teil sogar vorgeworfen, Islamisten zu fördern.

Spioniert Ditib wie einst die Stasi?

Auch wenn Religion und Staat in der Türkei offiziell getrennt sind, vereinen sich politische und islamische Interessen manchmal in Institutionen wie der türkischen Religionsbehörde Diyanet und somit auch Ditib, sagt die Türkeikennerin und Erdogan-Biografin Cigdem Akyol: "Die Ditib hat im letzten Jahr bestätigt, dass Imame ihres Verbandes in Deutschland Informationen über Anhänger des Predigers Fethullah Gülen nach Ankara gesendet haben."

Gülen, der seit Jahren im Exil in den USA lebt, wird derweil von der türkischen Regierung beschuldigt für den Putschversuch 2016 verantwortlich zu sein.

Putschisten im Asyl in Deutschland

Auch Ali Ertürk wollte die Erdogan-Regierung in jener Julinacht vor zwei Jahren stürzen. Er gehörte zu den Männern, die schließlich von Erdogan-Anhängern durch die Straßen gejagt wurden. Anders als viele seiner Komplizen konnte Ali aber entkommen. Seitdem ist er für den türkischen Staat ein "Terrorist".

Mit der Beteiligung am Militärschlag gegen die türkische Regierung begann für Ali ein Versteckspiel: Zuerst vor der Polizei in der Türkei und dann in Deutschland. Der türkische Staat würde über Ditib nach ihm und anderen Putschisten im Ausland suchen lassen, sagt er. Vertrauen fassen zu anderen Deutsch-Türken kann er kaum. Was für die Deutschen einst die Stasi war, ist für manche Türken in Deutschland heute Ditib, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Cigdem Akyol hält eine solche Angst vor Spitzeln in Deutschland für nicht unberechtigt: "Ditib ist regierungstreu", sagt die Erdogan-Biografin.

Bundesregierung geht auf Distanz zu Ditib

Gegen das System der Ditib komme die deutsche Regierung nicht an, fürchtet Ali Ertürk. Bis vor kurzem hat Deutschland sogar noch mit dem Verein kooperiert. Jahrelang wurden Projekte des Vereins vom deutschen Staat finanziell unterstützt. Damit sei jetzt Schluss, verkündete kürzlich die Bundesregierung.

Ditib reagierte darauf erst mal gar nicht und kündigte stattdessen an, noch mehr Imame aus der Türkei nach Deutschland zu holen. Man arbeite im "theologischen" Bereich zusammen, argumentierte der Vorsitzende des Islamverbandes Ditib in Niedersachsen und Bremen, Yilmaz Kilic, vor wenigen Tagen. Das leuchtet ein: Üblicherweise werden die in der Türkei ausgebildeten Imame für fünf Jahre nach Deutschland geschickt. Das heißt: Es kommen Imame ins Land, die kaum Deutsch sprechen und die das Leben in Deutschland nicht kennen.

Von wegen Laizismus

Der türkische Staat zahlt derweil aber nicht nur das Gehalt der Imame in Deutschland, sondern gibt auch vor, was in den Moscheen gepredigt wird. Vom Laizismus, wie er noch immer in der türkischen Verfassung steht, kann keine Rede sein. Eine Infiltration der Gesellschaft unter dem Deckmantel der deutschen Religionsfreiheit also?

Die Türkeiexpertin Cigdem Akyol findet, dass an dieser Stelle für die muslimischen Gemeinden in Deutschland eine ganz andere Frage wichtig ist: "Wie sinnvoll ist es überhaupt, wenn Imame aus der Türkei kommen, die mit der Lebensrealität der Muslime in Deutschland kaum etwas zu tun haben und diese nicht kennen? Wie können solche Imame wirklich Anteil nehmen an ihren Gemeindemitgliedern?"

Imamausbildung in Deutschland ist nicht ausreichend

Aus theologischer Sicht mache es derweil keinen Unterschied, ob die Imame in der Türkei oder in einem anderen Land ausgebildet würden, findet Akyol.

Zwar bieten mittlerweile sechs Universitäten in Deutschland Islamische Theologie als Studienfach an. Ein Bachelor- oder Masterabschluss reicht aber nicht, um als Imam zu lehren. Es fehlt die praktische Ausbildung zum muslimischen Vorbeter – zum Beispiel in Form eines Imam-Seminars, ähnlich wie in den christlichen Kirchen das Priesterseminar.

Solange dieser Teil der Ausbildung nicht gewährleistet ist, hat Ditib gute Argumente, Imame aus der Türkei zu holen; das könnte schon allein die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit gebieten. Die AKP-Regierung in der Türkei kann das freuen. Für Menschen wie Ali Ertürk geht das Versteckspiel damit aber vorerst weiter.

Die Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker (DR)
Die Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker ( DR )
Deckenfenster in der Kölner Zentralmoschee / © Marion Sendker (DR)
Deckenfenster in der Kölner Zentralmoschee / © Marion Sendker ( DR )
Gemeindesaal neben der Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker (DR)
Gemeindesaal neben der Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker ( DR )
Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker (DR)
Ditib-Zentralmoschee in Köln / © Marion Sendker ( DR )
Sonne und Wolken an der Kölner Zentralmoschee / © Marion Sendker (DR)
Sonne und Wolken an der Kölner Zentralmoschee / © Marion Sendker ( DR )
Quelle:
DR
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