Diözesanmuseum Freising zeigt vielsagende Kunst des 19. Jahrhunderts

Ein wahrhaft himmlisches Vergnügen

Das Diözesanmuseum Freising schafft es wieder einmal, mit einer Sonderschau zu überraschen. Besucher erwartet ein Vergnügen für Augen und Verstand, nämlich Kunst aus der Zeit von König Ludwig I. bis zum "Blauen Reiter".

Autor/in:
Karl Honorat
Freising / © lisa pavlova (shutterstock)

Nichts weniger als ein "Himmlisches Wiedersehen" mit bekannten wie neu zu entdeckenden deutschen Kunstwerken des 19. Jahrhunderts – das verspricht die aktuelle Ausstellung im Diözesanmuseum Freising. Unter dem vollständigen Titel "Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. zum Blauen Reiter" hält sie Wort. 

Vom 17. März bis 26. Juli sind rund 130 Exponate aus eigenen Beständen und von 30 Leihgebern zu sehen. Dazu zählen bedeutende Arbeiten von Bertel Thorvaldsen, Peter von Cornelius und Friedrich Overbeck über Gabriel von Max und Franz von Stuck bis hin zu Wassily Kandinsky und Gabriele Münter.

Die Schau setzt ein mit der Thronbesteigung von König Ludwig I. in Bayern 1825 – einer Zeit nach Napoleon und der Säkularisation, in der Identitäten zunehmend ins Rutschen gerieten – und endet 100 Jahre später, als Papst Pius XI. das Christkönigsfest einführt. 

Zeitgenössische Darstellung des bayerischen Königs Ludwig I. (dpa)
Zeitgenössische Darstellung des bayerischen Königs Ludwig I. / ( dpa )

Dies geschah als Reaktion auf den Laizismus und als Kontrapunkt zum aufkommenden politischen Führerkult. Dazwischen liegen Zeiten staatlicher und gesellschaftlicher Neuordnung, eine vibrierende Vielfalt von Spannungen zwischen Glauben und Zweifel, Ordnung und Verführung, Tradition und Moderne. Parallelen zur Gegenwart sind nicht von der Hand zu weisen.

"Harmonische Einheit"

Als Ludwig I. an die Macht kommt, wird er getragen von der Idee des Gottesgnadentums und der Vision, Kunst, Glauben und Staat zu einer harmonischen Einheit zusammenzufügen. Bilder sollen ordnen, trösten, legitimieren. Geprägt von seiner Leidenschaft für Kunst und Antike gestaltet der Monarch München um. 

Er lässt zahlreiche öffentliche Gebäude, Kirchen und Museen errichten. München wurde damals zum Sehnsuchtsort für Kunst, Literatur und Wissenschaft – und auch für Frauen, die begannen, um Bildung und Sichtbarkeit zu kämpfen.

"724. Männer. Macht. Geschichten." ist die Sonderausstellung des Diözesanmuseums und der Domkirchenstiftung Freising zum 1.300-jährigen Bistumsjubiläum / © Thomas Dashuber (Diözesanmuseum Freising)
"724. Männer. Macht. Geschichten." ist die Sonderausstellung des Diözesanmuseums und der Domkirchenstiftung Freising zum 1.300-jährigen Bistumsjubiläum / © Thomas Dashuber ( Diözesanmuseum Freising )

Der von der Säkularisation stark gebeutelten katholischen Kirche will Ludwig I. wieder zu Ansehen verhelfen und mit ihr sein Königtum festigen. In einer Zeit zwischen Revolten und Restauration, Ultramontanismus und Kulturkampf fördert er die Frömmigkeitspraxis, gründet Klöster und siedelt neue Orden an. 

Auch zuvor verbotene Wallfahrten, Bittgänge und Prozessionen werden erlaubt und erlangen eine neue Blüte. Unter des Königs Ägide entstehen die Allerheiligen-Hofkirche, Sankt Ludwig, die Klosterkirche Sankt Bonifaz sowie die Mariahilfkirche in der Au.

"Christliche Kunst erneuern"

Auf einer Romreise 1818 war der Wittelsbacher als Kronprinz dem "Lukasbund" begegnet. Dessen Mitglieder möchten die christliche Kunst erneuern, wofür ein tugendhaftes Leben nach christlichen Werten vorausgesetzt wird. Wegen ihrer langen, in der Mitte gescheitelten Haare werden diese Künstler auch "Nazarener" genannt. Während viele Zeitgenossen den Siegeszug von Rationalität und Technik erwarteten, blieb bei ihnen das Bedürfnis nach Transzendenz groß.

Einen von ihnen, den Maler Peter Cornelius, beruft der König zum Direktor der Münchner Kunstakademie, die so zu einem Zentrum nazarenischer Kunst nördlich der Alpen wird. Einen großen Umbruch markiert später die Regotisierung der Münchner Frauenkirche. 

Türme der Münchener Liebfrauenkirche / © Ihor Pasternak (shutterstock)
Türme der Münchener Liebfrauenkirche / © Ihor Pasternak ( shutterstock )

Nur wenn die Künstler nicht an Aufträge gebunden sind, können sie sich entfalten und stellen in Genrebildern etwa ihre private Religiosität dar. Ein Paradebeispiel sind zwei großformatige Gemälde von Fritz von Uhde, mit denen er versucht, die Heilsgeschichte in die Gegenwart zu übertragen. Vom Publikum kommt dafür Beifall, konservative kirchliche Auftraggeber halten an der nazarenischen Malerei fest.

"Die dunkle Seite der Religion"

Virtual-Reality-Brillen gibt es noch nicht, dafür sollen Rundgemälde die Besucher in religiöse Szenen versetzen. Erhalten ist nur noch eines: das Jerusalem-Panorama aus Altötting. Die dunkle Seite der Religion – Erotik, Wunderglaube und Okkultismus – wird nicht ausgespart. 

Franz von Stucks berühmtes Bild "Die Sünde" – einst Skandal und Besuchermagnet in einem. Bei ihm zieht Eva die Betrachtenden als sinnlich-verlockende "Femme fatale" in ihren Bann. Diese Unsicherheit der Zeit suchte sich ihre Ventile in Bildern zwischen dogmatischer Frömmigkeit und schonunglosem Realismus.

Parallel entstehen Gemälde wie jenes von Gabriel von Max mit der ekstatischen Jungfrau Katharina Emmerich. Einziger Wermutstropfen in dieser sonst so prächtigen Schau ist das Kapitel "Blauer Reiter" mit nur sehr dürftigen Exponaten.

Interessant ist einzig Marianne von Werefkins Gemälde "Kruzifix in der Landschaft" von 1909. Das letzte Kapitel widmet sich den Erneuerungstendenzen christlicher Kunst im tastenden Beginn der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Durchsetzen kann sich keine Strömung. Die Kluft zwischen Religion und Kunst wird immer größer.

Quelle:
KNA