Leo XIV. ist es, Papst Franziskus war es. Und nun ist auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ein Ordensmann - eine Premiere. Der Herz-Jesu-Priester Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, moderiert jetzt die Geschicke der katholischen Kirche in Deutschland. Bevor der Papst ihn 2018 zum Bischof in Deutschland ernannte, leitete er die internationale Gemeinschaft von Rom aus, sie hat aktuell rund 2.100 Mitglieder.
Die Zentrale der "Sacerdotum a Sacro Corde Jesu", kurz SCJ, liegt unweit vom Vatikan auf einem Hügel, eingerahmt vom römischen Straßenverkehr. Doch ist es in dem großen Garten mit Palmen und blühenden Mimosen ruhig und friedlich. In dieses Grün schaute Wilmer aus seinem Büro im dritten Stock des Generalhauses. Zwei Stockwerke tiefer blickt er den Besuchern noch heute entgegen: auf einem Schwarz-Weiß-Foto an der "Ahnenwand" der bisherigen Ordensleiter.
Sprachliche und interkulturelle Kompetenz
Der neue Bischofskonferenz-Vorsitzende sei kein Fähnchen im Wind, könne – wenn nötig – auch harte Entscheidungen treffen, erzählt Pater Levi Ferreira. Der 53-Jährige ist die derzeitige Nummer zwei der Ordensleitung in Rom und hat lange mit Wilmer zusammengearbeitet. Ein Menschenkenner sei der gebürtige Emsländer, das sei seine große Stärke. Wilmer nehme sich Zeit, andere kennenzulernen und entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern.
Das Gespür für Menschen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse hat der aktuelle Bischof von Hildesheim in seiner langen Zeit als Dehonianer entwickelt. Erst als Oberer in Deutschland, dann als Chef einer Gemeinschaft, die in 43 Ländern aktiv ist, war eine seiner Aufgaben, mit jedem seiner Mitbrüder persönlich zu sprechen. Hinzu kamen regelmäßige Kontakte zur Weltkirche und dem Vatikan. Schon früh lernte er als Ordensmann Menschen in anderen kulturellen Kontexten kennen, etwa in den USA und Venezuela, sah auch die finanziell arme Seite der katholischen Kirche. Er spricht neben (Platt-)Deutsch auch Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch - Polnisch und Niederländisch auch ein wenig.
Die 1878 von Léon Gustave Dehon gegründeten Dehonianer arbeiten auf vier Kontinenten, auch auf schwierigem Terrain wie Kuba, China und Belarus. Sie engagieren sich in der Bildung und in der Pfarrei ebenso wie in der Kommunikation und der Mission. Vor allem die innere Haltung der Herz-Jesu-Priester sei wichtig, erklärt Ferreira. Es gehe nicht nur um das Tun, sondern um das Sein - das müsse Jesus widerspiegeln. "Im alltäglichen Umgang mit den Menschen muss ich zeigen, ich bin barmherzig, ich bin anders dabei, wie ich die Menschen aufnehme, wie ich mit ihnen umgehe. Die Menschen sollen merken, dass ich auch Jesus in meinem Leben habe."
Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft
Anders als die meisten Kleriker wohnen Herz-Jesu-Priester in Gemeinschaften. Männer aus verschiedensten Ländern teilen ihr Leben miteinander. Im Generalhaus in Rom wohnen derzeit rund 40 Männer. Das ändere viel daran, wie man andere Menschen sehe und annehme, so Ferreira. Es werde diskutiert und zugehört. Man lerne, sich in andere hineinzuversetzen, so der Generalvikar der Dehonianer. "Lass uns reden, lass uns in einen Prozess hineinkommen, wo wir gemeinsam eine Lösung finden."
Auf dieser Grundlage, so glaube er, könne Wilmer - ein bodenständiger Teamplayer - ein guter Vermittler in der Bischofskonferenz sein. Zudem spreche er deutlich und klar, ohne oberflächlich zu sein. Der ehemalige Ordensgeneral kombiniere intellektuelle Tiefe mit praktischem Handeln.
Gott im Zentrum
Nach seiner Wahl antwortete Wilmer, der bei Reformvorschlägen des Projekts Synodaler Weg stets mit "Ja" stimmte, vorsichtig auf Journalistenfragen zur anhaltenden Reformdebatte: "Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen." Ferreira sieht darin keinen Widerspruch. Die Kirche müsse die Veränderungen der Zeit mitbegleiten und könne nicht in der Vergangenheit leben. Er glaube, dass Wilmer einen Prozess beginnen, aber nicht sofort Reformentscheidungen treffen werde. "Wir müssen zusammen die Lösung finden, suchen, aber mit der Hilfe Gottes, weil die Kirche auch göttlich ist. Es ist nicht nur menschlich."
Dass nicht alles vom Menschen komme, hätten viele Deutsche vergessen, sie dächten eher rational. Doch: "Wir brauchen Hilfe, um den richtigen Weg zu finden." Er glaube, dass der neue Bischofskonferenz-Vorsitzende beide Ebenen gut kombinieren werde. Am Anfang sei auch Wilmer vor allem rational gewesen, dann habe er sich durch seine internationalen und interkulturellen Erfahrungen weiterentwickelt. Ob die Deutsche Bischofskonferenz nun wohl mit ihrem neuen Vorsitzenden vor einer ähnlichen Entwicklung steht?