Die Philippinen blicken auf ein Jahr Duterte

Drogenkrieg, Terrorgefahr, Verachtung der Menschenrechte

Vor einem Jahr wurde Rodrigo Duterte philippinischer Präsident. Seitdem wurden im "Drogenkrieg" 10.000 angebliche Drogenkriminelle von der Polizei und Todesschwadronen getötet. Opfer sind vor allem die Armen.

Präsidentschaftskandidat Rodrigo Duterte / © Ritchie B. Tongo (dpa)
Präsidentschaftskandidat Rodrigo Duterte / © Ritchie B. Tongo ( dpa )

"Vergangene Nacht waren es acht Tote", sagt Bruder Jun. Der Redemptoristen-Pater fotografiert Nacht für Nacht Menschen, die in Manilas Armenvierteln von der Polizei und Todesschwadronen als angebliche Drogenkriminelle erschossen wurden. Ciriaco Santiago, so der bürgerliche Name von Bruder Jun, ist Mitglied der "Nightcrawler", der "Nachtschwärmer", wie Medien jene lose Gruppe freiberuflicher Fotojournalisten und Filmemacher nennen, die das Töten im Drogenkrieg dokumentieren. "Die Aufnahmen wird man einmal als Beweise in Prozessen nutzen können", sagt der 46-Jährige der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Bruder Jun und seine Mitstreiter schwärmen nicht gefahrlos mit ihren Kameras durch die Nacht. "Die Polizei verwarnt uns immer wieder", sagt Bruder Jun und fügt hinzu: "Auch der Palast hat uns schon kritisiert." Mit "Palast" ist im philippinischen Sprachgebrauch der Präsident gemeint. Rodrigo Duterte, der im Malacanang-Palast residiert.

Kein Platz für Kritik

"Die Regierung Duterte schikaniert die Kritiker der Anti-Drogen-Kampagne, schüchtert sie ein oder verhaftet sie", erklärt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zum ersten Jahrestag der Machtübernahme Dutertes am 30. Juni. Prominentestes Opfer ist Senatorin Leila de Lima. Die schärfste Kritikerin des "Drogenkriegs" war im Februar verhaftet worden - wegen angeblichen Drogenhandels.

Zum Drogenkrieg in den Städten ist im Mai der Krieg gegen den Terror auf Mindanao hinzugekommen. Seit fünf Wochen halten Kämpfer der islamistischen Terrorgruppen Maute und Abu Sayyaf die Stadt Marawi auf Mindanao besetzt. Trotz der Verhängung des Kriegsrechts über Mindanao durch Duterte ist es der Armee bislang nicht gelungen, Marawi und die Geiseln zu befreien; unter ihnen ist auch der Generalvikar der Diözese Marawi.

"Die revolutionäre Antwort"

Seit Jahrzehnten kämpfen muslimische Rebellen auf Mindanao für Autonomie. Der Aufstand sei "die revolutionäre Antwort" der Muslime auf "den Verlust ihrer Souveränität, den Verlust der Heimat ihrer Vorfahren und ihre kulturelle und ökonomische Marginalisierung", erklärt Kardinal Orlando Quevedo der KNA. Quevedo ist Erzbischof von Cotabato auf Mindanao und einer der führenden Köpfe im Dialog mit den Muslimen.

Die Regierungen der vergangenen Jahrzehnte haben immer wieder versucht, durch Friedensverhandlungen den Konflikt auf Mindanao mit den muslimischen Rebellen politisch zu lösen. Dass sie gescheitert sind, lag ebenso am Widerstand vieler einflussreicher und korrupter katholischer Familienclans auf den Philippinen wie an dem der nicht minder einflussreichen und korrupten muslimischen Clans auf Mindanao.

Machtlose Kirche

Sie beuten im Verein mit internationalen Konzernen die reichen Bodenschätze Mindanaos aus. Die Insel hält erschütternde Rekorde: Die Armut ist von 44 Prozent 2006 auf 74,3 Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Das fruchtbare Mindanao gilt als Speisekammer der Philippinen, hat aber die höchste Rate von Hunger und Unterernährung. Ganz vorn liegt Mindanao auch bei der Zahl der Analphabeten.

Diese Gemengelage ist für Kardinal Quevedo eine Ursache, warum sich junge Muslime frustriert dem gewalttätigen Extremismus zuwenden. Selbstkritisch schaut er auf den langjährigen religiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen, der aber auf die Ebene der Führungspersönlichkeiten fokussiert war. "Es muss auch einen religiösen Dialog auf der Ebene der Moscheen und Kirchen vor Ort geben", räumt er ein.

Tatsache ist aber auch: Die große Mehrheit der Philippiner steht laut Umfragen zu Duterte. "Viele finden an Mord, Diebstahl, Betrügereien, Lügen und Seitensprüngen nichts verkehrt", schreibt Pater Amado Picardal auf der Nachrichtenseite der Bischofskonferenz. Da scheint auch die traditionell einflussreiche Kirche auf den Philippinen machtlos.

Autor/in:
Michael Lenz
Quelle:
KNA