SkF-Geschäftsführerin warnt vor "eklatanten Schäden" durch Lockdowns

"Die Perspektivlosigkeit macht mürbe"

Im Ringen um Lockerungen der Corona-Beschränkungen fordert der NRW-Expertenrat dezidiertere Lockdowns. Ein komplettes Runterfahren des gesellschaftlichen Lebens sei keine Lösung, die Folgen der bisherigen Maßnahmen schon jetzt sichtbar.

Langeweile / © Dubova (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Sie sind im NRW-Expertenrat die Frau für die sozialen Fragen. Jetzt fallen die Zahlen beim Inzidenzwert in Richtung 50, die Intensivbetten sind zunehmend entlastet. Welche Grundstimmung nehmen Sie aus der Bevölkerung wahr? Überwiegt der Respekt vor Mutationen oder der Wunsch nach Normalität?

Monika Kleine (Geschäftsführerin des SkF Köln und Mitglied im Expertenrat um NRW-Ministerpräsident Armin Laschet) Diese Frage kann ich ganz eindeutig beantworten: Es überwiegt der Wunsch nach Normalität. Die Menschen haben wirklich die Nerven in der Hand, egal ob es die Eltern sind, ob es die Schüler sind, ob es die Menschen im Einzelhandel sind.

Die Perspektivlosigkeit, die sie umtreibt, macht sie müde, macht in Teilen depressiv. Sie macht sie auch aggressiv. Und selbst wenn es ein gewisses Gewöhnen an diese reduzierte Lebensweise gibt, schlummert da drunter einfach ein großer Kummer, eine große Erschöpfung und ein großer Frust.

DOMRADIO.DE: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gehört nicht dem Expertenrat an. Er sagt, es gebe "null Spielraum für Lockerungen". Kitas und Schulen könnten nur unter der Bedingung geöffnet werden, dass man anderswo einspart. Sehen Sie im sozialen Bereich noch irgendwo ein Sparpotenzial, wo noch zu viele Kontakte stattfinden?

Kleine: Ich finde diese Formulierung eigentlich letztlich zu schlicht. Wir haben als Expertenrat immer gesagt, wir können nicht diese Hammer-Methode fortführen, dass wir im Prinzip die ganze Gesellschaft lahmlegen. Wir müssen viel gezielter, wenn es Ausbrüche gibt, natürlich auch ganz dezidiert dann, dort wieder runterfahren. Aber es kann nicht sein, dass wir sozusagen das gesamte zwischenmenschliche und gesellschaftliche Leben auf Dauer auf null setzen.

Ich glaube, was die Menschen am allermeisten mürbe macht, ist, dass es eine Perspektivlosigkeit gibt. Es muss auch bei aller Verlängerung, die vielleicht in einzelnen Bereichen noch aufrechterhalten werden könnte, aber klar sein, wie ein Öffnungsszenario aussehen kann. Und Einsparungspotenzial sehe ich nicht wirklich.

Natürlich sind Schulen und Kitas da vorrangig in den Blick zu nehmen, denn daran hängen auch Eltern, daran hängen ja dann auch wieder Arbeitsplätze und Arbeitgeber und auch die Befindlichkeit der Eltern, die das letztlich in ihrer Doppelbelastung, also zu arbeiten und gleichzeitig die Kinder anzuleiten, wirklich nicht länger aushalten.

Pauschal zu sagen, wo ich ein Einsparpotenzial sehe, fände ich zu schwierig. Ich glaube, wir müssen eher aufmachen und gucken, wo, natürlich mit den üblichen Spielregeln des Abstandes, des Maskentragens. Und wenn es wirklich zu Ausbrüchen kommt, dann dort gezielt und nicht flächendeckend das ganze Land wieder runterfahren.

DOMRADIO.DE: Die Virologinnen und Virologen argumentieren häufig von ihrem Standpunkt aus. Null Kontakte gleich null Ansteckungen, so kommen wir raus aus der Krise. Wie können Sie mit Ihrem sozialen Ansatz dagegen argumentieren?

Kleine: Ich glaube, dass diese mathematischen Berechnungen letztlich nur ein Teil der Wahrheit sind. Und ich glaube, das wissen wir auch, dass unterhalb des offiziellen Verhaltens durchaus auch, gerade weil die Zermürbheit so groß ist, trotzdem Leben stattfindet. Das finden wir viel gefährlicher, als wenn es sozusagen ein geregeltes Öffnen gibt und ich die Menschen aus dieser Frustsituation, aus diesem sich heimlich freier zu bewegen heraus führen kann.

DOMRADIO.DE: Wir wollen wieder in die Kinos, in die Theater, in die Kneipen, Freunde treffen. Das ist natürlich manchmal Jammern auf hohem Niveau. Dann gibt es die Familien, die auf engstem Raum leben, mit schlechter technischer Ausstattung, ohne Drucker. Oder denken wir an die vereinsamten Senioren. Wie nehmen Sie die sozialen Kollateralschäden, die Begleitschäden des Lockdowns wahr, auch von ihren Klientinnen?

Kleine: Man kann da zwischen Menschen, die wirklich schutzlos sind, unterscheiden. Also wenn ich an Wohnungslose denke, an Prostituierte denke und auch an Menschen denke, die alleine zuhause sind und keine Kontakte oder wenig Kontakte haben, dann sind diese Schäden eklatant. Wir bekommen zunehmend von Eltern berichtet, dass Kinder hohe depressive Verhaltensweisen zeigen. Wir erleben, dass die Wohnungslosen gerade jetzt bei diesen Temperaturen letztlich vollkommen überfordert sind, sich tagsüber in Gänze auch geschützt zu halten.

Es sind einfach unzumutbare Belastungen, die nicht im Verhältnis stehen, denn natürlich ist dieses Herunterfahren jetzt weniger organisiert worden, weil bestimmte Konzepte nicht funktionieren. Hygienekonzepte, gerade auch in Lokalen und auch im Theater, funktionieren ja wunderbar. Die Idee war ja, dass sozusagen die Bewegung reduziert werden soll.

Trotzdem glaube ich, dass gerade das, was Kinder vermissen, das soziale Lernen miteinander, dass alte Menschen einfach den Gang zum Einkauf freier und ohne Angst machen können, so enorm ist, dass ich nicht genau weiß, wie wir diese Abgehängtheit, die gerade Kinder und Jugendliche erleben, wieder aufholen sollen.

Es geht ja nicht nur um die Frage der intellektuellen Lücken, die entstehen, sondern es geht einfach um dieses soziale Miteinander. Im Moment ist die Isolation das, was sie machen müssen und das prägt sie nicht, das fördert sie nicht, das bringt sie auch nicht weiter.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Monika Kleine, Geschäftsführerin des SkF Köln / © Maria Schulz (Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Köln)
Quelle:
DR