Die Kirche und die Marktwirtschaft

Die frohe Botschaft des Kapitalismus?

Das Vermögen von Elon Musk hat sich in der Pandemie verzehnfacht. Gleichzeitig müssen 160 Millionen mehr Menschen in Armut leben. Ist das gerecht? Ist die Marktwirtschaft die Wurzel allen Übels, oder der Weg aus der Krise?

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"Gerade in der Krise zeigt der Kapitalismus sein hässliches Gesicht", sagt der Sozialethiker Bernhard Emunds zu den gerade erschienen neuen Zahlen von Oxfam im Interview mit dem Online-Portal katholisch.de. Handeln sei auch für die Kirche eine Verpflichtung: "In der katholischen Sozialethik hat die Forderung nach einer anderen Vermögensverteilung Tradition. Zudem wird betont, dass diejenigen, die Eigentum haben, damit auch Verantwortung übernehmen und dass der Staat Gesetze einführen soll, damit die Eigentümer ihr Vermögen so einsetzen, dass es für alle Betroffenen von Vorteil ist."

Sollte die Kirche also Vorreiter sein im Kampf gegen die freie Marktwirtschaft? Da gehen die Meinungen auseinander. 

Papst Franziskus ist bekannt für seine Wirtschaftskritik. Seit Beginn seines Pontifikates setzt er sich für eine gerechtere Welt ein und spart nicht mit klaren Worten. "Diese Wirtschaft tötet", sagte er schon kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2013. Seine Kritik am System der freien Marktwirtschaft zieht sich in seinem Pontifikat durch, von seinem ersten Schreiben "Evangelii gaudium", bis zur neuesten Enzyklika "Fratelli tutti", die ein Bild der Welt nach der Corona-Pandemie zeichnet: Mehr Solidarität, weniger unbegrenzte Macht des Geldes.

"Kapitalismus ist ein Synonym für Ungleichheit", bestätigt der Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerks, Markus Demele im DOMRADIO.DE-Interview. "Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es da einen Zusammenhang gibt."

Kapital als Weg aus der Pandemie?

Aber ist das wirklich so? Letztendlich war es ja auch das System der Marktwirtschaft, das die Gründer von BioNTech dazu angetrieben hat, mit ihrem Impfstoff einen Weg aus der Corona-Krise anzustoßen. Alleine der Umsatz des Marburger Medizinunternehmens hat das deutsche Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 0,5 Prozent ansteigen lassen. Die Gründer sind jetzt Milliardäre. Die Welt ist trotzdem dankbar für ihr Engagement.

Markus Demele / © DR (DR)
Markus Demele / © DR ( DR )

Führen uns Kapitalismus und Marktwirtschaft aus der Krise? Markus Demele von Kolping International will da nur zum Teil mitgehen. Solch ein Argument gelte nur für Bereiche in denen die Innovation auch wirtschaftlichen Ertrag verspricht. "Wenn es um bestimmte tropische Krankheiten geht, wo Menschen betroffen sind, die keine Kaufkraft haben, funktioniert das dann schon gar nicht mehr." Die Pharmaindustrie sei also eher ein schlechtes Beispiel für die innovative Kraft des Marktes, nimmt man das Bespiel BioNTech mal aus. Das Leid, das im globalen Süden entstehe, nähmen die Industrieländer "in der Regel eher schulterzuckend zur Kenntnis."

Zu plakativ?

Aber was wäre die Alternative zum aktuellen System? Alle Kritik – auch des Papstes – kann ja nur umgesetzt werden, wenn man neue Wirtschaftsmodelle etabliert. "Jetzt nur zu sagen: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, ist ein bisschen zu plakativ, denn wir müssen schon auch differenzieren," widerspricht Ulrich Hemel, Präsident vom Bund Katholischer Unternehmer (BKU) gegenüber DOMRADIO.DE. Die Lösung ist für Ihn nicht ein Ende der Marktwirtschaft an sich, sondern eine Ausweitung der sozialen Marktwirtschaft, wie sie bei uns in Deutschland seit Ende des zweiten Weltkriegs existiert. "Das ist ein Pfund, das oft völlig unterschätzt wird," so Hemel.

"Das ist eine sehr bewährte Form der Problemlösung, weil sie den Lösungsmechanismus fairer Wettbewerb mit der Zusage von sozialen Mindeststandards verbindet." Für den Unternehmer Hemel hat die soziale Marktwirtschaft zwei ganz klare Funktionen: "Das eine ist: Wie ordnet eine Gesellschaft das Zusammenleben und garantiert einen Mindeststandard? Mindeststandard bezogen auf Wohnen, Zugang zu Bildung, Gesundheit und zu sauberem Wasser. – Das andere ist: Wie agieren Menschen, die unternehmerisch tätig sind? Wie gehen wir mit dem Erfolg dieser Menschen um? Dafür gibt es ja auch eine relativ einfache Lösung, die lautet Besteuerung."

Seit 2021 globale Mindeststeuer

Lob gibt es vom BKU deshalb für den Schritt einer internationalen Mindeststeuer für Unternehmen von 15%, die im vergangenen Jahr beschlossen wurde. Das sei zwar immer noch weit von dem entfernt, was in Deutschland gelte, aber schaffe schon mal einen Anfang, Unternehmer in die Pflicht zu nehmen, egal wo auf der Welt sie sich befinden.

Prof. Ulrich Hemel

"Es hängt nur davon ab, dass man es wirklich will."

Der Bund Katholischer Unternehmer sieht darin auch einen Schritt, das deutsche System der sozialen Marktwirtschaft international auszuweiten. Ist das ein realistisches Vorhaben? Hemel: "Ich halte es durchaus für realistisch. Es hängt nur davon ab, dass man es wirklich will. Denn es setzt ja voraus, dass wir Institutionen schaffen, die dafür sorgen."

Prof. Ulrich Hemel / © Daniel Hemel (KNA)
Prof. Ulrich Hemel / © Daniel Hemel ( KNA )

Auch wenn der Ansatz einer internationalen Mindeststeuer zu loben sei, reiche das bei weitem nicht aus, so Kolping-Generalsekretär Demele: "Wenn jetzt dieser globale Mindeststandard für Unternehmen gefeiert wird, kann ich das verstehen, weil es ein erster wichtiger Schritt ist. Aber es ist natürlich längst nicht hinreichend." Die Superreichen wie Elon Musk, so Demele, würden immer Wege finden, ihre Finanzbuchhaltung kreativ auszulegen, was den unteren Einkommensschichten nicht möglich ist.

Egal mit welchen Mitteln die Weltgemeinschaften ein Umdenken im Wirtschaftssystem anstrebe, es sei wichtig, dass das auf allen Ebenen geschieht, das betonte Papst Franziskus zuletzt bei einem Treffen mit jungen Menschen im Rahmen des Kongresses „The Economy of Francesco“. Gerade die jungen Leute sind es, die der Papst bei diesem Transformationsprozess in der Pflicht sieht. "Die Folgen unserer Handlungen und Entscheidungen werden euch persönlich berühren. Deshalb könnt ihr nicht außen vor bleiben an den Orten, an denen nicht bloß eure Zukunft, sondern schon eure Gegenwart gemacht wird. Entweder ihr seid dort mit dabei, oder die Geschichte wird über euch hinweggehen."

Autor/in:
Renardo Schlegelmilch
Quelle:
DR