Wie Ordensleute und Priester gegen Gewalt und Vorurteile kämpfen

Die Friedensmacher aus Nigeria 

Mehrere Konfliktherde prägen den Alltag in Nigeria. Zugleich bemühen sich Kirchenvertreter und Aktivisten um Dialog und ein friedliches Miteinander. Ein Streifzug durch ein zerrissenes Land.

Autor/in:
Katrin Gänsler
Dramatische Sicherheitslage in Nigeria / © Ibrahim Mansur (dpa)
Dramatische Sicherheitslage in Nigeria / © Ibrahim Mansur ( dpa )

"Es ist schrecklich", so beschreibt Elizabeth Abuk die Situation in ihrer Heimat, dem Bundesstaat Kaduna im Norden Nigerias. "Die Sicherheitslage hat sich sehr verschlechtert. Ende September haben wir wieder mehr als 30 Menschen verloren." Banditen hatten das Dorf Madamai Abun überfallen, um sich geschossen und Häuser in Brand gesetzt. Doch nicht nur solche Angriffe prägen den Alltag von Abuk, christliche Koordinatorin des "Women's Interfaith Council" (WIC), ein interreligiöser Dachverband von 23 Fraueninitiativen in Kaduna. Der Zusammenschluss ist Träger des Aachener Friedenspreises 2021. Mitunter kommt es täglich zu Entführungen. Besonders hoch ist das Risiko für Reisende.

Abuk seufzt: "Die Regierung sagt zwar, sie würde ihr Bestes tun." Im Alltag aber spüre sie Angst. Kaduna ist seit Jahrzehnten ein krisengebeutelter Bundesstaat. Schwere Ausschreitungen gab es 2000, als die islamische Gesetzgebung, die Scharia, eingeführt wurde. Zwischen Christen und Muslimen hat das bis heute zu viel Misstrauen geführt, so dass die gleichnamige Provinzhauptstadt längst in den christlichen Süden und den muslimisch geprägten Norden geteilt ist.

Mit Muslimen groß geworden

Abuk bringt deshalb gemeinsam mit der Muslimin Amina Kazaure Frauen beider Glaubensrichtungen zusammen. Sie geben Seminare und leben vor, wie ein friedliches Miteinander möglich ist. Die Hoffnung darauf will die 64-Jährige nicht aufgeben: "Ich bin mit Muslimen groß geworden. Die aktuelle Situation macht mich sehr unglücklich."

Viereinhalb Autostunden von Kaduna entfernt liegt die Stadt Jos, die vor Jahrzehnten für ihr angenehmes Klima und die ertragreichen Anbaumöglichkeiten bekannt war. Seit 20 Jahren sind mit der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau aber auch schwere Unruhen verbunden. Innerhalb von zehn Tagen starben im September 2001 rund 1.000 Menschen. Weitere folgten in den Jahren 2008 und 2010.

Die Ausschreitungen haben politische, wirtschaftliche und ethnische Wurzeln. Mitunter haben sie auch eine religiöse Komponente. In einem Land, mit dem sich viele seiner Bewohner nicht identifizieren können, ist die Religionszugehörigkeit ein Bindeglied, das vereint, aber auch gegen die jeweils andere Religion mobilisieren kann.

Besorgniserregende Ruhe

Das erlebt Ordensschwester Nenlidang Gochin regelmäßig. "Es gibt religiöse Meinungsführer, die Hassbotschaften verbreiten", sagt die Franziskanerin der Damietta Friedensinitiative. Gerade in einem Umfeld mit hoher Arbeitslosigkeit und jungen Drogenabhängigen können diese auf fruchtbaren Boden fallen. In diesen Tagen sei es in Jos zwar "ruhig", sagt Gochin, "die Ruhe fühlt sich aber besorgniserregend an". Niemand wisse, wo und wann erneut Gewalt ausbricht.

Die 43-Jährige setzt sich deshalb dafür ein, dass christliche und muslimische Frauen zusammen kommen und sich Familien wieder versöhnen. "Frauen bieten ein riesiges Potenzial in Friedensprozessen", betont sie. "Als Mütter erreichen sie die Herzen ihrer Kinder und damit die nächste Generation. Wir Frauen bringen viel Weisheit ein."

Die Gewalt in Plateau hat sich in den vergangenen Jahren durch den Konflikt zwischen Farmern und Viehhirten verschärft. Etwa 90 Prozent der Viehhirten sind Fulani und Muslime, die Mehrheit der Farmer hingegen Berom und Christen. "Der Konflikt hat verschiedene Dimensionen", sagt Chris Anthony Ogbonna, Programmleiter des Dialogue, Reconciliation and Peace Centre (Drep) in Jos. Weideflächen werden knapper und Zugänge zu Wasserstellen schwieriger. Bewaffnete Gruppierungen sorgen für Gewalt, indem sie Menschen entführen und Lösegeld erpressen. Immer wieder komme es zu Vergeltungstaten, so Ogbonna. Und: "Es entstehen viele Erzählweisen, die sich nicht überprüfen lassen."

Gewalt eindämmen

Friedensgespräche in diesem Umfeld zu führen, sei extrem schwierig.
"Teilnehmer denken, sie verschwenden ihre Zeit: Wir diskutieren miteinander, und gleichzeitig findet wieder ein Überfall statt. Sie fragen sich, wo der Sinn in einem Dialog liegt." Ogbonna hält jedoch daran fest: "Wir müssen uns regelmäßig treffen und ein Frühwarnsystem entwickeln." Allerdings sei auch die Regierung in der Verantwortung: "Es ist nicht haltbar, dass heute noch Hirten mit ihren Tieren umherziehen." Um die Gewalt einzudämmen, sollten klar definierte Weidegebiete geschaffen werden.

Im Nordosten des Landes hat indes die Terrorgruppe Boko Haram die Kluft zwischen Christen und Muslimen größer werden lassen. Davon berichtet Stephen Dami Mamza, Bischof der Diözese Yola. Die Terrorgruppe breitete sich ab 2014 aus Borno im äußersten Nordosten in Richtung Süden aus. Sie ist zwar längst zurückgedrängt und gilt durch den Tod ihres Anführers Abubakar Shekau im Mai 2021 als geschwächt. Doch die Wunden bleiben. "Christen haben im besonderen Maße unter der Gewalt gelitten", so Mamza, der Vorsitzender der Christlichen Vereinigung (CAN) im Bundesstaat Adamawa ist.

Einen Dialog zwischen Christen und Muslimen gebe es zwar. Doch mitunter fehle es an Ernsthaftigkeit. "Das, was die Menschen sagen, ist nicht das, was sie auch tun." Mamza hat sich deshalb entschieden, ein Signal zu setzen. Das Gelände rund um die Kathedrale Sankt Theresa in Yola hat in den vergangenen Jahren tausenden Geflüchteten einen Unterschlupf geboten. Adamawa zählt bis heute mehr als 209.000 Binnenflüchtlinge. Mittlerweile ist deshalb ein Dorf für 86 Familien entstanden. Wenige sind Muslime. Trotzdem wurde eine Moschee gebaut. "Sie haben schließlich auch das Recht, ihren Glauben auszuüben", sagt Bischof Mamza.


Quelle:
KNA
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