Die Amish leben zwischen Tradition, Demut und bewusster Weltabkehr

In dieser Welt, aber nicht von ihr

Die Amish in den USA leben ähnlich wie vor 300 Jahren. Die religiöse Gemeinschaft hat ihren Ursprung in Europa und ihre eigenen Regeln. Dazu zählen etwa die Erwachsenentaufe und je nach Gemeinde die Verneinung technischen Fortschritts.

Autor/in:
Arne Conrad
Eine Gruppe Amish Teenager in Gordonville, Pennsylvania / © Greg Kelton (shutterstock)
Eine Gruppe Amish Teenager in Gordonville, Pennsylvania / © Greg Kelton ( shutterstock )

Pferdekutschen auf Landstraßen, schlichte Kleidung, kein Strom im Haus: Das sind Bilder, die die meisten Menschen mit den Amish verbinden. Doch hinter dieser äußerlichen Schlichtheit steckt eine tiefe, konsequent gelebte Theologie, die eine der faszinierendsten Antworten auf die Frage gibt: Wie lässt sich persönlicher, christlicher Glaube im Alltag wirklich ernst nehmen?

Blut, Verfolgung und ein Neuanfang in Amerika

Um die Amish zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen. Die beginnt mit Märtyrertod und Flucht. Denn die Amish entstammen der täuferischen Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts, die sich in Zürich als radikale Minderheit von anderen Reformatoren abspalteten. Ihr zentrales Anliegen: keine Kindertaufe, sondern ausschließlich die Bekenntnistaufe mündiger Erwachsener. Die Taufe, so ihre Überzeugung, darf erst vollzogen werden, wenn jemand aus freiem Willen zum Glauben findet. Nicht als Kleinkind, das nicht mündig entscheiden kann.

Der Preis für diese Überzeugung war enorm. Etwa 1.000 namentlich bekannte Täufer wurden im 16. und 17. Jahrhundert hingerichtet – ertränkt, enthauptet, verbrannt. Die Täuferforschung, ein Teil der Geschichtswissenschaft und Theologie, welche sich mit der Täuferbewegung befasst, geht davon aus, dass die tatsächliche Opferzahl mindestens doppelt so hoch war. Zürich und Bern schickten eigens "Täuferjäger" aus, um Glaubensflüchtige aufzuspüren.

1693 trennte sich eine Gruppe unter dem Elsässer Ältesten Jakob Ammann von den Mennoniten und begann, die Gemeindeordnung noch konsequenter zu leben. Diese Gruppe – die Amish – fand, in mehreren Auswanderungswellen im 18. Jahrhundert, schließlich in Pennsylvania ihr neues Zuhause. Dort garantierte William Penn, der die Kolonie Pennsylvania gründete, ihnen Glaubensfreiheit. Was in Europa durch Verfolgung fast ausgelöscht wurde, blühte auf der anderen Seite des Atlantiks auf.

Mit im Gepäck der Einwanderer kam eine Sprache, die bis heute überlebt hat: das Pennsylvaniadeutsch. Es ist kein Hochdeutsch und kein modernes Dialekt-Deutsch, sondern ein lebendiger Zeuge der pfälzischen Auswanderer des 18. Jahrhunderts. Es ist eine Mischform aus oberdeutschen Dialekten, die auf amerikanischem Boden erstarrte, während sich das Deutsche in Europa weiterentwickelte. Für die Amish Identität ist diese Sprache von zentraler Bedeutung. Untereinander sprechen die Amish Pennsylvaniadeutsch, im Gottesdienst ein dialektal gefärbtes Hochdeutsch und mit der Außenwelt Englisch. Diese Dreisprachigkeit ist mehr als ein Kommunikationsmittel, sie ist Grenze und Schutzwall zugleich. Als im Ersten Weltkrieg die anti-deutsche Stimmung in den USA die deutsche Sprache fast vollständig aus dem öffentlichen Leben verdrängte, blieben die Amish eine der letzten verbliebenen deutschsprachigen Gemeinschaften Nordamerikas. Die Sprache, die anderswo ausstarb, überlebte im Wohnzimmer-Gottesdienst.

Eine Gruppe Amish Menschen / © Sorin Vidis (shutterstock)
Eine Gruppe Amish Menschen / © Sorin Vidis ( shutterstock )

Wer heute von "den Amish" spricht, meint in der Regel die Amish alter Ordnung, und damit nur einen Teil einer vielgliedrigen Bewegung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spalteten sich die Amish in Amerika in Gruppen auf, die unterschiedlich mit den Herausforderungen der Moderne umgingen. Die Mehrheit näherte sich der amerikanischen Gesellschaft an und schloss sich schließlich den Mennoniten an. 

Jene, die an der alten Ordnung festhielten, gut ein Drittel, organisierten sich als Amish alter Ordnung und sind bis heute die strengste und bekannteste Gruppierung. Sie lehnen Stromanschluss, Autobesitz und staatliche Bildung ab und treffen sich zum Gottesdienst im Haus. Daneben existieren liberalere Gruppen wie die Beachy-Amish, die Autos und Elektrizität erlauben, oder die Amish neuer Ordnung, die eine stärker evangelikale Frömmigkeit pflegen, aber an Pferdekutschen und Deutsch festhalten. Auch innerhalb der Amish alter Ordnung gibt es über 40 Untergruppen – manche noch strenger als der Mainstream, andere etwas offener. Die Unterschiede sind oft für Außenstehende kaum sichtbar, etwa die Breite der Hutkrempe, oder die Farbe des Kutschendachs.

Gelebte Theologie: Demut als Lebensprinzip

Was die Amish von fast allen anderen christlichen Gemeinschaften unterscheidet: Sie verfügen kaum über systematische theologische Texte. Ihre Theologie ist nicht geschrieben, sie wird gelebt. Der Soziologe John S. Oyer bringt es auf den Punkt: Die Kultur der Amish ist gelebte Theologie.

Zentraler Begriff ist die Gelassenheit – ein Wort, das sich ins Englische kaum übersetzen lässt. Es meint das vollständige Zurückstellen des eigenen Willens: Unterwerfung unter Gott, unter die Gemeinde, unter die Ordnung. Gelassenheit ist das Gegenteil von Selbstverwirklichung. Sie zeigt sich in der Kleidung (schlicht, einheitlich, ohne Schmuck), im Verzicht auf Bilder von sich (wer sich heraushebt, zeigt mangelnde Demut) und im Gottesdienst, der ohne ausgebildeten Pfarrer, ohne Orgel und ohne Kirchengebäude auskommt.

Menschen im Park während der Intercourse Heritage Days, einem jährlichen Gemeindefest im ländlichen Lancaster County, Pennsylvania / © George Sheldon (shutterstock)
Menschen im Park während der Intercourse Heritage Days, einem jährlichen Gemeindefest im ländlichen Lancaster County, Pennsylvania / © George Sheldon ( shutterstock )

Alle zwei Wochen trifft sich die Gemeinde, reihum im Wohnzimmer oder der Scheune eines Gemeindemitglieds. Der Gottesdienst dauert drei bis vier Stunden, Männer und Frauen sitzen getrennt. Gesungen wird a cappella, in sehr langsamem Tempo, aus dem Ausbund, einem Liederbuch aus dem Jahr 1564, das zu den ältesten noch im Gebrauch befindlichen protestantischen Gesangbüchern der Welt gehört. Manche Gemeinden singen bis zu 25 Minuten an einem Lied.

Wer die Gemeinde leitet, wird nicht berufen und nicht bezahlt: Gemeindeleiter werden per Wahl und anschließendem Losentscheid bestimmt. Die Überzeugung ist, dass Gott durch das Los wirkt. Das Amt ist eine Last, kein Status. Viele beten, dass das Los an ihnen vorbeigehe.

Warum kein Auto und warum doch das Taxi?

Kaum ein Merkmal der Amish wird so missverstanden wie ihr Verhältnis zur Technik. Es geht ihnen nicht darum, das Rad der Geschichte anzuhalten oder den Fortschritt pauschal abzulehnen. Die entscheidende Frage lautet: Schadet diese Neuerung dem Gemeinschaftsleben?

Das Auto zum Beispiel ist in den meisten Gemeinden verboten, präziser gesagt, der Besitz eines Autos. Wer sich von einem nicht-amish Taxifahrer zur Hochzeit einer anderen Gemeinde fahren lässt, verstößt gegen keine Regel. Der Unterschied liegt in der Verfügbarkeit der Mobilität. Wer kein Auto besitzt, bleibt verwurzelt. Automatische Mobilität, so die Amish Überlegung, lockert die Bindung an die Gemeinde, Nachbarschaft und Familie. Das soll vermieden werden.

Amish Frauen in einer Kutsche unterwegs / © Photo Spirit (shutterstock)
Amish Frauen in einer Kutsche unterwegs / © Photo Spirit ( shutterstock )

Ähnlich verhält es sich beim Telefon. Es ist im Haus verboten, aber in der Scheune oder im Büro sowie in Notfällen erlaubt. Fernsehen und Internet sind flächendeckend verboten, weil sie von Anfang an als unvereinbar mit dem Gemeinschaftsleben galten. Sie stören nach der Überzeugung der Amish das Familienleben. Die Ordnung – die sogenannte Ordnung der Gemeinde – wird dabei nicht von oben verordnet, sondern zweimal im Jahr in einem eigens dafür einberufenen Gottesdienst gemeinsam besprochen und verabschiedet. Bleibt eine Uneinigkeit über die Ordnung länger bestehen, spaltet sich die Gemeinde, oder eine Partei sucht sich eine andere Gemeinde, welche besser zu ihren Überzeugungen passt.

"Rumspringa": Die Freiheit vor dem Bekenntnis

Eines der faszinierendsten Elemente der Amish Praxis ist die "Rumspringa" – Pennsylvaniadeutsch für "Herumspringen". Ab dem 16. Lebensjahr bis zur Taufe haben Jugendliche erhebliche Freiheiten. Sie unterstehen weder der elterlichen Autorität noch der Gemeindeordnung. Manche probieren Autos, Smartphones oder Partys aus, andere bleiben der Amish Lebensweise weitgehend treu.

Vorderansicht eines Amish Market / © Lester Balajadia (shutterstock)
Vorderansicht eines Amish Market / © Lester Balajadia ( shutterstock )

Was auf den ersten Blick paradox wirkt, ist theologisch konsequent. Die Taufe darf kein Automatismus sein, sie muss aus freier Entscheidung folgen. Wer nie etwas anderes kennengelernt hat, kann nicht wirklich wählen. Die meisten Jugendlichen entscheiden sich nach der "Rumspringa" für die Gemeinschaft. Mit der Taufe erkennen sie die Ordnung verbindlich an, wissen aber auch, dass sie sich hätten anders entscheiden können.

Gegenseitigkeit statt Versicherung

Die Amish schließen keine Versicherungen ab, weder Kranken- noch Haftpflichtversicherungen. Wer krank wird oder wessen Haus abbrennt, ist auf die Gemeinschaft angewiesen. Geld für Arztkosten oder Operationen werden gesammelt. Zuerst durch die Familie, dann durch die eigene Gemeinde, notfalls durch Nachbargemeinden. Dieses konsequent gelebte Subsidiaritätsprinzip ist nicht nur eine soziale Praxis, sondern ein Glaubensbekenntnis: Wir tragen füreinander Verantwortung.

Ein anderes Christentum – Vergleich mit dem Katholizismus

Wer die Amish Glaubenswelt mit dem Katholizismus vergleicht, erkennt schnell: Es sind nicht nur Nuancen, die sie trennen, sondern grundlegende theologische Entscheidungen.

Die Taufe steht am Anfang. Die Kindertaufe, eines der ältesten Sakramente der Kirche, ist für die Amish schlicht unbiblisch. Die Taufe setzt ein persönliches Glaubensbekenntnis voraus. Wer als Säugling getauft wird, hat kein solches abgelegt. Die Bedeutung der Taufe und ihr Zusammenhang mit der Sünde wird anders verstanden. Täufer und Amish lehnen die Kindertaufe ab, interpretieren die Sünde jedoch nicht zwingend anders, sondern betonen stärker das bewusste, ethisch gelebte Leben in der Nachfolge Christi.

Beim Abendmahl trennen die Konfessionen noch fundamentalere Überzeugungen. Die katholische Lehre der Transsubstantiation, dass Brot und Wein in der Eucharistie wirklich zu Leib und Blut Christi werden, ist für die Amish fremd. Das Abendmahl ist ein Gedächtnismahl, ein Zeichen der Gemeinschaft, kein Wunder der Wandlung. Es wird zudem nur Gemeindemitgliedern gereicht.

Kirchenstruktur und Hierarchie könnten kaum unterschiedlicher sein. Die römisch-katholische Kirche ist eine der ältesten und straff organisiertesten Institutionen der Welt – mit Papst, Kurie, Bischöfen und einem ausgebildeten, geweihten Klerus. Dabei versteht sich die Kirche nach ihrem eigenen theologischen Selbstverständnis nicht primär als Institution, sondern als Leib Christi und sakramentale Wirklichkeit, wie es das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution "Lumen gentium" entfaltet hat. Bei den Amish gibt es nichts davon. Jede Gemeinde ist vollständig autonom. Kein Bischof entscheidet über Nachbargemeinden. Kein Theologe formuliert verbindliche Lehraussagen. Stattdessen regelt jede Gemeinde ihre Ordnung selbst und wer dauerhaft anderer Meinung ist, gründet oder sucht eine andere Gemeinde.

Amish Landwirtschaft / © ironwas (shutterstock)

Besonders scharf ist der Kontrast beim Verhältnis zu Staat und Gewalt. Historisch hat die katholische Kirche Jahrhunderte lang eng mit Herrschern und Armeen kooperiert und Kreuzzüge theologisch begleitet. Ein Kapitel, das die Kirche selbst kritisch aufgearbeitet hat. Die heutige katholische Friedensethik, etwa das Konzept des "gerechten Friedens", unterscheidet sich deutlich von früheren Positionen. Für die Amish bleibt gleichwohl jede Kooperation mit staatlicher Gewalt im Evangelium diametral entgegengesetzt. Die Bergpredigt ("Leistet dem, der euch Böses tut, keinen Widerstand") gilt wörtlich. Egal ob Militärdienst, Richteramt oder Arbeit in staatlichen Behörden: alles wird abgelehnt. Einen Eid schwören? Undenkbar, denn Jesus verbietet es ihrer Auslegung nach ausdrücklich in Matthäus 5,37.

Auch die Frage der Bibel und Tradition trennt beide Welten. Die katholische Kirche erkennt neben der Heiligen Schrift auch die apostolische Tradition und das Lehramt als verbindliche Quellen an. Für die Amish gilt allein die Bibel, dabei vor allem das Neue Testament. Päpstliche Enzykliken, Konzilsbeschlüsse oder Kirchenväter spielen für sie keine Rolle.

Und schließlich: die Frage der Sichtbarkeit des Glaubens. Gotische Kathedralen, aufwendige Messfeiern, kunstvolle Gewänder – für viele Katholiken ist der äußere Prunk ein Ausdruck der Herrlichkeit Gottes. Theologisch gründet diese Haltung in der Inkarnation und der Sakramentalität. Das Materielle kann Träger des Göttlichen sein. Schönheit und Kunst dienen hier der Anbetung. Für die Amish sind sie das genaue Gegenteil: ein Zeichen von Stolz und Weltlichkeit, welches der Demut widerspricht. Ihr "Gotteshaus" ist das Wohnzimmer, ihr Gottesdienst findet ohne Orgel, ohne Kunst und ohne Weihrauch statt.

Wachstum ohne Mission

Die Amish sind keine Museumsstücke, sondern eine der am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinschaften der Welt. 2022 gab es etwa 373.000 Amish Alter Ordnung in über 500 Gemeinden in 32 US-Bundesstaaten und Kanada. Ihre Zahl wächst nicht durch Missionierung, sondern natürliches Wachstum, hohe Geburtenraten, aber auch hohe Verbleiberaten. So zeigen sie, dass ihre Lebensweise nicht nur möglich, sondern attraktiv ist.

Ihr Glaube stellt Fragen, die über die Gemeinschaft hinausweisen: Wann wird Technik zum Problem? Was bedeutet Gemeinschaft wirklich? Wie ernst nehmen wir die Bergpredigt? Die Amish haben darauf radikale Antworten gefunden – Antworten, die man nicht teilen muss, um sie ernst zu nehmen.

Quelle:
DR

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