Diakon wünscht sich weitere Klarstellungen von Xavier Naidoo

"Ich möchte ihm glauben"

Xavier Naidoo ist einer der umstrittensten Popstars Deutschlands und fiel in den letzten Jahren mit rassistischen und radikalen Äußerungen auf. Nun hat er sich in einem Video von all dem distanziert. Manfred Müller reicht das nicht.

Der deutsche Sänger Xavier Naidoo / © Alexandra Wey/Keystone (dpa)
Der deutsche Sänger Xavier Naidoo / © Alexandra Wey/Keystone ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den reuigen Sänger im Video sahen?

Manfred Müller (Diakon im Bistum Würzburg): Damit gerechnet hatte ich ehrlich gesagt nicht. In diesem Sinne hat es mich überrascht. Aber Xavier Naidoo wirkt in dem Video für mich sehr ruhig und gefasst. Ich glaube ihm auch, ich möchte ihm glauben. Aber natürlich reichen drei Minuten nicht aus, um zu sagen: "Was in den Jahren vorher war, ist jetzt alles mit einem Schlag weg."

DOMRADIO.DE:  Können Sie den Menschen Naidoo kurz für uns einordnen?

Diakon Manfred Müller / © Kim Sell (privat)
Diakon Manfred Müller / © Kim Sell ( privat )

Müller: Ich habe mich vor 20 Jahren meine Abschlussarbeit über die Söhne Mannheims geschrieben und mich dabei auch intensiv mit ihrem damaligen Sänger Xavier Naidoo beschäftigt. Er ist für mich ein zutiefst religiöser Mensch. Manchmal schießt er vielleicht übers Ziel hinaus, wenn er seine Religiosität in drastische Formen verpackt.

Die Bibel zu lesen und dann zu sagen: "Da ist etwas Nettes dabei gewesen", das geht für ihn nicht. Er fragt: "Was heißt das für mich? Was muss ich machen? Was muss ich in meinem Leben bewegen?" Das macht ihn aus, das hat ihn teilweise auch zu extremen Überzeugungen geführt, die aber nicht immer schlimm waren.

Wie zum Beispiel, dass er die Stadt Mannheim für sich als neues Jerusalem bezeichnet hat. Das klingt natürlich extrem. Aber er hat sich eben gesagt: "Ich muss hier und jetzt etwas tun, ich muss hier und jetzt als Christ leben." Das hat er positiv umgesetzt. In den letzten Jahren hat er sich allerdings in eine Richtung entwickelt, die auch natürlich ich nicht nachvollziehen konnte und kann.

DOMRADIO.DE: Als Auslöser für seine Umkehr nennt er Putins Angriffskrieg – vor dem Hintergrund, dass er mit einer Ukrainerin verheiratet ist. Das klingt nachvollziehbar.

Diakon Manfred Müller

"Wenn seine Frau aus der Ukraine kommt und dort ihre Familie hat, wenn er in der Ukraine war, um diese Familie herauszuholen, dann geht ihm das sicher näher als uns, die wir vielleicht in unseren Gemeinden mit ukrainischen Bürgern zu tun haben"

Müller: Ich denke schon, dass er noch einmal ganz anders betroffen ist von dem Krieg in Europa als viele andere hier. Wenn seine Frau aus der Ukraine kommt und dort ihre Familie hat, wenn er in der Ukraine war, um diese Familie herauszuholen, dann geht ihm das sicher näher als uns, die wir vielleicht in unseren Gemeinden mit ukrainischen Bürgern zu tun haben.

DOMRADIO.DE: Die Reaktionen auf Naidoos Video sind verhalten bis offen feindselig. Viele wissen offenbar wirklich nicht, für wie glaubwürdig sie das halten sollen. Was sagen Sie?

Diakon Manfred Müller

"Ich wünsche mir, dass er die Möglichkeit bekommt, in Interviews noch einmal klar Stellung zu beziehen. Dass er sich auch noch einmal ausführlicher zu seinen Fehlern äußert, nicht nur in drei Minuten, sondern dass er wirklich zeigt, wie er jetzt weitergehen will"

Müller: Ich habe ihn mehrfach getroffen und ihn zu diesen Gelegenheiten als einen wirklich ernsthaften Menschen erlebt. Aber seit Jahren hatte ich keinen persönlichen Kontakt mehr zu ihm. Ich möchte ihn ernst nehmen, ich möchte ihm das jetzt auch glauben. Ich möchte dann aber auch – und das sagen ja viele Kommentatoren – sehen, dass weitere Schritte folgen.

Ich wünsche mir, dass er die Möglichkeit bekommt, in Interviews noch einmal klar Stellung zu beziehen. Dass er sich auch noch einmal ausführlicher zu seinen Fehlern äußert, nicht nur in drei Minuten, sondern dass er wirklich zeigt, wie er jetzt weitergehen will. Er hat letztendlich jahrelang Dinge getan, über die viele Leute nur den Kopf schütteln konnten.

Da müsste er schon zeigen, dass er jetzt wirklich auf einem anderen Weg ist in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren. Er müsste beweisen, dass er sich wirklich in eine andere Richtung entwickeln will. Aber diese Chance sollten wir ihm geben.

DOMRADIO.DE: Manch ein Querdenker schäumt jetzt vor Wut. Attila Hildmann zum Beispiel hat Naidoo umgehend einen Verräter genannt.

Müller: Mit der Kritik eines Attila Hildmann oder Michael Wendler sollte Xavier Naidoo gut leben können. Ich glaube, wenn er das mit seiner Abkehr jetzt ernst meint, wird er damit locker umgehen können.

DOMRADIO.DE: Kann nicht in der Tatsache, dass ein Prominenter eine solche öffentliche Abbitte leistet, auch eine Chance liegen? Etwa die, dass andere Zweifelnde sich ermutigt fühlen, ebenfalls aus dieser verrückten Verschwörer-Szene auszusteigen?

Diakon Manfred Müller

"Wenn er das wirklich täte, wäre das tatsächlich eine Chance, in dieser Hinsicht zum Vorbild zu werden"

Experten reagieren unterschiedlich auf Video von Xavier Naidoo

In einem Youtube-Video bekundet der Sänger Xavier Naidoo seine Abkehr von Verschwörungstheorien. Am Mittwoch fielen die Reaktionen auf seinen rund dreiminütigen Monolog unterschiedlich aus. Während der Religionswissenschaftler Michael Blume ihm offenbar eine neue Chance geben möchte, zeigen sich andere Fachleute wie der Verschwörungsexperte Josef Holnburger skeptisch.

Xavier Naidoo sitzt beim Finale der RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar 2019" auf der Bühne / © Henning Kaiser (dpa)

Müller: Ich kann mir das schon vorstellen, sollte Naidoo seine Abkehr mit weiteren Worten und Taten unterfüttern. Die drei Minuten dieses Videos bieten zu wenig Angriffsflächen, um sich angemessen mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Hoffentlich bekommt er die Möglichkeit, in Interviews ganz konkret zu sagen: "Da habe ich einen Fehler gemacht – mit dieser und jener Gruppierung. Da habe ich mich in etwas hereinziehen lassen, mit dem ich mich nicht mehr identifiziere."

Wenn er das wirklich täte, wäre das tatsächlich eine Chance, in dieser Hinsicht zum Vorbild zu werden. Er könnte ein Vorbild für andere sein, dazu zu stehen, dass er Fehler gemacht hat.

DOMRADIO.DE: Manche haben zunächst an einen PR-Gag gedacht.

Müller: Dass das ein PR-Gag war, kann ich mir bei ihm nicht vorstellen. Naidoo ist eine besondere Person; er ist jemand, der innerlich nicht unbedingt den geraden Weg findet. Manch einer von uns kennt das vielleicht... Ich glaube schon, dass ihn vieles beschäftigt und hoffe, dass das jetzt wirklich der Schritt in die richtige Richtung ist.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR