Diakon erlebte eine planlose deutsche Evakuierung aus Israel

"Uns hat es einfach schockiert"

Jubel über Terror und einen Übergriff erlebte eine Westerwälder Pilgergruppe im Zuge des Hamas-Angriffs in Israel. Diakon Marco Rocco erzählt, wie er diese Tage wahrnahm und wie wenig die Evakuierung vorbereitet worden zu sein schien.

Ein Airbus A321 der Luftwaffe mit Passagieren aus Israel landet am 15.10.2023 am Flughafen BER. Die Bundeswehr hat an dem Wochenende rund 160 Menschen aus Israel nach Deutschland ausgeflogen / © Christophe Gateau/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (dpa)
Ein Airbus A321 der Luftwaffe mit Passagieren aus Israel landet am 15.10.2023 am Flughafen BER. Die Bundeswehr hat an dem Wochenende rund 160 Menschen aus Israel nach Deutschland ausgeflogen / © Christophe Gateau/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie waren auf Rundreise unterwegs zu den Orten der Bibel. Wie und wo haben Sie denn vom Angriff der Hamas erfahren und haben Sie dann direkt auch die Tragweite realisiert?

Marco Rocco (Diakon in Montabaur): Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir Samstag früh etwas außerhalb von Jerusalem unterwegs waren und die Sirenen hörten und zugleich dann auch Schweife am Himmel sahen.

Diakon Marco Rocco in Israel / © Privat (DR)
Diakon Marco Rocco in Israel / © Privat ( DR )

Im ersten Augenblick waren wir überrascht, ungläubig und hatten dann erst nach mehreren Minuten gemerkt, dass es immer mehr werden und dass immer mehr abgefangen wird.

Wir hatten die Tragweite für den Moment noch nicht erfasst, aber gleich die Nachrichten eingeschaltet und gemerkt, dass alles schon früher gestartet war an diesem Morgen, eben im Süden mit den grausamen Verbrechen.

DOMRADIO.DE: Sie sind dann zurück nach Jerusalem. Wie war das?

Rocco: Wir haben noch für den Moment unseren Weg fortgesetzt, waren dann im arabischen Teil der Stadt oberhalb des Ölbergs und da waren erst mal Jubelstürme.

Palästinenser feiern in Nablus den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gegen Israel  / © Ayman Nobani (dpa)
Palästinenser feiern in Nablus den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gegen Israel / © Ayman Nobani ( dpa )

Der Busfahrer hielt den Bus an und filmte, wir haben Böller gehört. Das hat uns beunruhigt. Wir haben Leute gesehen, die uns den Finger gezeigt haben, also einen mahnenden Finger. Unser Priester, der dabei war, wurde wenig später, wenn auch nicht gefährlich, von einem Kind beworfen.

Wir haben gemerkt, wir sind hier nicht erwünscht und haben dann auch zügig den Weg aus diesem Teil der Stadt, oberhalb des Ölbergs, heraus gesucht.

DOMRADIO.DE: Dann stellte sich aber erst einmal die Herausforderung, die Pilgergruppe wieder in die Heimat zu bekommen. Da gibt es einiges an Kritik am Vorgehen der Bundesregierung. Wie haben Sie das erlebt?

Rocco: Wir haben es als nicht pragmatisch erlebt. Es fing gut an mit einer digitalen Erfassung aller Leute, die zur Gruppe gehören. Da dachten wir noch: Okay, das läuft rund. Aber ein wenig später haben wir dann erst gemerkt, dass wir doch noch mal alles von vorne in einer viereinhalbstündigen Hotline angeben müssen.

Marco Rocco

"Uns hat einfach schockiert, wie unvorbereitet so eine Notsituation verwaltet wird."

Mein Eindruck war, dass man erst durch die Aufmerksamkeit in der Presse und den Medien von der Position abrückte, dass es derzeit noch keine Planung geben müsse. Das Bewusstsein ist erst über die Tage gereift und das hat uns verwundert, weil natürlich auch die Zuständigen der Behörden vor Ort gehört, gesehen und gespürt haben, was passiert.

DOMRADIO.DE: Was Sie eben von der Hotline erzählt haben, damit meinen sie, dass sie viereinhalb Stunden in dieser Hotline gehangen haben, bis sie alle Angaben abgeben konnten?

Rocco: Genau so war das. Man ist dann natürlich heilfroh, wenn dann endlich jemand abnimmt. Zu unserem Entsetzen war dann jemand an der Leitung, der nach paar Minuten auch deutlich machte, dass er das zum ersten Mal macht, mit dem System nicht zurecht käme und mir ausrichtete, ich möge auflegen.

Gott sei Dank war die Kollegin parallel auch schon in der Leitung. Das hat uns gerettet. Aber uns hat es einfach schockiert, wie unvorbereitet so eine Notsituation verwaltet wird.

DOMRADIO.DE: Haben Sie da Angst bekommen?

Rocco: Ich persönlich wurde schon unruhig, als ich mir dachte: Okay, vielleicht geht hier eine zweite Front auf. Man hat tagelang Sirenen und Raketenbeschuss gehört. Wir waren ja auch zweimal im Bunker, um uns zu schützen.

Menschen im israelischen Tel Aviv bringen sich am 07.10.2023 in einem geschützten Raum in Sicherheit, nachdem sie die Sirenen infolge des Hamas-Angriffs an diesem Morgen gehört haben / © Gideon Markowicz/JINI/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (dpa)
Menschen im israelischen Tel Aviv bringen sich am 07.10.2023 in einem geschützten Raum in Sicherheit, nachdem sie die Sirenen infolge des Hamas-Angriffs an diesem Morgen gehört haben / © Gideon Markowicz/JINI/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ ( dpa )

Das hat man alles hinter sich, und dann bekommt man ein bisschen den Eindruck, die Schlinge zieht sich vielleicht doch zu. Die Linienflüge wurden gestrichen und man weiß eigentlich nicht, wie man rauskommt.

Denn wenn man nach Norden, nach Osten oder Süden geht, sind dort keine Freunde Israels und da kriegt man schon Angst. Ich habe schon auch Angst bekommen.

DOMRADIO.DE: Wann wurde es klar, dass Sie es schaffen, rauszukommen, dass Sie einen Flug bekommen? Wie haben Sie das erfahren?

Rocco: Donnerstagnacht hat es dann tatsächlich geklappt. Dann ging es wirklich schnell mit Bestätigungsmail und wir haben uns ganz früh zum Flughafen aufgemacht. Das war noch einmal ein delikater Punkt, weil der Weg zum Flughafen nicht ungefährlich war.

Am Tag davor hatte die holländische Airline im letzten Moment aufgrund von einem Raketenbeschuss alles abgebrochen. Aber an der Stelle hatten wir Gott sei Dank Glück und konnten in Ruhe einchecken. Das war schon wieder fast normal.

DOMRADIO.DE: Sie waren angespannt, Sie hatten die Verantwortung. Wie ging es den Menschen, die mit Ihnen gereist sind?

Rocco: Jeder versucht ja, anders mit so einer Situation umzugehen. Dennoch glaube ich, war die Unsicherheit das, was uns insgesamt geeint hat.

Einigen hat die Lage aber auch hart zugesetzt, sodass sie keinen Fuß mehr aus unserem Aufenthaltsort raus setzen wollten. Jeder geht damit eben anders um. Mir war es beispielsweise auch wichtig, manchmal ein bisschen frische Luft schnappen zu gehen.

Dabei wurde wurde ich dann aber auch einmal von einem Angriff so überrascht, dass mich Bewohner eines Mehrfamilienhauses in ihren Bunker unter dem Haus zerrten. Da war ich dann natürlich von der Gruppe getrennt.

Im Bunker wurden dann die Türen geschlossen und Bewaffnete sicherten den Raum. Da wurde mir schon sehr anders. Das war, glaube ich, für mich der schwierigste Moment in diesen Tagen.

Das Benediktinerkloster Tabgha in Israel mit der Brotvermehrungskirche ist umgeben von Olivenbäumen und einem Hügel am 26. September 2017. / © Corinna Kern (KNA)
Das Benediktinerkloster Tabgha in Israel mit der Brotvermehrungskirche ist umgeben von Olivenbäumen und einem Hügel am 26. September 2017. / © Corinna Kern ( KNA )

DOMRADIO.DE: Haben Sie für die Pilger auch einen spirituellen Ansatz gefunden, wie man mit so einer Ausnahmesituation umgehen kann?

Rocco: Es ist gut und wichtig, dass Sie das fragen, weil wir im Grunde genommen das, was wir gelesen haben, mit einer ganz anderen Brille gelesen haben, also die Psalmen oder die Bibeltexte.

Marco Rocco

"Es passte, leider Gottes, verdammt gut zu den Texten, die wir gelesen haben."

Ich sage einmal in aller Vorsicht: Wahrscheinlich sind wir nach Israel gefahren, für mich war es ja nicht das erste Mal, um dort ein – in Anführungszeichen – Museum unserer christlichen Kultur und Geschichte zu sehen und haben dann aber gemerkt, dass wir das Land eigentlich in einer Situation erleben, wie es sie zu biblischen Zeiten, aber auch davor und auch danach oft erleben musste.

Es passte, leider Gottes, verdammt gut zu den Texten, die wir gelesen haben. Ein Land in Unruhe, das Gottes Schutz braucht und auf Gott vertraut, trotz aller Unwägbarkeiten.

DOMRADIO.DE: Wie beobachten Sie jetzt die Situation von Deutschland aus?

Rocco: Ich schaue mir das Geschehen natürlich tagtäglich an. Ich kenne die Orte, ich war dort und ich blicke bangend auf das Schicksal der vielen Unschuldigen auf beiden Seiten. Natürlich tun mir auch die Menschen in Gaza leid, die sich dort jetzt bewegen müssen.

Auf der anderen Seite kann ich die Reaktion, die jetzt langfristig Frieden schaffen oder vielmehr Ruhe schaffen soll, aus israelischer Sicht nachvollziehen nach so einer Attacke.

Was erwartet man von einem Staat, wie er darauf reagiert? Er wird reagieren müssen, wenn es auf der anderen Seite auch tragisch ist.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Zweistaatenlösung

Mit der Resolution 181 (II) hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 29. November 1947 den UN-Teilungsplan für Palästina angenommen. Er sieht die Einrichtung zweier unabhängiger Staaten für Juden und Araber auf dem Gebiet Palästinas vor und wollte Jerusalem und Bethlehem unter internationale Kontrolle stellen. 

Getrennte Straße in der Judäischen Wüste / © Andrea Krogmann (KNA)
Getrennte Straße in der Judäischen Wüste / © Andrea Krogmann ( KNA )
Quelle:
DR