Wer nach Würzburg kommt, ist meist sofort begeistert von der besonderen Lage: Entlang des Mains eingebettet inmitten von Spessart, Rhön und Steigerwald. 704 erstmals urkundlich erwähnt, ist die heute 133.000 Seelen zählende Stadt für ihre Barock- und Rokokobauten bekannt sowie für die sie umgebenden Weinberge. "Na klar, der Wein in den lustig geformten Flaschen!", könnte gleich jemand antworten und den in Franken üblichen Bocksbeutel meinen. Ein guter Schoppen wird hier gern getrunken und hat geschichtlich betrachtet oft eine soziale Komponente. Dazu noch später.
Das Christentum kam aus Irland
Die Wurzeln des Rebsafts reichen so weit zurück wie die des christlichen Glaubens in der Region. Diesen brachten die "Frankenapostel" Kilian, Kolonat und Totnan im siebten Jahrhundert aus Irland mit. Doch Konflikte mit lokalen Herrschern kosteten die Missionare ihren Kopf. Am Ende war es der heilige Bonifatius, der 741/742 das Bistum Würzburg gründete.
Erster Bischof wurde der Benediktiner Burkard, dessen Mitbrüder den ersten Wein angebaut haben dürften. Auch für die typische Rebsorte Frankens, den Silvaner, war wohl ein Ordensmann verantwortlich: Der Zisterzienser-Abt Alberich Degen soll sie im 17.Jahrhundert in Würzburg etabliert haben.
Sozialeinrichtung Juliusspital
Eine der prominentesten Persönlichkeiten der Stadt ist Fürstbischof Julius Echter. Ihm verdankt sie das 1576 gegründete Juliusspital: eine soziale Einrichtung, die sich um alte, kranke und bedürftige Menschen kümmert. Auch dessen wirtschaftliche Basis legte der Gründer - mit Äckern, Wäldern und eben Weinbau, aus deren Erlösen sich die Stiftung bis heute nährt. Tagungszentren und andere Immobilien kamen dazu.
Der weltliche und kirchliche Herrscher Echter galt lange als fanatischer Hexenjäger. Neue Forschungen revidieren dieses Bild teilweise. So kommt der Historiker Robert Meier zu dem Schluss, dass es unter dem Fürstbischof zwar Verurteilungen wegen Hexerei gab, aus den ersten 27 Jahren seiner Regentschaft seien aber keine Hinrichtungen bekannt. Vielmehr habe er für geregelte Verfahren gesorgt. Denunziationen hätten meist mit Freispruch geendet.
"Perle am Main"
Jahrhunderte später schwärmte der Dichter Heinrich von Kleist bei seinem Besuch in der "Perle am Main": "Die ganze Stadt wimmelt von Heiligen, Aposteln und Engeln, und wenn man durch die Straßen geht, so glaubt man, man wandle durch den Himmel der Christen." Klöster tragen hier schon mal den Namen "Himmelspforten"; selbst beim Überqueren der Alten Mainbrücke schauen einem zwölf Heiligenfiguren zu.
Fast jede Fassade ziert eine Statue der Muttergottes, was Würzburg den Spitznamen "Stadt der 1.000 Madonnen" bescherte. Am bekanntesten dürfte das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung, im Volksmund "Käppele" genannt, auf dem Nikolausberg sein. Die Pläne dafür entwarf Balthasar Neumann. Manch einer dürfte ihn sogar mal in der Hand gehabt haben, denn das Porträt des Barockbaumeisters zierte den 50-D-Mark-Schein.
"Schönster Pfarrhof Europas"
Würzburg verdankt Neumann seine als Unesco-Welterbe eingestufte Residenz mit dem prachtvollen Treppenhaus. Giovanni Battista Tiepolo schuf dafür das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt. Dreimal übernachtete Napoleon an diesem früheren Sitz der Fürstbischöfe und soll vom "schönsten Pfarrhof Europas" gesprochen haben. 2011 zeigte sich am Residenz-Balkon Basketball-Superstar Dirk Nowitzki seinen Fans. Diese hatten ihm nach dem Gewinn des NBA-Meistertitels mit den Dallas Mavericks in seiner Heimatstadt einen riesigen Empfang bereitet.
Eng mit Würzburg verbunden ist gleichfalls Tilmann Riemenschneider. Der 1460 geborene Holzschnitzmeister und Bildhauer war ab 1504 Ratsherr und später Bürgermeister. Bekannt ist er für seine Flügelaltäre in Münnerstadt, Rothenburg und Creglingen. Weil der Künstler in den Bauernkriegen die Widerständler unterstützte, fiel er in Ungnade. Zwei Monate saß er in Kerkerhaft auf der Festung Marienberg und bekam danach nie mehr einen größeren Auftrag. Das dort beheimatete Museum für Franken rühmt sich, die weltweit größte Riemenschneider-Sammlung zu besitzen. Auch die Neumünsterkirche beherbergt eine Madonna mit Kind von ihm, ihr größter Schatz ist jedoch der Schrein der Frankenapostel.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Wer heute im Zentrum unterwegs ist, sieht weniger original barocke Pracht als vielmehr eine Stadt mit einer, wenn man so will, kollektiven Auferstehungserfahrung. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, am 16. März 1945, legte einer der schwersten britischen Luftangriffe Würzburg in Schutt und Asche - ohne wirklichen militärischen Grund.
82 Prozent der Bausubstanz und 90 Prozent der historischen Innenstadt wurden zerstört oder beschädigt. Darunter fanden sich viele wichtige Denkmale wie die Residenz und der Dom. Je nach Quelle starben allein an diesem Tag zwischen 3.600 und 5.000 Menschen, Zehntausende wurden obdachlos.
Bischöfe und Laien entschieden gemeinsam
Der Wiederaufbau war erst 1970 weitgehend abgeschlossen. Kurz darauf wurde Würzburg zum Schauplatz für die Erneuerung der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Vertreter aller westdeutschen Bistümer versammelten sich zur Synode, um zu beraten und zu entscheiden, wie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hierzulande umgesetzt werden solle. Entgegen dem geltenden Kirchenrecht hatte Papst Paul VI. erlaubt, dass Laien, also nichtgeweihte Katholiken, sich daran beteiligen und an den verbindlichen Beschlüssen mitwirkten. Mitte Mai steht Würzburg nun erneut im Zentrum einer religiösen Großveranstaltung. An die 30.000 Besucherinnen und Besucher werden zum 104. Deutschen Katholikentag mit knapp 900 Veranstaltungen erwartet. Schon viermal war das Christentreffen dort zu Gast, zuletzt 1907. "Hab Mut, steh auf!" lautet das Motto 2026; aber zum Niedersitzen bei einem Gläschen Wein sollte dennoch Zeit bleiben.