Matthew Man-Oso Ndagoso (54) ist katholischer Erzbischof von Kaduna in Nigeria.
KNA: Herr Erzbischof, Nigeria ist derzeit auf der ganzen Welt für eines bekannt: für die islamistische Gruppierung Boko Haram. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit in der Erzdiözese Kaduna?
Man-Oso Ndagoso: Es ist eine sehr unglückliche Lage. Egal, wohin ich gerade gehe: Wir sprechen immer darüber. Immer geht es darum, wie man sich etwa so gut wie möglich selbst vor Anschlägen schützen kann.Jeder, der im Norden lebt, ist betroffen. Außerdem fragen wir uns: Wo wird es zum nächsten Mal passieren? Diese Leute (Boko Haram, Anm. d. Red.) sind sehr gut mit Überraschungen. Es kann überall geschehen, und jeder kann Opfer werden.
KNA: Ist die Angst, sonntags zur Kirche zu gehen, gewachsen?
Man-Oso Ndagoso: Gerade in der Anfangszeit, als Kirchen angegriffen wurden, war die Angst sehr groß. Dennoch kommen die Menschen weiter zum Gottesdienst, etwa auch in der Stadt Maiduguri. Die Menschen sagen: Wenn ich sterben muss, dann lieber in der Kirche. Unsere Kirchen sind weiter voll. Glücklicherweise gab es in jüngster Zeit auch keine Angriffe auf Kirchen mehr. Im Moment sind es öffentliche Orte wie Märkte und Busbahnhöfe.
KNA: Was bedeutet das Gefühl, dass jeder überall Opfer werden kann?
Man-Oso Ndagoso: Zwei Tage nach dem großen Anschlag in Jos (200 Todesopfer auf einem Marktplatz, Anm. d. Red.) hieß es dort: Das Leben muss auch weitergehen. Ich frage mich, ob wir uns bereits zu sehr an diese Abnormalität gewöhnt haben; daran, dass wir Leichen sehen oder Schwerverletzte. Manchmal tut man so, als ob all das einen gar nicht mehr beeindruckt. Doch die Folgen werden wir noch sehr lange mit uns herumtragen.
KNA: Wie reagieren Sie, wenn die Menschen hier in Kaduna mit Ihnen über ihre Ängste sprechen wollen?
Man-Oso Ndagoso: Es ist sehr wichtig, diese Ängste ernst zu nehmen. Die Gründe dafür sind real. Meine Aufgabe ist es aber auch, den Menschen trotzdem Hoffnung und Zuversicht zu geben. Ich sage oft: Die Dinge sind schwierig und schrecklich. Aber es ist nicht das Ende aller Zeiten.
KNA: In Nigeria wird intensiv diskutiert, wie der Terror zu beenden ist. Ein Weg ist es, den Dialog mit der Gruppe zu suchen. Halten Sie Gespräche weiter für möglich?
Man-Oso Ndagoso: Solange es Leben gibt, wird Dialog immer möglich sein. Als Christen glauben wir daran. Schauen wir uns zum Beispiel Nordirland an. Zehn Jahre vor dem Karfreitagsabkommen von 1998 hat jeder darüber gelacht und es für unmöglich gehalten. Auch während der Gespräche gab es Anschläge. Bei Boko Haram sehe ich das ähnlich. Es sind Menschen, die dahinterstecken. Wichtig ist, dass man ein Umfeld schafft, das den Dialog fördert.
KNA: Also soll die Regierung auf Dialog setzen?
Man-Oso Ndagoso: Auf jeden Fall. Unser Gott ist ein Gott des Dialogs. Das zeigt schon das Alte Testament mit vielen Beispielen. Die Menschen zerstörten etwas, doch Gott hat immer wieder einen Dialog initiiert. Dialog ist aber nicht nur möglich, sondern auch nötig. Es ist der beste Weg, um Vertrauen und Versöhnung wiederherzustellen. Und genau das bringt uns dauerhaften Frieden.
KNA: Dabei hat Boko Haram Gespräche in den vergangenen Jahren stets abgelehnt. Nun sträubt sich die nigerianische Regierung.
Man-Oso Ndagoso: Es stimmt, natürlich muss eine Bereitschaft zum Dialog vorhanden sein. Es ist immer ein Nehmen und Geben. Ich bete für den Dialog, und ich hoffe, es wird eine Entwicklung geben, durch die wir Gespräche aufnehmen können. Ich hoffe, dass sich die Regierung darum kümmert.
KNA: Doch warum tut sich Staatspräsident Goodluck Jonathan so schwer damit?
Matthew Man-Oso Ndagoso: Der Präsident hat viele Berater, die ihn mit Informationen versorgen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass heimlich Gespräche geführt werden, obwohl das dementiert wird. Es gibt von vielen Seiten viele Befindlichkeiten, auf die ein Präsident eingehen muss. Wenn es tatsächlich eine gute Möglichkeit für den Dialog gibt, wird die Regierung darauf eingehen. Jeder Nigerianer will doch das Ende des Terrors.