Er wird "Doctor Angelicus" genannt – der engelsgleiche Doktor: der heilige Thomas von Aquin (1225-74) trägt diesen Beinamen auch, weil er bis heute als einer der einflussreichsten Theologen der Kirchengeschichte gilt. Thomas' Denken war jahrhundertelang die Grundlage der katholischen Theologie. Der sogenannte Thomismus wurde 1879 von Papst Leo XIII. offiziell zum theologischen Standard erklärt.
Das blieb er bis zum Ende der Neuscholastik in der Zeit rund um das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65). Heute erlebt die Theologie des Aquinaten, wie der Kirchenlehrer nach seinem Heimatort schlicht genannt wird, gerade in den USA als "New Thomism" eine erneute Renaissance.
Doch bevor Thomas zu einem großen Theologen wurde, studierte er als Mitglied des Dominikanerordens in Neapel, Paris – und auch in Köln. Von 1248 bis 1252 lebte er in der Domstadt, in die er seinem Lehrer Albertus Magnus gefolgt war. Der Aquinate war während der letzten Jahre seines Studiums der Assistent seines Ordensmitbruders, der ebenfalls ein prägender Theologe war und heute in der Kölner Kirche Sankt Andreas begraben liegt.
Albertus und sein Student Thomas wurden 1248 vom Generalkapitel der Dominikaner nach Köln geschickt, um dort das neu gegründete "Studium generale et solemne" des Ordens zu etablieren. Das Studium generale war damals die erste Ordenshochschule auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Daraus sollte später die Universität zu Köln hervorgehen.
Albert und Thomas wohnten auf einer Baustelle
Die beiden Predigerbrüder kamen wahrscheinlich zwischen dem Ende des akademischen Jahres an der Universität Paris am 29. Juni und dem Beginn der Vorlesungen am Kölner Generalstudium am 14. September am Rhein an. Daher ist es gut möglich, dass Thomas von Aquin bereits bei der Grundsteinlegung des gotischen Doms am 15. August in Köln dabei war. Der heilige Albert – später wegen seines umfassenden Wissens auch "Doctor Universalis" genannt – beschreibt in seinen Aufzeichnungen jedenfalls die Bauarbeiten am Dom, bei denen antike Mosaike gefunden wurden.
Albert und Thomas wohnten in ihrer Kölner Zeit im Konvent der Predigerbrüder in der Stolkgasse – sozusagen auf einer Baustelle. Denn während dieser Jahre wurde das Kloster aufgrund des raschen Anwachsens des Konvents und der Gründung des Generalstudiums ausgebaut. 1250 wurde zudem eine dreischiffige spätromanische Hallenkirche errichtet.
Heute existiert das Dominikanerkloster vom Heiligen Kreuz allerdings nicht mehr. 1802 wurde es säkularisiert und zwei Jahre später abgerissen. Danach stand auf dem Gelände das Kölner Hauptpostamt. Heute befindet sich an der Stelle des Konvents in der Stolkgasse eine Seniorenresidenz. Eine Bronzetafel und eine Informationsstele erinnern an das Wirken von Albertus Magnus und Thomas von Aquin an diesem Ort.
Greifbar ist die Geschichte der Predigerbrüder in Köln noch heute durch die Straßenbezeichnung "An den Dominikanern". Die Dominikaner fanden damals an der Kirche Sankt Andreas eine neue Heimat – am heutigen Grab ihres großen Mitbruders Albert.
Priesterweihe in der Domstadt
Auch wenn es nicht viele belastbare Informationen zu den vier Jahren des Aquinaten in Köln gibt, so scheint in der Domstadt doch ein guter Teil des Fundaments gelegt worden zu sein, auf dem sein späteres Denken und Handeln aufbauen sollte. Vermutlich empfing Thomas zum Ende seines Studiums 1252 in der Kölner Dominikanerkirche die Priesterweihe.
In Köln soll Thomas von seinen Kommilitonen zudem den spöttischen Beinamen "stummer Ochse" erhalten haben, berichtet eine bekannte Legende. Damit spielten sie auf den angeblich voluminösen Körperumfang des Dominikaners und seine Schweigsamkeit an.
Albertus Magnus verteidigte seinen Assistenten jedoch: "Wir nennen ihn einen stummen Ochsen, doch das Brüllen seiner Lehre wird in der ganzen Welt widerhallen." An diesen Beinamen von Thomas erinnert heute eine Wetterfahne in Form eines Ochsen auf dem Dach des Maternushauses in Köln.
Notizen als Hinterlassenschaft
Die bedeutendste Hinterlassenschaft des späteren großen Theologen in Köln sind einige kurze Notizen. In der Diözesan- und Dombibliothek des Erzbistums Köln sind in Codex 30 kurze handschriftliche Verweise und Kennzeichnungen zu finden, die sehr wahrscheinlich von Thomas selbst stammen.
Im Rahmen seiner Assistententätigkeit für Albertus Magnus leistete der Student Vorarbeiten für seinen Professor – unter anderem an dieser Handschrift. Vergleiche mit Notizen aus seiner Zeit in Neapel legen nahe, dass es sich bei den Kölner Randglossen an einem Werk des neuplatonischen Philosophen Pseudo-Dionysius Areopagita um eine Hinterlassenschaft des Thomas handelt.
Außerdem kann angenommen werden, dass in den vier Jahren des Thomas in Köln seine ersten theologischen Werke entstanden sind. Wahrscheinlich musste er in der Domstadt erste Vorlesungen zu den biblischen Büchern der Propheten Jesaja und Jeremia halten. Diese sind zu großen Teilen bis heute erhalten.
1252 geht es für Thomas schließlich wieder zurück an die renommierte Sorbonne nach Paris. Dort hält er als Bakkalaureus und später als Magister seine ersten Vorlesungen und beginnt seine theologische Karriere. Die Grundlagen dafür finden sich – wahrscheinlich – in seiner Zeit in der "Sancta Colonia", dem "Heiligen Köln".
Hinweis der Redaktion: Wer sich für die Zeit des Thomas von Aquin in Köln interessiert, kann weitere Informationen auf dieser Internetseite finden.