DOMRADIO.DE: "Mein Spezialgebiet ist das Brückenbauen zwischen unterschiedlichen Positionen und der Versuch, Lösungen mit Maß und Mitte zu finden. Ich will es mal so sagen: Wer mit mir keinen Kompromiss finden kann, der will keinen." Das sagte Cem Özdemir, der aller Wahrscheinlichkeit nach neuer Ministerpräsident in Baden-Württemberg wird. Aus welcher Sozialisation heraus ist dieser Charakterzug, Brücken zu bauen, denn entstanden?
Johanna Henkel-Waidhofer (Journalistin und Biografin von Cem Özdemir, hat mit Peter Henkel zusammen das Buch "Brücken bauen" geschrieben): Sicher auch aus diesem anfangs ewigen Kampf. Er hatte einerseits eine sehr schöne, behütete Kindheit in seiner Familie. Aber in der Außenwelt, in der Schule und auch schon in der Kita war er immer mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich durchsetzen zu müssen. Da musste er schon ganz früh lernen, wie ihm das gelingt.
Es gibt Anekdoten, dass er sehr um Anerkennung gebuhlt hat, dass er aber auch versucht hat, die beidseitigen Grenzen schon in Kindestagen auszutesten: Ein Freund schlägt mich und ich will aber weiterhin sein Freund sein. So ist diese frühe Interaktion, wenn ich das so nennen darf, entstanden.
DOMRADIO.DE: Sie haben Cem Özdemirs Karriere über viele Jahre begleitet. Was ist er denn für ein Typ?
Henkel-Waidhofer: Cem Özdemir ist vor allem eines, was ein wenig aus der Zeit gefallen ist: Er ist ein total höflicher Mensch. Das hat sich jetzt gerade auch bei diesen oft sehr überfüllten Wahlveranstaltungen gezeigt, denn er ist immer zu den Leuten, die nicht mehr reinkamen, rausgegangen und hat mit denen gesprochen.
Ihn prägt auch seine lange politische Laufbahn. Er hat das erste Mal zwischen 1994 und 1998 im Bundestag gesessen – übrigens '94 zur selben Zeit wie ein gewisser Friedrich Merz. Also, er hat einfach einen ganz langen Überblick.
DOMRADIO.DE: Er selbst bezeichnet sich ja als "anatolischen Schwaben". Die Eltern sind muslimisch, er hat am evangelischen Religionsunterricht teilgenommen und schätzt die Bibel, hat er einmal gesagt. Seine Mutter praktiziert ihren Glauben auch noch. Wo ist Özdemir denn von seinem Glauben her einzuordnen?
Henkel-Waidhofer: Er hat gemeinsam mit seiner damaligen Frau Pia Maria Castro, der Mutter seiner Kinder, die Idee geboren, dass Jesus und Mohammed Freunde sind. Er bezeichnet sich selbst als pragmatischen Muslim. Aber auch die Bibel interessiert ihn sehr als Lebensunterstützung. Er ist ja kein praktizierender Muslim. Aber er ist sehr an Diskussionen über Glauben und die Existenz Gottes interessiert. Außerdem ist er sehr stolz oder sehr erfreut, wenn er in Kontakt mit Gläubigen kommt.
Wir haben ihn am vergangenen Palmsonntag bei der sehr traditionsreichen "Kanzelrede" in Donaueschingen beobachtet und begleitet. Die Kirche war ganz voll und auf der Kanzel steht Cem Özdemir und erklärt seine Sicht auf die Welt und die Dinge.
DOMRADIO.DE: Kann er da vielleicht auch als Mittler zwischen den Religionen und Traditionen eine wichtige Rolle spielen?
Henkel-Waidhofer: Das ist ohnehin sein ewiger Impetus. Er möchte vermitteln, Brücken bauen, zusammenführen und auch mit der Haltung ins Gespräch gehen, dass mein Gegenüber auch gute Argumente haben kann, an denen ich meine Argumente abgleichen kann. Vielmehr kann mir mein Gegenüber auch ein Licht aufgehen lassen und Recht haben. Das würde natürlich auch für den Dialog unter den Religionen gelten.
DOMRADIO.DE: Er hat auch auf politischer Ebene schon einiges an Krisen durchgemacht, Stichwort Bonusmeilen-Affäre. Wie geht er mit Krisen um?
Henkel-Waidhofer: Zum politischen Aschermittwoch in Biberach in diesem Jahr war wieder einmal Joschka Fischer da. Diese Veranstaltung ist sehr traditionsreich, weil die Grünen damit überhaupt eine Aschermittwochstradition in Baden-Württemberg für alle Parteien, die daran interessiert sind, begründet haben. Joschka Fischer kennt ihn lange, auch schon aus der ersten Zeit im Bundestag, und kennt die Rücktrittsgeschichte.
Joschka Fischer hat in dieser Rede in Biberach auch auf Cem Özdemirs Fehler hingewiesen. Er hat jedoch auch betont, dass Cem Özdemir aus seinen Fehlern gelernt hat, die Konsequenzen getragen hat und dass es eine Qualität ist, daran zu wachsen und eine solche Zeit überhaupt durchzustehen. Und das hat er ohne Zweifel. Sonst wäre er nicht – wenn auch knapp – Wahlsieger geworden.
DOMRADIO.DE: Mit der Aschermittwochstradition knüpfen auch die Grünen durchaus an christliche Traditionen an. Es heißt ja auch immer, es habe ein Weihnachtsbaum in seinem Elternhaus gestanden, obwohl seine Mutter ja muslimisch ist.
Henkel-Waidhofer: Es stimmt, die Eltern wollten ihn immer an die Gesellschaft in ihrer zweiten Heimat anschlussfähig halten. Die waren ohnehin ziemlich modern. Er hatte ganz früh Nachmittagsbetreuung, denn sie wollten nicht, dass er irgendwie herumhängt. Er spricht übrigens deshalb auch Schwäbisch, weil Nachmittagsoma und Nachmittagsopa Schwäbisch geredet haben. Er konnte kein Hochdeutsch.
In der Grundschule konnte er kaum ein hochdeutsches Wort richtig schreiben, weil er Schwäbisch gesprochen hat. Zu dieser Anschlussfähigkeit, die die Eltern sich wünschten, gehörten eben auch der Christbaum und der evangelische Religionsunterricht.
DOMRADIO.DE: Haben wir in Zeiten, in denen die Gesellschaft immer stärker auseinander driftet, nicht gerade solche Brückenbauer wie Cem Özdemir nötig?
Henkel-Waidhofer: Die große Frage – jetzt auch konkret in Baden-Württemberg – wird sein, ob die Gegenüber bereit sind, diese Brücke zu betreten. Ich bin der festen Überzeugung, dass er gerade auch in der Auseinandersetzung mit den Bauern bewiesen hat, dass es sich lohnt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es lohnt sich, mit ihm zu reden und um den Weg zu ringen. Man kann aber Brücken nur bauen, wenn sie am anderen Ufer ankommen.
Die CDU ist nach dem gestrigen Wahlabend in Baden-Württemberg verletzt. Die CDU war lange Zeit sehr sicher, dass der Wechsel gelingt. Manuel Hagel (CDU-Spitzenkandidat, Am. d. Red.) hat auch das Erbe von Winfried Kretschmann sehr früh für seine Partei beansprucht. Jetzt wird es sehr darum gehen, dass Özdemir, der Erfahrene, der Ältere, das Gegenüber davon überzeugt, dass es am sinnvollsten ist, so weiter zu regieren.
Das Interview führte Johannes Schröer.