Der diplomatische Drahtseilakt von Paul VI.

Die erste Papstreise der Moderne

Die erste Papstreise der Moderne ging vor 60 Jahren ins Heilige Land. Ein Meilenstein für die Beziehungen zur Orthodoxie und zum Judentum, sagt der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, über die Friedensmission.

Papst Paul VI. auf der Loggia der Kirche auf dem "Berg der Seligpreisungen" am Nordrand des See Genezareth, am 5. Januar 1964. (KNA)
Papst Paul VI. auf der Loggia der Kirche auf dem "Berg der Seligpreisungen" am Nordrand des See Genezareth, am 5. Januar 1964. / ( KNA )

DOMRADIO.DE: Die Papstreise vor 60 Jahren war die erste moderne Papstreise überhaupt. Was war das für ein Zeichen, dass Paul VI. ausgerechnet ins Heilige Land flog? 

Matthias Kopp (Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Nahostexperte): Das Ganze war während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Am Ende der zweiten Sitzungsperiode hat der Papst für alle überraschend die Reise ankündigt. 

Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Kopp / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Karl Rahner hat einmal etwas Schönes gesagt: "Es gibt nichts im Vatikan, was nicht so geheim wäre, dass man es nicht für 100 Lire kaufen kann." Das war so erstaunlich, dass diese Reise bis zum Ende geheim blieb. Es war gut vorbereitet, weil der Papst ein Zeichen setzen wollte. In dem er in der Konzilzeit in das Land Jesu pilgert, um dort zu beten und mit politischen Aussagen aufzuwarten. 

Matthias Kopp

"Das waren abenteuerliche Zustände, aber es ist gemeistert worden."

DOMRADIO.DE: Ein wahrer diplomatischer Drahtseilakt damals. Wie hat Paul VI. ihn damals gemeistert? 

Kopp: Das, was die Quellenlage hergibt, ist hervorragend. Er musste nach Amman fliegen, das heißt nach Jordanien, um von Amman aus nach Ostjerusalem zu kommen. Das war damals vor 1967 jordanisch. Es gibt eindrucksvolles Bildmaterial, wie er die Allenby Bridge beim Jordan überquert, wie er nach Ostjerusalem kommt, wie die beduinischen, jordanischen Sicherheitskräfte die Lage nicht mehr im Griff haben. 

Es gibt auch das berühmte Bild, wie sein Privatsekretär sich in einen Friseurladen flüchtet, weil er von Menschen zerdrückt wurde und Paul VI. dann in einer Menschenmasse in die Grabeskirche geleitet wurde. Mitten im Eucharistischen Hochgebet fiel der Strom in der Grabeskirche aus. Das waren abenteuerliche Zustände, aber es ist gemeistert worden. Vor allem ist so gemeistert worden, dass er in Jerusalem war, das heißt in Ostjerusalem, Jordanien. 

Menschen erwarten Papst Paul VI. im Januar 1964 in Jerusalem (Israel).  (KNA)
Menschen erwarten Papst Paul VI. im Januar 1964 in Jerusalem (Israel). / ( KNA )

Am zweiten Tag fuhr er über Megiddo im Norden heraus, was heute die Westbank ist, um nach Israel zu fahren. Er führte das Verhältnis der katholischen Kirche zu Israel gewissermaßen auf einen neuen Höhepunkt hin, nämlich sich miteinander in einen Dialog zu begeben. Auch wenn er bei der Reise das Wort Israel nicht den Mund genommen hat. 

DOMRADIO.DE: Kommen wir von der Historie ein bisschen weg, denn damals hat er ja eine neue Phase der Vatikan Diplomatie eingeleitet. Inwiefern? 

Matthias Kopp

"Auf einmal war es möglich, dass der Papst als Religionsführer Spitzengespräche mit Politikern führen konnte. Nicht nur im Vatikan, sondern da, wo er hinfuhr."

Kopp: Dadurch, dass sich auf einmal Diplomatie in Reisetätigkeit zeigte. Es gab bis dahin keine Papstreisen. Die letzte lag im 19. Jahrhundert. Es folgten eine ganze Menge Reisen von ihm, die unter anderem auch nach Teheran führten und nach Asien. Auf einmal war es möglich, dass der Papst als Religionsführer Spitzengespräche mit Politikern führen konnte. Nicht nur im Vatikan, sondern da, wo er hinfuhr. Das ist eine völlig neue Situation gewesen, die sich bis heute auf den Kirchenstaat auswirkt. 

Soldaten erwarten Papst Paul VI. im Januar 1964 am Damaskustor in der Altstadt von Jerusalem (Israel). (KNA)
Soldaten erwarten Papst Paul VI. im Januar 1964 am Damaskustor in der Altstadt von Jerusalem (Israel). / ( KNA )

DOMRADIO.DE: Inwiefern wirkt sich die Reise von damals noch bis heute aus? 

Kopp: Es hat zunächst unheimlich lange gedauert, bis die katholische Kirche ihr Verhältnis zu Israel geklärt hat. Es brauchte das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, also nach der Reise von Paul VI. ins Heilige Land, und die Konzilserklärung "Nostra aetate" über das Verhältnis zum Judentum. 

Es gab dann die große Aussöhnung und Annäherung von Johannes Paul II., der ganz oft vom Staat Israel sprach. In seinem Pontifikat ist es gelungen 30 Jahre später als Frucht der Reise die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorzubereiten. Das geschah dann 1994. Es folgten die berühmten Reisen von drei Päpsten ins Heilige Land in den Jahren 2000, 2009 und 2014. 

Athenagoras I. (l.), ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, und Papst Paul VI. umarmen sich am 4. Januar 1964 in Jerusalem / © Ernst Herb (KNA)
Athenagoras I. (l.), ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, und Papst Paul VI. umarmen sich am 4. Januar 1964 in Jerusalem / © Ernst Herb ( KNA )

DOMRADIO.DE: Der Vatikan fühlt sich den Juden verpflichtet. Es gibt seit 30 Jahren normale diplomatische Beziehungen zum Staat Israel. Andererseits liegt dem Vatikan auch das Schicksal der vielen christlichen Palästinenser am Herzen. Gucken wir mal auf den aktuellen Papst. Wie gelingt es denn Franziskus in Ihren Augen, die Balance hinzubekommen? 

Matthias Kopp

"Es ist immer eine ausgleichende Diplomatie, die sich am Neutralitätsgebot des Vatikans orientiert."

Kopp: Ein Drahtseilakt, eine Gratwanderung, bei der der Papst im Moment aufpassen muss, für welche Seite er in welchem Moment spricht. Es gibt keine Äußerung des Papstes, in der er nur für eine Seite spricht, er hat immer für beide Seiten gesprochen. Ich finde, dass er bei seiner Weihnachtsansprache Urbi et Orbi das sehr deutlich gesagt hat. 

Er hat den Terror vom 7. Oktober verurteilt, aber eben genauso die Opfer der Zivilbevölkerung in Gaza beklagt. Es ist immer eine ausgleichende Diplomatie, die sich am Neutralitätsgebot des Vatikans orientiert. Er muss sich neutral verhalten, aber kann sich politisch positionieren. 

DOMRADIO.DE: Wenn der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ihm vorwirft diplomatisch unklug zu agieren. Würden Sie das nicht unterschreiben? 

Kopp: Nein, ich kann diese Aussage von Herrn Wolf nicht nachvollziehen. Denn der Vatikan hat alle Bemühungen unternommen, um das Gespräch mit Israel und Palästinensern zu führen. Immerhin war es der Papst, der die Angehörigen von Geiseln aus Israel empfangen hat. Genauso hat er Opfer der Angehörige der palästinensischen Zivilbevölkerung getroffen. Ich kann nicht erkennen, dass der Papst diplomatisch ungeschickt agiert hätte. 

Das Interview führte Tobias Fricke.

Zweites Vatikanisches Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) war die bislang letzte beschlussfassende Versammlung aller Bischöfe der katholischen Weltkirche. Rund 2.800 Konzilsväter debattierten im Petersdom darüber, wie die Kirche ihre Botschaft unter den Bedingungen der modernen Welt und von weltanschaulichem Pluralismus verkünden kann. Weitere Themen waren eine Reform von Liturgie und Priesterausbildung, die Einheit der Christen und die Aussöhnung von Kirche und Judentum.

II. Vatikanisches Konzil vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 / © N.N. (KNA)
II. Vatikanisches Konzil vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 / © N.N. ( KNA )
Quelle:
DR