Denkanstöße rund um die Fußball-WM

Weiter Kritik an Katar und FIFA

Kurz vor Beginn der Fußball-WM stehen sowohl das Gastgeberland Katar wie auch die FIFA massiv in der Kritik. Wir beantworten Fragen rund um das Großereignis, das erstmals nicht im Sommer, sondern in der Adventszeit stattfindet.

Logo der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 in Doha / © Nikku (dpa)
Logo der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 in Doha / © Nikku ( dpa )

Anpfiff: Warum gibt es so viele kritische Töne rund um die WM in Katar?

Nichtregierungsorganisationen werfen dem Golfstaat schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Bei der FIFA wiederum sorgen unter anderem mutmaßliche Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe im Umfeld der WM-Vergabe seit Jahren für eine negative Berichterstattung. Dass FIFA-Boss Gianni Infantino inzwischen in Katar wohnt, macht die Sache nicht besser.

In Katar gilt das islamische Recht, die Scharia; Frauen sind nicht gleichberechtigt. Ein Beispiel: Wird eine Frau vergewaltigt und zeigt die Tat bei der Polizei an, riskiert sie, selbst vor Gericht zu landen: wegen außerehelicher intimer Beziehungen. Geahndet werden kann das angebliche Vergehen mit Peitschenhieben oder Gefängnisstrafen.

Besonders prekär ist die Lage auch unter den vor allem aus Nepal, Pakistan, Indien, Bangladesch und den Philippinen stammenden Niedriglohn-Migranten, die oft unter unmenschlichen Bedingungen für die nur 300.000 katarischen Staatsbürger schuften. So sollen Schätzungen zufolge beim Bau der WM-Stadien bis zu 6.500 Gastarbeiter zu Tode gekommen sein. Katar weist dies zurück und spricht von weniger als 50 Unfalltoten.

Konter: Wie reagieren Katar und FIFA auf die Kritik?

Die FIFA spielt die Probleme rund um die WM immer noch herunter. Mehrfach versuchte Infantino beispielsweise, die Zahl der Toten auf den WM-Baustellen deutlich nach unten zu korrigieren. Demnach stehen angeblich nur drei Todesfälle in direktem Zusammenhang mit dem Bau von Sportstätten und dazugehöriger Infrastruktur.

Katar selbst fühlt sich unberechtigt am Pranger - und verweist unter anderem auf einen neu eingeführten Mindestlohn für ausländische Arbeiter von umgerechnet 230 Euro im Monat sowie verbesserte Sicherheitsstandards und Beschwerdemechanismen für Gastarbeiter.

Experten wie der Politologe und Golfstaaten-Kenner Sebastian Sons räumen ein, dass sich Katar durchaus um Verbesserungen bemühe. Allerdings fehle es an wirksamen Kontrollen zur Einhaltung der neuen Bestimmungen. Strukturelle Ausbeutung bleibe "ein massives Problem". Sports-Washing, also positive Außendarstellung mithilfe eines Großereignisses wie der WM, habe offenkundig nicht funktioniert. Gleiches gilt nach Ansicht von Beobachtern für die WM 2018 in Russland und die Olympischen Sommerspiele in Peking 2022.

Mit Blick auf Katar warnt Sons vor einseitigen Urteilen. Bei der weltweiten Ausbeutung von Migranten etwa sei das Emirat nur ein Puzzlestein. Kriminelle Agenturen verdienten kräftig mit bei der Vermittlung von Arbeitskräften. Die Herkunftsländer wiederum profitierten von Rücküberweisungen der Bauarbeiter und Haushaltshilfen. Die Folge: Das Interesse, etwas am Schicksal der Gastarbeiter zu ändern, sei denkbar gering - nicht nur in Katar.

Vor der Fußball-WM 2022 in Katar / © Christian Charisius (dpa)
Vor der Fußball-WM 2022 in Katar / © Christian Charisius ( dpa )

Querpass: Wie nachhaltig und umweltfreundlich wird eigentlich die WM?

Um der größten Hitze in Katar zu entgehen, wurde die WM erstmals in den Winter verlegt. In dem Golfstaat gibt es keinerlei Fußballtradition. Alle acht Stadien wurden unter gigantischem Ressourcenverbrauch neu gebaut; sie dürften nach der WM kaum noch genutzt werden.

Einwurf: Was sagen deutsche Fans?

Für kritische Fans wie Helen Breit von der Initiative "Unsere Kurve" wird die Kommerzialisierung des Fußballs nirgends so deutlich wie bei den Nationalmannschaften und den Großturnieren wie WM und EM. Die Grundideen des Sports würden hier systematisch verraten. Es gehe nur um möglichst hohe Geldflüsse. Sie boykottiert seit Jahren alle Länderspiele.

Rote Karte: Sollten wir also besser keine WM-Spiele im Advent schauen?

Viele Städte und Kneipen haben angekündigt, keine großen Leinwände aufzustellen. Motto: Lieber Weihnachtsmarkt statt Public Viewing. Mancherorts soll es Diskussionsrunden zur Zukunft des Fußballs geben. Wenn der Ball in Katar aber erst mal rollt und das deutsche Team die Vorrunde übersteht, dürften auch wieder deutsche Fahnen an Autofenstern auftauchen.

"Wir sind weit davon weg, den Leuten Vorschriften machen zu wollen", sagt der Präsident von missio Aachen, Dirk Bingener. Das Hilfswerk hat im Internet die Petition "Frauen schützen in Katar" gestartet. Es gebe Mittel und Wege, sich auch von Deutschland aus für eine Verbesserungen in Katar einzusetzen; egal ob man die Spiele im Fernsehen schaut oder nicht, so Bingener.

Logo des Internationalen Fußballverbandes FIFA / © Steffen Schmidt (dpa)
Logo des Internationalen Fußballverbandes FIFA / © Steffen Schmidt ( dpa )

Freistoß: Was soll sich mittelfristig ändern?

Die FIFA hat den Kampf gegen die Korruption versprochen. Künftig sollen alle Fifa-Länderverbände gemeinsam über die Vergabe entscheiden, nicht mehr der kleine Männerzirkel der 25 Fußballfunktionäre des FIFA-Exekutivkomitees. Vom Ziel, mit den Turnieren enorme Gewinne zu generieren, rückt der Verband aber nicht ab. Allein für die TV-Rechte fließen Milliarden Schweizer Franken nach Genf. Kritiker wie die Freiburger Soziologin Nina Degele halten die FIFA für nicht reformierbar: "Wir sollten sie auflösen und neue Organisationsformen für die großen Turniere finden."

Nachspielzeit: Wie könnte die Zukunft aussehen?

Eine WM oder auch Olympische Spiele zu organisieren, ist für viele Länder derzeit keine verlockende Aussicht. Zu hoch sind die von FIFA und IOC geforderten Bedingungen. Kritiker schlagen daher vor, alle Stellschrauben zurückzudrehen: kleinere Stadien, weniger Sponsoring, weniger Auflagen für Hotels und Gastronomie. Der frühere DFB-Präsident Fritz Keller sagt, die Kraft der großen Sportveranstaltungen als Orte internationaler Begegnung dürfe nicht verloren gehen. Das fußballerische Kräftemessen in Katar bezeichnet er aber als WM der Reichen. Normalverdiener könnten sich Flug und Hotel in Katar nicht leisten.

Autor/in:
Volker Hasenauer und Joachim Heinz
Quelle:
KNA