Ökumenischer Gottesdienst zum Jahrestag der Ausschreitungen

"Das Leben in Chemnitz hat sich verändert"

Am Jahrestag der tödlichen Messerstecherei von Chemnitz laden die Kirchen an diesem Montag zu einem ökumenischen Friedensgottesdienst ein. Wie haben sich Stadt und Gesellschaft seit den Ausschreitungen im vergangenen Jahr verändert?

Gedenkort in Chemnitz / © Hendrik Schmidt (dpa)
Gedenkort in Chemnitz / © Hendrik Schmidt ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie waren damals ganz frisch im Amt. Wie erinnern Sie sich an diesen 26. August 2018?

Pfarrer Frank Manneschmidt (Superintendent des Kirchenbezirks Chemnitz): Ich erinnere mich noch sehr gut. Meine Familie und ich, wir waren gerade erst Anfang August umgezogen. Das war dann innerhalb der ersten drei Wochen ein erster Anlass, um mal Chemnitz und die Innenstadt von ihrer schönen Seite kennenzulernen. Wir sind am Sonntagnachmittag auf dieses Stadtfest gegangen und hatten uns gewundert, dass plötzlich die Buden schon geschlossen waren und das Riesenrad stand. Wir konnten uns das nicht so richtig erklären und dachten: Seltsam, eigentlich läuft doch ein solches Stadtfest schon bis in die Abendstunden.

Wir haben dann, erst als wir wieder zu Hause waren, so langsam über die Medien, übers Fernsehen und das Internet mitbekommen, was da stattgefunden hat. Das Stadtfest war nämlich überraschend und spontan beendet worden, weil es Ausschreitungen gegeben hat, die wiederum mit diesem Tötungsdelikt zusammenhängen, bei dem in der Nacht ein Chemnitzer Familienvater umgebracht worden war. Und dann hat es am nächsten Tag Ausschreitungen gegeben – rechte Kreise haben diese Tat instrumentalisiert. Es hat dann sehr unschöne Szenen gegeben und man hat wohl auch die Sicherheitslage so eingeschätzt, dass es besser wäre, dieses Fest abzusagen. Das ist mir noch sehr gut in Erinnerung.

DOMRADIO.DE: Sie wurden dann direkt von Medien aus ganz Deutschland und darüber hinaus regelrecht belagert. Wie haben Sie das damals empfunden?

Manneschmidt: Als sehr anstrengend. Wir sind ja nun keine so große Organisation mit eigenem Pressestab und dergleichen. Wir haben in den folgenden Tagen Medienanfragen non-stop aus aller Welt bekommen, alle möglichen nationalen Medien, Zeitungen, Online-Magazine, Fernsehsender und darüber hinaus auch ausländische Medien aus Tschechien, aus Finnland, aus Neuseeland, aus Kanada wollten mit uns sprechen. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Alle haben hier bei uns angefragt und wollten wissen: Was ist los in Chemnitz? Was ist los in Deutschland? Was sagt die Kirche dazu? Wie konnte es zu solchen Ereignissen kommen?

DOMRADIO.DE: Sie waren damals selbst neu in der Stadt, trotzdem, in Ihrer Wahrnehmung: Hat sich seit diesen Ausschreitungen das Leben in Chemnitz verändert?

Manneschmidt: Das Leben in Chemnitz hat sich natürlich verändert. Die Stadtgesellschaft ist seit damals einfach nicht mehr dieselbe wie vorher. Es ist immer eine gewisse Anspannung da, dass man sich fragt, ob wieder etwas passiert. Was geschieht als Nächstes? Auf der anderen Seite ist es aber auch, wie ich feststellen muss, dazu gekommen, dass sich viele Bürger, Kultureinrichtungen, auch wir als Kirchen und querbeet durch die Stadtgesellschaft Leute gesagt haben: Wir müssen etwas tun. Wir müssen Zeichen setzen. Wir müssen zeigen, dass Chemnitz eine lebenswerte Stadt ist. Eine Stadt, wie viele andere in Deutschland auch. Und wir müssen zeigen, dass die Mehrheit in dieser Stadt eben nicht so tickt wie jene Minderheit, die da Randale gemacht hat und für dieses schlechte Ansehen von Chemnitz gesorgt hat.

DOMRADIO.DE: Für heute am Jahrestag haben Sie diesen ökumenischen Gottesdienst geplant. Warum fanden Sie das so wichtig, gemeinsam an diese unschönen Geschehnisse von vor einem Jahr zu erinnern?

Manneschmidt: Wir haben jetzt genau den Jahrestag und damit auch das Wochenende, an dem im letzten Jahr das Stadtfest war. Das Stadtfest ist dieses Jahr abgesagt worden, weil die Stadt wieder befürchtet hat, dass da wieder etwas passieren könnte. Sie konnten die Sicherheitslage vielleicht nicht ganz garantieren. Statt des Stadtfestes hat es ein Bürgerfest gegeben. Da haben Bürger das sozusagen selber in die eigene Hand genommen, was auch sehr gelungen war.

Und wir haben uns gesagt: Das ist wichtig, aber es soll jetzt nicht nur ein Fest sein, sondern es muss auch einen Moment geben, an dem nachgedacht wird, an dem mal innegehalten wird und wir einfach auch unser Zusammenleben hier in Chemnitz überdenken oder bedenken können. Dazu veranstalten wir einen Gottesdienst, ein Friedensgebet mit Vertretern der Stadtökumene. Katholiken sind dabei, die freie evangelische Gemeinde ist dabei, Orthodoxe, die Reformierten sind dabei. Und da feiern wir gemeinsam einen Gottesdienst, ein Friedensgebet und laden dazu ein, einfach nochmal dieser Ereignisse zu gedenken und auch das Heute in den Blick zu nehmen.

DOMRADIO.DE: Dann wollen Sie auch noch eine Menschenkette bilden?

Manneschmidt: Ja, das war eine Idee, die einfach in der Vorbereitungsrunde dieses Gottesdienstes aufkam, weil wir uns gesagt haben: Es wäre doch schön, wenn wir dann nach dem Gottesdienst nach draußen gehen auch noch ein Zeichen für den Frieden setzen, indem wir noch um die Kirche, und wenn es uns gelingt auch noch um das angrenzende Rathaus herum, eine Menschenkette zu bilden. Dazu ist es natürlich erforderlich, dass auch entsprechend viele Leute kommen, die an dem Gottesdienst teilnehmen, denn sonst sind es nicht ausreichend viele Menschen, um diese Kette bilden zu können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR