Das Kirchencafé "mittendrin – außenvor" will alle ansprechen

"Wird schwieriger, sich mit Kirche zu identifizieren"

Die geöffnete Tür von St. Nikolaus in Sülz ist ein deutliches Signal der Gastgeber: Wir sind offen für Menschen, die über ihren Glauben sprechen wollen. Doch auch Kritiker und Zweifler sind bei der aktuellen Glaubenswoche willkommen.

Der belebte Platz vor St. Nikolaus wird von allen Besuchern der Glaubenswoche sehr geschätzt. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der belebte Platz vor St. Nikolaus wird von allen Besuchern der Glaubenswoche sehr geschätzt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Hanna ist ganz in ihre Aufgabe vertieft. Sorgfältig legt die Siebenjährige kleine bunte Glassteine auf das aus Tüchern gestaltete Kreuz. Zufrieden begutachtet sie immer wieder das im schimmernden Sonnenlicht glitzernde Kunstwerk.

Hanna beim Gestalten des Kreuzes mit bunten Glassteinen. Foto: privat / © Beatrice Tomasetti (DR)
Hanna beim Gestalten des Kreuzes mit bunten Glassteinen. Foto: privat / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Vor allem aber ist es eine Gemeinschaftsarbeit, an der noch viele andere Nachwuchskünstler beteiligt sind. Denn mit mehreren gemeinsam auf einem Weg sein, spüren, wie sich das anfühlt – das sollen auch schon die Jüngsten im Pfarrverband Sülz-Klettenberg, die bei einer Rallye ganz spielerisch mit den Themen Jesus, Erntedank oder Nikolaus, dem Namenspatron der Sülzer Kirche an der Berrenrather Straße, vertraut gemacht werden. Zur Belohnung wartet am Ziel auf alle ein großes Eis. Schließlich soll das Gesamtpaket stimmen.

Eine Pause zwischendurch tut Mutter und Tochter gut. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Eine Pause zwischendurch tut Mutter und Tochter gut. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Auch für die Erwachsenen sind interessante Anreizpunkte geschaffen. Denn für alle Generationen soll etwas dabei sein bei dieser "Woche des Glaubens" im Pfarrverband Sülz-Klettenberg, der sich auf die Fahnen schreibt, ein Forum der Begegnung schaffen und acht Tage lang gezielt Menschen miteinander ins Gespräch bringen zu wollen: über ihren Glauben – oder ihre Suche danach. Vielleicht auch über ihre Zweifel oder unverhohlene Kritik.

Die Attraktion des Kirchencafés: An der roten Ape bekommt man Waffeln, Eis und Heißgetränke. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Attraktion des Kirchencafés: An der roten Ape bekommt man Waffeln, Eis und Heißgetränke. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Zentrale Anlaufstelle dabei ist jeden Tag das "Café mittendrin" mit der roten "Ape", dem italienischen Lastenfahrzeug auf drei Rädern inmitten des Kirchplatzes, wo es frisch gebackene Waffeln, alle möglichen Heißgetränke und eben Eis gibt. Natürlich umsonst. Gastfreundschaft wird hier – einmal mehr – groß geschrieben.

Idee zur Glaubenswoche bei einer Pfarrversammlung entstanden

Mediterranes Flair: Auf Liegestühlen lässt es sich entspannt miteinander ins Gespräch kommen. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Mediterranes Flair: Auf Liegestühlen lässt es sich entspannt miteinander ins Gespräch kommen. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Für einen Hauch von südländischem Flair sorgen die vor den Kirchenportalen aufgestellten Liegestühle, die mediterranen Olivenbäume, die gelb leuchtenden Sitzkissen auf den Stufen am Kircheneingang und die vielen Holztische und -stühle, die bei dem spätsommerlichen Wetter nachmittags ausnahmslos besetzt sind: von jungen Müttern mit Kinderwagen oder Senioren, die ihr Fahrrad vorübergehend an einen Baum gekettet haben. Von Jugendlichen, die neugierig die reichhaltige Auswahl des Kuchenbüffets begutachten und das Kirchencafé als Treffpunkt nutzen. Oder von den an ihrem orangefarbenen Button erkennbaren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die zum Veranstalterteam gehören und sich unter die ganz unterschiedlichen Gäste mischen.

Pfarrer Karl-Josef Schurf (links) im Gespräch. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Pfarrer Karl-Josef Schurf (links) im Gespräch. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Bei einer Pfarrversammlung im November 2019 wurde die Idee zu dieser Aktion geboren. "In einer Zukunftswerkstatt ging es um die Quellen, aus denen wir leben", erläutert Pfarrer Karl-Josef Schurf. Und dann hätten sie sich gegenseitig dazu ermuntert, einmal ein solches Projekt zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Glauben zu entwickeln, etwas Neues auszuprobieren und aus diesen Überlegungen gleich eine ganze Woche mit sehr unterschiedlichen Programmpunkten, Angeboten und Podien zu machen. "Dann kam Corona, und das Ganze musste erstmal verschoben werden." Doch die unfreiwillige Wartezeit hätten sie als Weg auf diese Woche hin genutzt, sagt Claudia Grunwald, eine von rund zehn Teamerinnen und Teamern, die lange an der konkreten Umsetzung dieses Vorhabens in die Praxis gearbeitet haben.

Karl-Josef Schurf, Pfarrer in Sülz-Klettenberg

"In früheren Jahrzehnten hat man mit den Menschen, die sich kritisch eingestellt haben, noch gerungen. Heute sind die längst weg. Kirche ist für sie keine relevante Größe mehr."

Man könne bei einer Aktion dieser Art auch zu Recht nach der Ordination von Frauen, dem Zölibat oder einer Gemeindeleitung durch Laien fragen. Zweifelsohne seien das wichtige Themen, die allerdings nur an der Kruste kratzten, erklärt Schurf. Was vielerorts ja auch stattfinde und vorrangig im Fokus stehe. Und auch die Situation der Kölner Kirche hole einen immer wieder ein, so der Seelsorger. Viel elementarer dagegen, betont er, sei aber doch inzwischen die Frage: Wie kann ich in dieser Zeit der Krisen noch an Gott glauben? "Die Kunst besteht darin, die persönliche Spiritualität und den christlichen Glauben zueinander zu bringen."

Der Name könnte passender nicht sein: Im Kirchencafé "mittendrin" ist viel los. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Name könnte passender nicht sein: Im Kirchencafé "mittendrin" ist viel los. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Er verspreche sich von dieser Glaubenswoche und der hier bewusst praktizierten Öffnung der Kirche nach außen auch mehr innere Veränderung. "Wir müssen noch intensiver auf die Menschen zugehen, wenn ich da zum Beispiel an die Eltern unserer Erstkommunionkinder denke, und mit ihnen über diesen Glauben, der uns beseelt, ins Gespräch kommen, Berührung schaffen. Was mir weh tut, ist Ignoranz und Gleichgültigkeit." In früheren Jahrzehnten habe man mit den Menschen, die sich kritisch eingestellt hätten, noch gerungen. "Heute sind die längst weg. Kirche ist für sie keine relevante Größe mehr." Es rieche ja auch nach Muff. "Nicht nur in den alten Mauern."

Die nötigen Bedingungen für Glaubensthemen schaffen

Berührbarkeit – das ist auch das Stichwort für Claudia Grunwald. Sie pflichtet bei: "Die Kirche ist zur Zeit verdunkelt und steht dem Kern ihres ureigenen Auftrags im Wege. Jedenfalls wirkt das so. Wir sind gezwungen, zwischen Glaube und Kirche zu trennen. Aber eigentlich wollen wir das doch gar nicht." Für sie gehe es darum, am Ort die nötigen Bedingungen und Räume zu schaffen, um ansprechbar für Glaubensthemen zu sein. "Und für Gott, an den ich mein Leben rückbinde. Deshalb müssen wir das Gespräch miteinander suchen, uns interessieren und andere fragen: Wie lebst Du? Eigentlich besitzen wir doch eine riesige Schatzkiste, die man nur öffnen muss."

Die Kirche müsse mehr Orte der Berührung mit Gott schaffen, findet Claudia Grunwald vom Orga-Team. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Kirche müsse mehr Orte der Berührung mit Gott schaffen, findet Claudia Grunwald vom Orga-Team. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Leider aber habe die Institution Kirche gerade so sehr mit sich selbst zu tun, dass das Wesentliche verschlossen bliebe. Ob eine Glaubenswoche wie diese das Ei des Columbus sei, wisse auch sie nicht. "Aber zumindest suchen wir nach Wegen und haben entschieden: Den hier gehen wir jetzt." Eben in Berührung auch mit Außenstehenden zu kommen, wiederholt sie nochmals, und eine einladende Kirche zu sein, Atmosphäre zu schaffen für eine Beschäftigung mit Glaubensthemen – das sei ihr wichtig. "Und wenn es denn hilft", lacht sie, "mit einem Milchkaffee in der Hand und einem Olivenhain á la Gethsemani auf dem Kirchhof."

Bettina Bellinghausen, Team "mittendrin – außenvor"

"Inzwischen hat man ja Verständnis für die, die austreten, und fragt sich umgekehrt: Warum bin ich eigentlich noch drin?"

Was trägt uns eigentlich? Das sei für sie mittlerweile zur Kernfrage geworden, räumt Bettina Bellinghausen ein, die wie Grunwald seit vielen Jahren zum ehrenamtlichen Stamm der Gemeinde zählt. "Es wird immer schwieriger, sich mit Kirche zu identifizieren." Man müsse sich zunehmend rechtfertigen, wenn man noch katholisch sei. "Inzwischen hat man ja Verständnis für die, die austreten, und fragt sich umgekehrt: Warum bin ich eigentlich noch drin?" Dabei deutet ihr Mann Thomas auf St. Nikolaus und ergänzt: "Emotional fühle ich mich diesem Gebäude viel näher als dem Kölner Dom oder dem Petersdom in Rom. Was da passiert, sorgt bei mir oft nur noch für Kopfschütteln." Und so ergehe es anderen auch.

Die Treppe vor der Kirche ist im Sommer ganz besonders  beliebt.

 / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Treppe vor der Kirche ist im Sommer ganz besonders beliebt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Im Alltag treibe die Menschen viel Sehnsucht um, beobachtet Gemeindereferentin Julia Castor und definiert das als "Sehnsucht nach mehr und danach, dieses Leben gut zu füllen". Doch genau da hätten Christen doch etwas anzubieten mit ihrer Botschaft, "indem wir diese Sehnsucht mit Gott füllen". Sie würde sich wünschen, mit den Menschen so ins Gespräch zu kommen, "dass unser miteinander Reden und Tun etwas vom Geruch der Ewigkeit hat".

Magdalene Baumgarten, Gemeindemitglied

"Das ist toll – dieses bunte Leben mitten auf unserem Kirchplatz. Das macht doch Hoffnung, dass es immer noch Menschen gibt, für die ihr Glaube – oder doch wenigstens die Suche danach – ein Thema ist."

"Ein nettes Angebot", findet Steffi Wortmann, während sie ihren kleinen Sohn Linus fest umschlungen hält und an einer Latte macchiato nippt. Sie ist auf dem Platz vor St. Nikolaus eher zufällig gestrandet. "Die Atmosphäre hat mich sofort angezogen, unabhängig davon, was dahinter steckt." Die junge Mutter gesteht, keinen wirklichen Bezug zur Kirche zu haben, obwohl sie auch mal Messdienerin war und sich noch gut an ihre Erstkommunion erinnert. Aber dann habe es Spannenderes gegeben und sie habe die Kirche aus den Augen verloren. In diesem Moment aber tue es ihr gut, hier zu sitzen, sagt sie und schaut sich um. "Wenn alle aus der Kirche austreten würden, gäbe es so etwas nicht."

Die Glaubenswoche bietet auch die Chance, mit zufälligen Passanten in Kontakt zu kommen. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Glaubenswoche bietet auch die Chance, mit zufälligen Passanten in Kontakt zu kommen. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

"Schön, dass das Kirchenportal so weit offen steht und die Menschen spüren, dass sie willkommen sind. Jeder darf dazu gehören, ohne etwas zu müssen." Ulrike Bartz ist langjährige Kommunionkatechetin in St. Nikolaus und schwärmt von der Stimmung im Kirchencafé. Fröhlich erzählt sie von einem Lied, dass ihr in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf gehe: "Komm, bau ein Haus, das uns beschützt. Lad’ viele Menschen ein, lass sie dort frei erzählen…" Das bringe auf den Punkt, was hier gemeint und gelebt werde, sagt sie. Sie schätze es, dass in dieser Woche Themen vorkämen, die einen Bezug zum Alltag hätten, aber dass eben auch kritische Meinungen zugelassen würden. "Einen solchen Ort der Begegnungsmöglichkeit müsste es öfter geben."

Und Magdalene Baumgarten, die sich in der "Kinderkirche" von St. Nikolaus engagiert, zeigt sich von dem Projekt geradezu begeistert: Das ist toll – dieses bunte Leben mitten auf unserem Kirchplatz. Das macht doch Hoffnung, dass es immer noch Menschen gibt, für die ihr Glaube – oder doch wenigstens die Suche danach – ein Thema ist."

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR