Zur Begrüßung der Erstsemester an der Katholischen Fakultät Tübingen 2002 sagte der damalige Dekan scherzhaft: "Die Theologie ist ein krisensicheres Studium – die Krisen kommen sicher." Damit spielte er vermutlich zunächst auf die Erschütterung mancher Glaubensgewissheit an, die Studentinnen und Studenten aus ihrer Kinder- und Jugendzeit in ihren Heimatgemeinden mitgebracht hatten.
Denn wenn ein Psalm nach allen Regeln der historisch-kritischen Exegese ausgelegt wird, kann er dann am Abend noch leichthin gebetet werden? Wenn die Entwicklung mancher Dogmen genau nachgezeichnet wird, fällt es dann nicht schwer, sie unbefangen zu glauben?
Viele potenzielle Krisen
Im Pastoralen Dienst kommen für engagierte Frauen und Männer noch weitere mögliche Krisen und Herausforderungen hinzu: das Gefühl, nicht alle wichtigen, heilsamen und notwendigen Dienste an den Menschen tun zu können, weil die Zeit nicht ausreicht. Die Befürchtung, zu wenig nachhaltig zu wirken, nur punktuell zu gewissen Momenten der Lebenswende - wie Taufen, Trauerfeiern oder Hochzeiten - oder an außergewöhnlichen Tagen im Jahreskreis mit Gemeindemitgliedern in Kontakt treten zu können.
Bei einigen Menschen im Pastoralen Dienst kommt vielleicht auch das Gefühl hinzu, zu wenig Rückhalt "von oben" und zu wenig Dankbarkeit aus den Gemeinden zu bekommen. Bei Priestern, die Papst Leo XIV. in diesem Monat besonders in den Blick nimmt, kann dann noch eine Krise der Lebensform hinzutreten – sei es in Bezug auf die Gehorsamsbindung an die Kirche, den Diözesanklerus und den Bischof, sei es in Bezug auf den Zölibat oder auch in ganz anderen Bereichen.
Überlastet, gegängelt, kritisiert
Nun sind Lebens- und Sinnkrisen sicher nicht auf Theologie und Pastoral beschränkt. Wie viele Lehrerinnen und Lehrer, Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger fühlen sich mit Arbeit überlastet, von bürokratischen Anforderungen gegängelt oder dauernder Kritik ausgesetzt? Wie viele Menschen in allen möglichen Berufen haben mit Mobbing, schlechtem Arbeitsklima, Undankbarkeit oder dem Gefühl innerer Leere zu kämpfen?
Wenn Papst Leo die Priester in besonderer Weise ins Gebet nehmen möchte, stehen sie sicher auch exemplarisch für alle, die sich in ihrem Beruf und vielleicht ebenso in ihrem Glauben angefochten fühlen, die eine Lebens- und Vertrauenskrise durchmachen. Jede und jeden dürfen wir in diesem Monat mit in unser Gebet einschließen.
Wenn nach Jahren Zweifel kommen
Zugleich ist mit dem priesterlichen Dienst eine konkrete Lebensform verbunden, eine meist in jungen Jahren für das ganze Leben getroffene Entscheidung. Mit verschiedenen Anfechtungen, Unsicherheiten und Veränderungen kann diese im Lauf der Zeit fragwürdig, vielleicht sogar falsch erscheinen. Ähnliche Erfahrungen mögen manche Ehepaare machen, die nach einer langen gemeinsamen Zeit ihre einst getroffene Entscheidung für einen gemeinsamen Weg in Zweifel ziehen.
In solchen Situationen tut Menschen Verständnis gut. Es mag sehr gut möglich sein, dass sie in einer Lebenskrise nicht mehr die Arbeitskraft einbringen können, die man von ihnen erwartet, oder nicht mehr die Zuversicht ausstrahlen, die sie verkünden. Und doch bleiben der Zauber des Anfangs und die Hoffnung der einmal getroffenen Lebensentscheidung bestehen. Im Gebet miteinander und füreinander und im liebevollen Verständnis dafür, dass der Mensch nicht immer nur geben kann, mag der Schatz des Vertrauens neu gehoben werden.
Es gibt keine Garantie, dass Verständnis, Hilfsbereitschaft und Gebet jemanden aus einer Lebenskrise herausführen. In einigen Fällen mag sich sogar wirklich erweisen, dass eine einst getroffene Lebensentscheidung nicht oder nicht mehr trägt, dass ein Mensch einen anderen Weg einschlagen muss, um neue Zuversicht und Freude zu gewinnen.
Kein Leben ohne Krisen
Dennoch erinnert das Gebetsanliegen dieses Monats auch daran, dass kein menschlicher Lebensweg stets leichten Fußes beschritten werden kann. Die Krisen kommen sicher – nicht nur in der Theologie oder im priesterlichen Dienst. Und doch dürfen wir darauf vertrauen, dass bewusst getroffene Lebensentscheidungen von Gott begleitet wurden und noch immer werden.
Beten wir in der Krise füreinander, stehen wir uns verständnisvoll zur Seite, um diese Wüstenzeiten – soweit dies möglich ist – zu überwinden. Der Jesuit Alfred Delp schrieb in einer existenziellen Lebenskrise, als der berüchtigte NS-Richter Roland Freisler ihn bereits zum Tode verurteilt hatte, im Februar 1945: "Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht alleine leben, sondern weil Gott es mit uns lebt." Diese österliche Hoffnung kann das Gebet und Handeln im April vielleicht besonders begleiten.