Daniela Dröscher über wunderbare Sprache und heilige Pausen

"Bete häufiger, als mir bewusst ist"

"Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren". In ihrem Buch über das "Sprechen" empfiehlt die Autorin Daniela Dröscher, das Missverständnis zu umarmen. Wohltuend sei es im Gespräch heilige Pausen einzulegen, sagt sie.

Autor/in:
Johannes Schröer
Daniela Dröscher / © Heike Bogenberger (Hanser Berlin)

"Mein Impuls, das Missverständnis ins Zentrum dieses Textes zu stellen, entstammt der Hoffnung, etwas frische Luft in den Raum des Zwischenmenschlichen zu lassen", schreibt Bestsellerautorin Daniela Dröscher in ihrem Buch "Sprechen".

Es hat durchaus einen persönlichen Hintergrund, dass sich die Autorin in einem längeren Text mit unserer Sprache und dem Sprechen beschäftigt. Denn Daniela Dröscher hat es zweimal in ihrem Leben die Sprache verschlagen - das heißt sie verstummte, weil sie sich nicht mehr zu sprechen traute, zu groß war die Angst, missverstanden zu werden, sprechend zu scheitern, sich zu blamieren, zu groß war die Herausforderung, sich perfekt ausdrücken zu müssen. Ihre Muttersprache ist hochdeutsch, da aber im Dorf Becherbach am Fuße des Hunsrück, wo sie aufgewachsen ist, alle anderen Kinder pfälzischen Dialekt sprachen, versuchte sie sich den Dialekt anzueignen und verstummte. Im Studium war es dann genau umgekehrt, um ernst genommen zu werden, musste sie sich den Dialekt wieder abtrainieren. "Das waren komplizierte Vorgänge", erzählt sie im DOMRADIO.DE Interview. Sie habe die Ohren gespitzt, anderen zugehört und dann ihren Weg durch Ausprobieren, Üben und Scheitern zurück ins Sprechen gefunden.

"Wer spricht, muss bereit sein, sich zu blamieren", schreibt Daniela Dröscher. Ihre Angst vor Perfektion und Scheitern habe sie sprachlos gemacht. Heute sagt sie, die Möglichkeit, missverstanden zu werden, gehöre zum Sprechen dazu. Die Autorin weist auf eine sprachphilosophische Tradition hin, die das Missverständnis als Regel und nicht als Ausnahme betrachtet. "Wenn wir das Missverständnis mit einkalkulieren, dann wären wir großzügiger miteinander und würden viel genauer zuhören", sagt sie. Im Buddhismus gebe es die heilsame Praxis der heiligen Pause. "Wir sollten uns die Pausen erlauben, um nachzufragen, denn ein großes Manko unserer Zeit ist, dass wir zu schnell sind". Unsere Prägungen, Erwartungen, Ängste und Sehnsüchte seien so komplex, dass wir kaum etwas vom Gegenüber wissen und allzu schnell von Vorurteilen ausgehen.

Daniela Dröscher erzählt, dass sie sehr protestantisch erzogen und mit der Bibel groß geworden sei. Das Johannes Evangelium beginnt mit den Worten: "Am Anfang war das Wort … und das Wort ist Fleisch geworden." Für Daniela Dröscher ist das ein Schlüsselsatz, der ausdrückt, wie sehr Worte unseren Blickrahmen und damit auch unsere Wirklichkeit formatieren. "Wir machen uns selten wirklich klar, wie gewaltvoll Worte sein können", sagt sie, "und wie sehr sich Worte buchstäblich in Körper einschreiben und nachhaltig tief verletzen. Wir sehen, was wir hören".

Sprache kann verletzen und zerstören. Sprache kann aber auch trösten. "Gedichte beglücken und erfreuen mich", sagt die Autorin. Vor kurzem habe sie mit einer Freundin ausführlich über das Beten gesprochen: "Wir haben uns beide gefragt, ob wir womöglich häufiger beten, als es uns bewusst ist", sagt Dröscher. Lange Zeit habe sie das Gebet mit dem klassischen Bild verbunden, das ihr im Kindergottesdienst vermittelt wurde: Das kleine Mädchen faltet die Hände und betet. Diese Form des Gebetes sei ihr heute fremd, aber, so fragt sie, gebe es nicht auch eine Form des Sprechens, die dem Gebet sehr ähnlich sei. Sie selbst habe den Verdacht, bei manchem inneren Monolog oder innig geäußerten Wünschen viel häufiger zu beten, als es auf den ersten Blick den Anschein habe. "Oder wenn Menschen zusammenkommen und sich gemeinsam Gedanken machen über ein mögliches Kriegsende in der Ukraine, werden dadurch nicht auch gute Gedanken ins Kriegsgebiet geschickt?", vermutet Dröscher. Auch das sei doch eine Form des Gebets.

Und ist nicht auch das Buch "Sprechen" von Daniela Dröscher eine Art Meditation über den Gebrauch von Sprache? Denn "die menschliche Sprache ist nicht weniger als ein Wunder", schreibt die Autorin: "Erst wenn es uns gelingt, das Scheitern und das Missverständnis zu umarmen und trotzdem immer wieder in die Arena zu gehen, um uns auszutauschen, kommen wir uns in unserer menschlichen Komplexität näher - und vielleicht wird die Welt dadurch nicht nur schöner, sondern auch friedlicher".

Quelle:
DR

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