In Berliner Kirche soll künftig Sport getrieben werden

"Da sind wir sehr offen"

Sonntags in der Kirche beten, unter der Woche dort Sport treiben - ein ungewöhnliches Projekt geht in einer evangelischen Kirche in Berlin jetzt in die Pilotphase. Nicht bei allen Gemeindemitgliedern stößt es auf Gegenliebe. Der Pfarrer will aber neue Wege gehen.

Sport Symbolbild / © FabrikaSimf (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Wie müssen uns das genau vorstellen: Mal beten und singen Gläubige auf Bänken im Kirchenschiff und dann werden die Bänke an die Seite geräumt und die Turnmatten ausgerollt?

Tobias Kuske (Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin Prenzlauer Berg Nord): Nein, es ist tatsächlich noch ein bisschen anders und es ist ein Pilotprojekt. Das heißt, noch ist es in der Planungsphase. Aber die Bänke sollen rausgenommen werden und dauerhaft deinstalliert werden, damit wir in unserer Gemeinde nicht nur Platz haben für weitere Sportangebote. Da wir in der glücklichen Lage sind so viele Jugendliche zu haben, nämlich momentan haben wir 200 Konfirmanden, brauchen wir einen großen Raum, um mit ihnen arbeiten zu können. Das heißt, hier entsteht eine Situation, wo sowohl ein Sportverein bzw. Kitas um unsere Kirche herum eine Möglichkeit bekommen Sport zu treiben, als auch unsere eigene Gemeinde durch diese Umbaumaßnahme einen neuen Raum gewinnt.

DOMRADIO.DE: Das ist dann also eine hybride Nutzung. Sie wollen also weiterhin in der Kirche beten und singen, aber eben auch Sport machen. Und Sie sind eine besondere Kooperation eingegangen, mit einem Kinder- und Inklusionsverein namens Pfeffersport. Wie soll das laufen?

Kuske: Die ganz grobe Idee ist erst mal eine Trennung. Von Montag bis Freitag ist ja ein normaler Kirchenraum meistens ungenutzt. Vor allem, weil wir in unserer Gemeinde noch zwei weitere Kirchen haben. Und in dieser Zeit werden dort dann Kita und vielleicht auch Schulen, die wenig Raum haben in ihren eigenen Gebäuden, Sport treiben können in der Kirche. Wenn wir dann mit den Jugendlichen da sind, am Mittwoch-, Donnerstagnachmittag und am Wochenende, wo klassische Zeiten für Jugendarbeit sind, dann findet sozusagen die tägliche Nutzung statt.

Und was mein großer Wunsch ist und auch der Wunsch des Pfeffersports, nicht nur ein Nebeneinander zu haben, sondern auch ein Ineinander. Es geht darum, was passiert eigentlich, wenn in einem Raum, in dem sonst gebetet wird, Sport getrieben wird? Aber genauso: was passiert mit dem Gebet, wenn in einem Raum, wo Sport gemacht wird unter der Woche, gebetet wird. Was ergibt sich an an einem Miteinander? Und das finde ich vor allem das Spannende. Und da habe ich noch keine Idee, was passiert, aber wir sind da sehr offen.

DOMRADIO.DE: Verstehen Sie das Sportangebot im Gotteshaus auch als ein Versuch, wieder mehr ins Leben der Menschen zu kommen?

Kuske: Was ich mir tatsächlich zumindest mit erhoffe sind Fragen. Dass man immer alles nur macht, um wieder die Leute zur Kirchenmitgliedschaft zu bringen, weiß ich nicht. Aber was ich mir sehr erhoffe, ist das Aufeinanderzubewegen, das Neuwerden an Formulierungen. Wenn dann jemand kommt und sagt: Na ja, was macht ihr hier eigentlich? Und derjenige hat noch überhaupt gar keinen kirchlichen Hintergrund. Dann bin ich natürlich auch gezwungen, andere Antworten zu geben. Und diese Antworten legen dann vielleicht auch wieder etwas frei von meinem eigenen Kern, wofür ich ständig glühe oder brenne, um das Jugendlichen, Familien und alten Menschen deutlich zu machen. Und davon erhoffe ich mir sehr viel.

DOMRADIO.DE: Jetzt kann man sich natürlich vorstellen, dass Leute in der Gemeinde denken: Moment mal, also Sport in unserer Kirche finden wir jetzt nicht so prickelnd. Wie reagieren die Leute in der Gemeinde?

Kuske: Na ja, das ist tatsächlich schon so, dass es unterschiedliche Reaktionen gibt. Neue Wege, das wissen wir selbst jedes Jahr, wenn wir uns einer Fastenaktion anschließen, sind schwer, neue Gewohnheiten auszuprobieren und sie umzusetzen. Es gibt tatsächlich Leute, die sehr viel Angst haben. Das Bild des Fußball spielenden Jugendlichen in der Kirche verhindert natürlich viel. Darum geht es nicht. Es werden keine Ballsportarten stattfinden, sondern es ist sehr geprägt von einer gegenseitigen Akzeptanz.

Und trotz dessen wird es ein langer Weg, glaube ich. Viele sind ganz begeistert von den neuen Möglichkeiten und manche sind sehr skeptisch, gucken aber sehr wohlwollend darauf, weil wir mit unserer Gemeinde auch schon gute Erfahrungen gemacht haben. Wir haben einer Schweizer Kommunität eine unserer Kirchen übergeben, die ein Kloster mitten in einer Großstadt ausprobiert. Wir haben eine weitere große Kirche, weil wir tatsächlich ein Zusammenschluss von mehreren Gemeinden sind, an ein Machmit-Museum abgegeben, das wunderbar arbeitet und tatsächlich schon diesen Effekt hat, dass da Leute in die Kirche kommen und in einem Museum sind. Und sie haben dann auf einmal ganz neue Fragen an Kirche. Deswegen bin ich guter Hoffnung, dass uns das ein weiteres Mal gelingt in dieser Gemeinde.

DOMRADIO.DE: Wann soll es losgehen?

Kuske: Ich hoffe so bald als möglich. Da muss noch die Denkmalschutzbehörde befragt werden. Ich hoffe, dass im März die ersten Bänke rauskommen und dass wir dann ab April und Mai mit den Jugendlichen einen größeren Raum haben und dass dann auch die ersten Kinder und Senioren einziehen, um dort in der Kirche unter der Woche Sport zu treiben.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR