Caritas wendet sich gegen "Skandalisierung"

Streit über Armutsrisko

Über die Einschätzung des Armutsrisikos in Deutschland ist es zum Streit gekommen. Die Caritas wirft dem Paritätischen Gesamtverband eine armutspolitische "Skandalisierung" vor.

Armut geht uns alle an (dpa)
Armut geht uns alle an / ( dpa )

Im jüngsten Armutsbericht des Verbandes würden Armut und Armutsrisiko fälschlicherweise gleichgesetzt, kritisierte Caritas-Generalsekretär Georg Cremer in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Von regionaler Verelendung zu sprechen sei zudem "schlicht unseriös".

Der Paritätische wies die Kritik zurück. "Es gibt keine politisch kontextfreie und nicht irgendwie interessengeleitete Armutsdiskussion", sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Jeder sozialpolitische Akteur, heiße er Parität oder Caritas, muss sich daher bei aller guten Absicht fragen, vor welchen Karren er am Ende gespannt wird", erklärte Schneider in Anspielung darauf, dass Cremers Argumente denen von Politikern und Arbeitgebern gleichen, die Sozialausgaben begrenzen wollen.

Auslöser war ein im Februar vorgelegtes Papier

Hintergrund ist ein Ende Februar vorgelegter Bericht des Paritätischen, wonach die Armut in Deutschland wächst. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Armutsrisikoquote 2014 auf 15,5 Prozent (2013: 15 Prozent) stieg und damit einen neuen Höchststand erreichte.

Zur Berechnung dieser Armutsrisikoquote werden Personen in Haushalten gezählt, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens betragen.

In dem Papier mit dem Titel "Die zerklüftete Republik" warnt der Paritätische vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Die Armut in der Bundesrepublik befinde sich auf einem historischen Höchststand. Diese Deutung sorgte für Widerspruch bei Experten und Medien. Die Wissenschaftler Gerd Gigerenzer, Thomas Bauer und Walter Krämer kürten die Analyse zur "Unstatistik des Monats". Die Wochenzeitung "Zeit" bezeichnete den Umgang der Analyse mit den Daten als "Armutsschwindel".

Caritas: Undifferenzierte Interpretation

Der Anstieg der Quote werde beim Paritätischen "undifferenziert" interpretiert und so als wachsende Armut wahrgenommen, kritisierte der Spitzenvertreter des Deutschen Caritasverbandes. Es gebe aber eine Vielzahl von Menschen, die statistisch unterhalb der 60-Prozent-Schwelle auftauchten, aber keine ernsthaften sozialen Probleme hätten, wie etwa Auszubildende und Studenten, die in einem eigenen Haushalt leben.

Fraglich sei auch, auf welchen Zeitraum sich die Aussage über den Höchststand beziehen solle, so der Volkswirtschaftsprofessor in seinem Gastbeitrag. "Die Behauptung, noch nie hätten so viele Menschen hierzulande in Armut gelebt wie heute, suggeriert ein absolutes Maß an Armut und widerspricht der Lebenserfahrung derer, die sich an die materielle Situation in Deutschland in früheren Dekaden erinnern können."

Den Befund des Paritätischen, die Republik sei tief zerklüftet, wies Cremer zurück. Zwar unterschieden sich die Armutsrisikoquoten der Bundesländer erheblich, zwischen 11,3 Prozent in Bayern und 24,6 Prozent in Bremen. Wenn das Bild nicht verzerrt werden solle, müssten hier jedoch die regional unterschiedlichen Lebenshaltungskosten berücksichtigt werden, was im umstrittenen Bericht nicht der Fall sei. Mit einem Einkommen von 892 Euro (Höhe der Risikoschwelle) zu leben, sei in München schwieriger als etwa in Neubrandenburg.

"Der guten Sache" dienlich?

Das Anliegen des Paritätischen sei "gut gemeint". Wie die anderen Sozialverbände wolle er die Politik für Armutslagen und -risiken sensibilisieren und Armut bekämpfen, resümiert Cremer: "Aber auch ein Bericht, der 'der guten Sache' dienen will, muss darauf hin geprüft werden, ob er die Faktenlage trifft." Eine "Skandalisierung" untergrabe die Legitimität des Sozialstaats, fördere den sozialen Zusammenhalt nicht und verstelle den Blick auf politisch erreichbare Veränderungen.

Die evangelische Diakonie unterstrich, dass die Armutsrisikoquote ein "wichtiger Verteilungsindikator" sei. "Je ungleicher Einkommen verteilt sind, desto stärker ist die Armutsgefahr", sagte Sprecherin Ute Burbach-Tasso in Berlin dem epd. "Indem wir die relative Einkommensarmut messen, bekommen wir wichtige Hinweise auf zentrale Risikogruppen wie Erwerbslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien oder Frauen im Seniorenalter." Um ein umfassendes Bild von Armut zu bekommen, müssten allerdings auch weitere Faktoren wie etwa Überschuldung oder Zugang zu günstigem Wohnraum berücksichtigt werden.

An diesem Dienstag legte der Paritätische in Berlin sein "Jahresgutachten zur sozialen Lage" vor. Dabei geht es um die gesellschaftliche Entwicklung sowie den sozialen Zusammenhalt sowie eine Bewertung sozialpolitischer Maßnahmen.

Quelle:
epd , KNA , DR