Caritas unterstützt erste Flüchtlinge aus der Ukraine

"Ein warmes Willkommen ermöglichen"

Die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Deutschland angekommen. "Im Moment funktionieren alle nur und gucken, dass sie den Alltag schaffen", sagt Irene Porsch, die Flüchtlingsbeauftragte des Kölner Diözesan-Caritasverbandes.

Erste Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in Deutschland an / © Paul Zinken (dpa)
Erste Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in Deutschland an / © Paul Zinken ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie viele Menschen aus dem Kriegsgebiet sind denn bereits jetzt im Erzbistum angekommen? Haben Sie da eine Übersicht?

Irene Porsch (Flüchtlingsbeauftragte des Kölner Diözesan-Caritasverbandes): Nein, da haben wir keine Übersicht zu den Zahlen. Zum einen wird das in den Kommunen erfasst und wir haben ja einige Kommunen hier im Erzbistum. Zum anderen sieht es so aus, dass viele Menschen erst mal privat untergebracht sind. Wir haben hier in NRW 30.000 Menschen ukrainischer Staatsangehörigkeit. Man kann mindestens die Hälfte noch mal zuschlagen an sogenannten eingebürgerten Menschen. Viele von denen bringen wirklich im Moment privat Geflüchtete unter. Die sind noch gar nicht alle erfasst. Es kommen die ersten in den Kommunen an. So um die 130 wurden in Köln gestern erwartet, in Düsseldorf circa 60, es tröpfelt im Moment erst mal so an Zahlen. Ich denke, da werden in den nächsten Wochen noch mal die Zahlen deutlich steigen.

DOMRADIO.DE: Wissen Sie denn etwas über den Zustand dieser Menschen, vielleicht die gesundheitliche, die psychische Lage bei den Menschen ist?

Deutscher Caritasverband

Der Deutsche Caritasverband (DCV) ist der größte Wohlfahrtsverband Europas. Die Dachorganisation katholischer Sozialeinrichtungen setzt sich für Menschen in Not ein. Mit rund 690.000 hauptamtlichen Mitarbeitern - 80 Prozent sind Frauen - ist die Caritas zudem der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Der Begriff "caritas" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Nächstenliebe. Sitz des 1897 gegründeten Verbands ist Freiburg. Wichtige Bedeutung haben die Büros in Berlin und Brüssel.

Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus (KNA)
Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus ( KNA )

Porsch: Der Zustand wird schlechter. Viele sind im Moment erschöpft, müde, auch geschockt. Die haben wirklich alles stehen und liegen lassen und sind möglichst schnell los gereist. Den Menschen geht es im Moment noch relativ gut. Die fangen erst an zu verarbeiten, was eigentlich passiert, was in ihrem Heimatland passiert.

Es kommen aber auch schon erste Menschen an, die konkrete Kriegserfahrungen auf dem Weg gemacht haben. Viele Kinder und Frauen, die wirklich diese konkreten Erfahrungen gemacht haben, sind traumatisiert. Es braucht aber Zeit und Ruhe und überhaupt erst mal ein Ankommen, um sich damit auseinanderzusetzen. Im Moment funktionieren alle nur und laufen wirklich im Hamsterrad und gucken, dass sie hier ankommen und irgendwie den Alltag schaffen.

DOMRADIO.DE: Oft kommen Mütter mit ihren Kindern. Die Väter müssen in der Ukraine teilweise bleiben, weil sie noch kämpfen. Sind denn auch Kinder jetzt allein unterwegs und geflohen?

Porsch: Ja, auch das. Es gibt zum einen tatsächlich die Situation, dass Kinder an die Grenze gebracht werden, weil auch die Mütter sich entscheiden, mit zu kämpfen. Aber was wir auch viel haben, das betrifft Deutschland, aber auch die anderen europäischen Länder, sind Frauen, gerade aus der Ukraine, die hier in Deutschland arbeiten und die ihre Männer und ihre Kinder in der Ukraine zurückgelassen hatten.

Jetzt müssen die Männer in den Krieg. Deswegen machen die Kinder sich alleine auf den Weg. Gerade in der Pflege ist das nicht zu unterschätzen. Es gibt viele Frauen, ukrainische Frauen, die hier in Deutschland die Pflege stützen, 24-Stunden Pflegekräfte zum Beispiel auch. Jetzt stehen sie davor, dass ihre Kinder ungeschützt in einem Kriegsland auf der Flucht sind.

DOMRADIO.DE: Die Caritas will helfen. Was brauchen die Menschen aktuell? Wie ist die Caritas auch aufgestellt? Gibt es da genug Unterkünfte und Materialien?

Flüchtlinge aus der Ukraine in Rumänien / © mady70 (shutterstock)
Flüchtlinge aus der Ukraine in Rumänien / © mady70 ( shutterstock )

Porsch: Generell sind wir gut aufgestellt in Zusammenarbeit mit den Kommunen und den Wohlfahrtsverbänden. Wir haben anders als 2015, als viele Geflüchtete über die Balkanroute nach Deutschland kamen, jetzt eigentlich in allen Städten sogenannte Koordinierungs- oder Krisenstäbe, die direkt eingesetzt wurden, und auch Vernetzungsstrukturen, mit denen sich gegenseitig abgeglichen wird, welche Hilfen notwendig sind und wer was macht und worauf man sich jetzt erst mal konzentrieren kann.

So wird der Wohnraum organisiert und die Caritas konzentriert sich dadurch auch sehr stark auf die Beratungsangebote. Für den Aufenthaltsstatus und was damit zusammenhängt, sind Beratungen notwendig. Es dürfen zwar alle etwa 90 Tage einreisen und können auch ihren Aufenthalt um sechs Monate verlängern. Aber viele Sachen drumherum sind noch nicht geklärt, zum Beispiel Krankenversicherung und andere Sozialleistungen.

DOMRADIO.DE: Sie arbeiten auch mit vielen Ehrenamtlichen zusammen, etwa durch die Aktion "Neue Nachbarn". Wie hoch ist aktuell die Hilfsbereitschaft?

Ukraine-Flüchtlinge in Polen / © Wojtek Jargilo (dpa)
Ukraine-Flüchtlinge in Polen / © Wojtek Jargilo ( dpa )

Porsch: Die Hilfsbereitschaft und Solidarität im Moment ist enorm. Für die Ehrenamtlichen der Aktion "Neue Nachbarn" und auch in den Caritas Verbänden, denke ich, wird in den nächsten Wochen erst so richtig losgehen, wenn es darum geht, den Menschen ein warmes Willkommen zu ermöglichen, sie im Alltag zu begleiten, erste Orientierung hier in Deutschland zu haben.

Die Hilfen in der Ukraine selber und in den Grenzgebieten findet durch Caritas International und durch Hilfswerke statt. Das sind ja Kriegsgebiete vor Ort bzw. die Nachbarländer sind selber auch gut aufgestellt mit Hilfen. Es gibt natürlich im Moment auch eine große Mobilmachung mit Sachspenden. Da raten wir eher von ab, da die Hilfsstrukturen an der polnisch-ukrainischen Grenze bereits überfordert sind, überhaupt die Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen und vieles immer noch in der Ukraine vor Ort auch gekauft werden kann. Deswegen bieten wir hier eher die Möglichkeit, wirklich die Menschen zu begleiten, wenn sie erst mal hier sind. Das wird in den nächsten Wochen dann kommen.

Das Interview führte Florian Helbig.

Quelle:
DR
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