Caritas-Präsidentin erwartet rasche Arbeitsrechts-Änderung

"Spürbarer Reformwille"

Die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva-Maria Welskop-Deffaa, rechnet mit der Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts noch in diesem Jahr. Erste Entwürfe könnten schon in den nächsten Wochen veröffentlicht werden.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Caritaspräsidentin / © Philipp von Ditfurth (dpa)
Eva Maria Welskop-Deffaa, Caritaspräsidentin / © Philipp von Ditfurth ( dpa )

DOMRADIO.DE: Inwiefern hat die Pandemie eine verletzte Gesellschaft zurückgelassen?

Eva-Maria Welskop-Deffaa (Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes): Die Pandemie hat uns, glaube ich, alle gesellschaftlich, aber auch individuell noch mal aufmerksam gemacht dafür, dass wir als Menschen verletzlich sind. Ich habe gerade berichtet von den Erfahrungen in unseren Altenhilfeeinrichtungen, die ganz besonders darunter gelitten haben, dass 2020 dieser Lockdown kam. Ich merke in Gesprächen mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie immer noch ganz schockiert sind, das damals so viele Menschen sterben mussten, ohne sich von ihren Angehörigen verabschieden zu können.

Das hinterlässt einen Schmerz, der uns aufmerksam macht und auch ein stückweit nervös macht. Dahingehend, dass wir sagen, wir wollen bei gesetzlichen Regelungen heute und morgen noch stärker darauf achten, dass sie an den Bedürfnissen der Schutzbedürftigen, der Schwachen, der Alten und Kranken ausgerichtet sind und nicht Wirtschaft, Starke oder Porschefahrer in den Mittelpunkt stellen.

DOMRADIO.DE: Was haben wir denn daraus gelernt? Und haben wir was draus gelernt, dass so was nie wieder passiert?

Eva-Maria Welskop-Deffaa

"Von daher lasst uns die gesellschaftlichen und die gesetzlichen Reformen darauf ausrichten, dass es die Schwachen sind, die dadurch gut berücksichtigt werden."

Welskop-Deffaa: Menschen lernen häufig nur für eine bestimmte Zeit und dann hat man es schon wieder vergessen. Wir sind im Augenblick in der Situation, dass durch die Ukraine-Ereignisse wir alle Gefahr laufen, die Lernerfahrung der Pandemie schon wieder hinten runterfallen zu lassen. Für mich scheint der Katholikentag ein guter Ort zu sein, wo wir als Caritas die Pandemie-Erfahrungen, die Ukraine-Erfahrungen und auch das Thema Klimaschutz mit Freunden und Freundinnen, mit Gesprächspartnern aus der katholischen Laienbewegung noch mal als Dreiklang reflektieren und die gemeinsame Herausforderung dieser drei Krisen zum Thema machen.

In allen drei Bereichen ist ja deutlich, dass die Schwachen besonders gefährdet sind. Wir sehen gerade die Frauen und die Kinder sind die größte Gruppe derer, die fliehen. Wir wissen bei der Klimakrise tragen die armen Menschen die Last doppelt. Wir haben bei der Pandemie gesehen, es waren die jungen Leute, die Kinder, und es waren die alten Leute, die besonders betroffen waren. Von daher lasst uns die gesellschaftlichen und die gesetzlichen Reformen darauf ausrichten, dass es die Schwachen sind, die dadurch gut berücksichtigt werden.

DOMRADIO.DE: Für Sie als Präsidentin des Caritasverbandes ist das sicher auch immer ein Spagat. Einerseits leben wir in einer Leistungsgesellschaft, auch die Caritasunternehmen sind einer gewissen Ökonomie ausgesetzt. Aber Ökonomie darf nicht alles sein, wenn man auf die Schwächsten sieht. Denn wenn man Ökonomie als alles betrachtet, dann müsste man nur den Porschefahrern hinterherlaufen.

Kirchliches Arbeitsrecht

Die arbeitsrechtlichen Bedingungen für die weit über eine Million Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchen und ihrer Wohlfahrtsverbände unterscheiden sich erheblich von den für andere Arbeitnehmer geltenden Bestimmungen. Grundlage dafür ist das Grundgesetz, das den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein weitgehendes Selbstverwaltungs- und Selbstbestimmungsrecht einräumt.

Kirchliches Arbeitsrecht / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Kirchliches Arbeitsrecht / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Welskop-Deffaa: Ich denke, dass tatsächlich die Ökonomie nicht alles ist, wie Sie sagen. Aber wir haben auch gelernt, ökonomische Anreize zu nutzen. Das ist zum Beispiel so ein Lieblingsthema von mir bei den sogenannten Live-In-Pflegekräften. Das ist ja eine der Schatten-Ökonomie-Erfahrungen, die wir seit zehn, 20 Jahren unreguliert gelassen haben.

Ich glaube, hier könnten wir durch ökonomische Anreize echte Verbesserungen haben. Wenn die Familien, die jetzt Live-In-Kräfte, – migrantische Pflegekräfte aus Rumänien, aus Polen – für ihre alten Eltern anstellen, wenn sie wüssten, sie können einen Teil der Kosten über die Pflegeversicherung abrechnen, für den Fall, dass sie selbst bestimmte Qualitätsstandards einfordern, dann gäbe es, glaube ich, weniger schlechte Verträge und mehr Konstellationen, wie wir sie in Paderborn mit unserem Carifair-Modell schon vorleben.

DOMRADIO.DE: Sie haben sich vehement eingesetzt, dass das katholische Arbeitsrecht sich schleunigst ändern muss, dass diese Verknüpfung mit dem Privatleben endlich aufhören muss. Sind Sie da optimistisch, dass da zügig etwas passiert?

Eva-Maria Welskop-Deffaa

"Ich glaube, dass es in diesem Jahr tatsächlich zum Abschluss kommen wird. Vielleicht werden wir noch in der nächsten oder übernächsten Woche erste Entwürfe öffentlich haben."

Welskop-Deffaa: In allen Gesprächen, die ich auch hier am Katholikentag mit Bischöfen führen konnte, – und das waren dankenswerterweise doch etliche – weil wir bei denselben Empfängen und Gottesdiensten waren, spüre ich eine große Bereitschaft, hier schnell zu Lösungen zu kommen. Es spüren auch die Bischöfe, dass ein kirchliches Dienstrecht, was in erster Linie auf das Privatleben der Menschen schaut, völlig unzeitgemäß ist.

Wir müssen eine institutionelle Verpflichtung gestalten, wo klar ist, Dienstgemeinschaft braucht von Seiten der Dienstgeber eine Zusage an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Wo so viel spürbarer Reformwille ist, da wird sich auch rasch eine Lösung finden lassen.

DOMRADIO.DE: Bald schon?

Welskop-Deffaa: Ich glaube, dass es in diesem Jahr tatsächlich zum Abschluss kommen wird. Vielleicht werden wir noch in der nächsten oder übernächsten Woche erste Entwürfe öffentlich haben. Das würde mich jedenfalls freuen.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Quelle:
DR