Die Vorgeschichte und die Umstände eines Interviews über "Christlichen Nationalismus" wirken fast größer als das Interview selbst. Der bekennende liberale katholische Satiriker Stephen Colbert wird am 21. Mai zum letzten Mal seine Late-Night-Show moderieren, das steht schon länger fest. Sein Sender CBS hatte im vergangenen Sommer angekündigt, dass "The Late Show with Stephen Colbert" enden werde.
Das sei eine rein finanzielle Entscheidung angesichts der harten Konkurrenz im Late-Night-TV, hieß es von CBS. Da der für seinen bissigen Humor bekannte Satiriker Colbert US-Präsident Donald Trump stets scharf kritisiert, vermuten viele Branchenkenner aber, dass der Sender aus Rücksicht auf diesen gehandelt habe. Trump hatte die Einstellung der Show gefeiert. CBS solle den "erbärmlichen Versager" Colbert "einschläfern", schrieb der Präsident noch im Dezember auf "Truth Social".
Politische Einflussnahme auf die Medien
Nun befindet sich Stephen Colbert erneut in einer medienpolitischen Debatte – denn es geht um mögliche Zensur. Colbert sagte dem Publikum am Montag, CBS habe ihm "unmissverständlich" mitgeteilt, dass der demokratische US-Senatskandidat und Christ James Talarico aus Texas nicht in seiner Sendung auftreten dürfe. CBS widersprach jedoch Colberts Darstellung am Dienstag in einer Stellungnahme. Man habe lediglich rechtliche Hinweise gegeben, dass das Interview möglicherweise Probleme verursachen könne.
Hintergrund der Debatte ist die Equal-Time-Regel der Federal Communications Commission, der US-amerikanischen Medienaufsichtsbehörde FCC. Die Vorschrift verpflichtet Sender, Kandidaten für öffentliche Ämter gleich viel Sendezeit einzuräumen. Allerdings galten seit Jahrzehnten für Nachrichtenformate und Talkshows Ausnahmen. Den Hinweis auf diese Regeln durch CBS und die möglicherweise Einflussnahme durch die FCC wertet Colbert als bewussten Versuch der inhaltlichen Zensur. FCC-Chef Carr wiederum bezichtigt Colbert der Lüge.
"Neue und gefährliche Ebene"
Die FCC unter ihrem von Präsident Donald Trump nominierten Chef Brendan Carr steht schon seit Monaten in der Kritik. Der Streit um eine versuchte Absetzung von Colbert-Kollegen, dem Fernsehmoderator Jimmy Kimmel, hatte die Menschen im September 2025 weltweit bewegt. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama warf der Trump-Regierung vor, diese habe "Cancel Culture" auf eine "neue und gefährliche Ebene" gehoben, nachdem sie sich selbst lange darüber beschwert habe.
Eben jene "Cancel Culture" vermutet auch nun Stephen Colbert im Fall seines Interviews mit James Talarico. Bereits nach einem Interview mit dem Demokraten in der Sendung "The View" hatte die FCC eine Untersuchung hinsichtlich der Equal-Time-Regel angekündigt. "Das ist die gefährlichste Form von Cancel Culture – die, die von oben kommt", urteilt Talarico über das Agieren der FCC in seinem Interview mit Stephen Colbert, das nun statt im Fernsehen auf YouTube ausgestrahlt wird, außerhalb des Einflusses der FCC.
Überzeugter presbyterianischer Christ
So sitzen die beiden im gewohnten Setting der beliebten Late-Night-Show und reden nun im Internet aller Begleitumstände zum Trotz. James Talarico und Stephen Colbert werden vom liberalen Publikum frenetisch gefeiert. Die Frage bei den Zensurvorwürfen im Gespräch lautet, was den 36 Jahre jungen Demokraten aus Texas so gefährlich macht, dass Donald Trump ihn scheinbar fürchtet. Talarico sagt: "Donald Trump hat Angst, dass wir kurz davorstehen, Texas zu drehen." Er kandidiert aktuell im demokratischen Vorwahlrennen der Midterms um den Senatssitz des Staates Texas, einem traditionell konservativen republikanischen Bundesstaat – eigentlich Trump-Land.
James Talarico gilt bei den texanischen Demokraten als Hoffnungsträger. Er ist bekennender Christ – hat einen theologischen Studienabschluss bei der presbyterianischen Kirche. Seine Familie lebt seit acht Generationen in Texas. Sein Großvater war Baptistenprediger in Südtexas.
Trennung von Staat und Kirche
Aber James Talarico stellt sich klar gegen einen "Christlichen Nationalismus", der seiner Auffassung nach die Vereinigten Staaten von Amerika bedrohe. Als Abgeordneter stimmte er im Repräsentantenhaus von Texas gegen ein Gesetzesvorhaben, das die verpflichtende Anbringung der Zehn Gebote in allen Grund- und weiterführenden Schulen vorsah. Talarico ist ein Verfechter der Trennung von Staat und Kirche.
Auch das Interview bei Stephen Colbert dreht sich in großen Teilen um mögliche Gefahren eines "Christlichen Nationalismus". Seit fünfzig Jahren habe es die religiöse Rechte in den USA geschafft, Christinnen und Christen davon zu überzeugen, dass die wichtigsten Themen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe seien. Es seien aber zwei Themen, die in der Bibel nicht erwähnt würden und über die Jesus nie gesprochen habe, sagt Talarico.
Gott und den Nächsten lieben
In Christi Botschaft sieht Talarico hauptsächlich den Aufruf dazu, wie wir andere Menschen behandeln. Jesus habe den Menschen zwei Gebote gegeben: Gott und den Nächsten zu lieben. Auch der Katholik Colbert sieht eine Vereinnahmung des Christentums durch die politische Rechte um Donald Trump als Gefahr.
Ironisch fragt er seinen Talkgast, was es bedeuten würde, wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat es schaffen würde, Jesus Christus erfolgreich für sich einzuvernehmen, aber dann bei einer demokratischen Wahl unterläge. Hätten Gott und Christus dann auch verloren? Talarico stimmt ihm zu: "Das ist der Kern: Man darf nicht das Große in das Kleine pressen. Gott ist das Größte, was es gibt. Ihn in eine politische Partei einzupassen – ob republikanisch oder demokratisch –, das ist verkehrt herum."
Streisand-Effekt
Talarico ist ein ambitionierter Politiker. Er möchte zukünftig im Senat in Washington dem "Christlichen Nationalismus" die Stirn bieten: "Es gibt nichts Christliches am christlichen Nationalismus. Es ist die Verehrung von Macht im Namen Christi – und ein Verrat an Jesus von Nazareth."
Der Auftritt des christlichen Demokraten bei Stephen Colbert und seine Vorgeschichte mit der FCC und dem Sender CBS hat in den USA in diesen Tagen eine soziologische Auswirkung, bekannt als der Streisand-Effekt. Der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken, erreicht das genaue Gegenteil: Über sieben Millionen Menschen haben das Interview bei YouTube schon gesehen. Deutlich mehr als sonst einschalten.