Bundespräsident Steinmeier reist nach Indien

Lage für Christen wird immer schwieriger

Von diesem Donnerstag bis Montag besucht Bundespräsident Steinmeier Indien. Ein Land vor großen Herausforderungen, in dem auch die Situation von Christen, Muslimen und anderen Minderheiten immer schwieriger wird. Ein Besuch vor Ort.

Abendgebet für Kinder und Jugendliche in dem hinduistischen Rama-Krishna-Ashram Advaita in Kalady / © Harald Oppitz (KNA)
Abendgebet für Kinder und Jugendliche in dem hinduistischen Rama-Krishna-Ashram Advaita in Kalady / © Harald Oppitz ( KNA )

Indien - ein Land der extremen Gegensätze: Auf der einen Seite spektakuläre Sehenswürdigkeiten wie das Taj Mahal und modernste High-Tech-Firmen in schicken Glas-Beton-Palästen. Auf der anderen Seite unvorstellbare Massen von Menschen, die in schwer zu ertragendem Elend leben. Und zwischen allen Stühlen kämpfen Minderheiten wie Christen (2 Prozent) und Muslime (13 Prozent) ums Überleben angesichts des zunehmenden Hindunationalismus.

Klima wird rauer

"Das Klima wird rauer. Mit regelrechten Hasskampagnen, die sehr gefährlich sind", beklagt Bischof Theodore Mascarenhas, Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Neu-Delhi.

Und der Erzbischof von Agra, Albert D'Souza, ergänzt: "Vorwürfe, wir würden aggressiv missionieren, sind völlig aus der Luft gegriffen. Aber leider werden die Nationalisten immer stärker, die ein Indien nur für Hindus wollen und andere Religionen als allenfalls zweitklassig ansehen."

Die Bischöfe und andere Vertreter von Minderheiten, die zum Teil lieber nicht namentlich genannt werden wollen, beklagen in dem Zusammenhang auch einen zunehmenden Druck auf die eigentlich unabhängige Justiz, im Sinne der Hindunationalisten zu entscheiden.

Mascarenhas etwa berichtet von vielen kleinen Nadelstichen: "Plötzlich gibt es keine Genehmigungen mehr für christliche Schulen und Krankenhäuser oder es werden Gelder gestrichen ohne Begründung."

Richtung hinduistischer Gottesstaat?

Darüber hinaus gebe es auch vermehrt Versuche, die säkulare Verfassung Indiens zu verändern in Richtung eines hinduistischen Gottesstaats. In diesem Zusammenhang berichten Beobachter auch von fast schon absurd klingenden Vorstößen, die Werbung für die größte und meistbesuchte Sehenswürdigkeit des Landes einzuschränken oder gar zu verbieten. Der Grund: Das Taj Mahal ist ein muslimisches Mausoleum, das ein Großmogul zum Andenken an seine Lieblingsfrau errichten ließ.

Auch Amnesty international und andere Menschenrechtler beklagen eine zum Teil dramatische Verschlechterung der Situation - von Verhaftungen kritischer Journalisten über Diskriminierungen bei der Arbeitssuche bis hin zu Morddrohungen und Anschlägen. Dabei betonen Kirchenvertreter wie Caritas-Präsident Paul Moonjely, dass vor Ort das Miteinander von Hindus, Christen und Muslimen in der Regel gut funktioniere: "Und wenn Kirche den Armen hilft, wird das gerne angenommen - aber sobald sie Veränderungen fordert, wird sie als Volksverräterin beschimpft!"

Die Gruppe der ganz radikalen und gewaltbereiten Fundamentalisten sei eigentlich eher klein, betonen viele Beobachter. Doch die Regierung von Premierminister Narendra Modi und seiner hindunationalistischen Volkspartei BJP bekomme sie trotz mancher Bemühungen nicht in den Griff.

Kaum politische Alternativen

Allerdings stehe Modi auch vor gewaltigen Herausforderungen, berichtet Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor, von Gesprächen mit vielen Experten im Land: "Zum Beispiel müsste er pro Monat eine Million neue Arbeitsplätze schaffen, um junge Leute von der Straße zu holen, die sonst anfällig werden für populistische Parolen aller Art." Und das in einem Land, in dem "bis zu 90 Prozent im informellen Sektor arbeiten und in dem auch Kinderarbeit und Kastenschranken immer noch weit verbreitet sind", wie Bischof Mascarenhas ergänzt.

Andere politische Beobachter betonen, es gebe derzeit keine Alternative zu Modi. Seine Partei regiere schon den Großteil der 29 Bundesstaaten und werde auch die Parlamentswahl 2019 deutlich gewinnen. Außerdem sei Indien trotz zum Teil gravierender Probleme auch weiterhin ein wichtiger Garant der Stabilität in Asien - "im Gegensatz zu China". Und die populistischen Parolen einer "Hindus first"-Politik kämen einfach an bei der großen Mehrheit der Inder.

Eine schwierige Gemengelage also, auf die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Indien-Besuch trifft. Wobei viele Christen und Muslime hoffen, dass es in den Gesprächen nicht nur um die wirtschaftliche Zusammenarbeit geht.

Bundespräsident Steinmeier auf Reisen / © Bernd von Jutrczenka (dpa)
Bundespräsident Steinmeier auf Reisen / © Bernd von Jutrczenka ( dpa )
Autor/in:
Gottfried Bohl
Quelle:
KNA