Bürgerrechtler und Erzkonservative gedenken Martin Luther Kings

Ein Wettkampf ums Erbe

Der 28. August ist ein Datum, das mit dicken Zahlen in Amerikas Geschichtsbüchern steht: vor 47 Jahren hielt Martin Luther King seine berühmte Rede "I have a dream". Washington erwartet deshalb an diesem Samstag zwei Großdemonstrationen, die ideologisch nicht unterschiedlicher sein könnten.

Autor/in:
Ronald Gerste
 (DR)

Obwohl an politische Großveranstaltungen jeglicher Couleur gewohnt, ist die US-Hauptstadt dennoch gespannt. So sind einerseits die Anhänger der Bürgerrechtsbewegung und andererseits die Anhänger einer erzkonservativen Bewegung in der Tradition der "Boston Tea Party" quer durch die Hauptstadt unterwegs. Gemeinsam ist ihnen nur eines: die Begeisterung für Martin Luther King.

Die Bürgerrechtler wollen sich von einer Kirche im Norden der Innenstadt in Richtung Mall bewegen und dort auf etwa 100.000 Teilnehmer zu Füßen des Lincoln Memorial stoßen. Sie sind überwiegend schwarze Amerikaner unter der Führung des Reverend Al Sharpton. Die Gruppe am Memorial hingegen dürfte fast ausschließlich weiß sein - und hat ihren Standort am ganz rechten Rand des politischen Spektrums der USA.

Auf der Bühne steht dann, ohne Zweifel umjubelt, das Idol der sogenannten Tea-Party-Bewegung, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. Und Jubel dürfte auch dem Organisator und Hauptredner der "Ralley" gewiss sein: der rechtsextreme Talkshow-Moderator und Agitator Glenn Beck, ein Mann, der die USA auf dem Weg in den Sozialismus sieht und Präsident Barack Obama einen "schwarzen Rassisten" genannt hat.

Geschichtsträchtiges Datum
Der Samstag ist ein Datum, das mit dicken Zahlen in Amerikas Geschichtsbüchern steht: am 28. August vor 47 Jahren hielt Martin Luther King vor rund einer halben Million Menschen seine berühmte Rede "I have a dream", in der er seine Vision in unvergessliche Worte fasste. Sein Traum sei ein Land, in dem ein Mensch nach seinem Charakter und nach seinen Leistungen beurteilt werde - und nicht länger nach seiner Hautfarbe.

Fast exakt an jener Stelle, wo King damals sprach, wird am Samstag Glenn Beck stehen und unter dem Motto "Restoring Honor" von einem Amerika sprechen, in dem die "Ehre wiederhergestellt" werden solle. Wer Becks mit Worttiraden und Bocksprüngen gleichen Bewegungen gespickte Show kennt, ahnt die Agenda: Steuern senken, Sozialhilfe reduzieren, keine Förderung von Minderheiten, Würdigung der US-Truppen und generell der Lobgesang auf die Werte eines konservativen (weißen) Amerika.

Damit es lediglich beim Austausch böser Blicke bleibt
Beck hat im Vorfeld der Kundgebung wiederholt seine Bewunderung für Martin Luther King geäußert. Doch nicht wenige schwarze Politiker und Bürgerrechtler sehen in seiner Veranstaltung ein "hijacking" - er mache sich also den guten Namen Kings für seine eigenen Zwecke zu eigen. Doch auch viele Bürgerrechtler mahnen zur Besonnenheit und sehen in Kings Vision eines Amerika aller Bürger auch Platz für Rechtsausleger Beck und seine Anhänger. Lincoln und King, so formulierte es "Washington Post"-Kolumnist Eugene Robinson, werden immer ihren Platz in Amerikas Geschichte haben, Glenn Becks 15 Minuten des Ruhmes seien vergänglich.

Die Washingtoner Polizei jedenfalls hat Vorbereitungen getroffen, damit es lediglich beim Austausch böser Blicke bleibt. Beck behauptet, das Jubiläum der Rede sei ihm bei der Planung der Kundgebung zunächst nicht bewusst gewesen. Einer der Söhne Martin Luther Kings betonte derweil, sein Vater habe sich für das Recht der freien Meinungsäußerung eines jeden Amerikaners eingesetzt und er wünsche sich, dass die Rhetorik zwischen beiden Gruppen zivilisiert bleibe. Eine Bemerkung Becks würden wohl alle am Geschehen Interessierten unterschreiben: Martin Luther King, so der Talkshow-Master, gehöre nicht ausschließlich den schwarzen Amerikanern - so wie Abraham Lincoln nicht nur den weißen gehöre.