domradio.de: Für die "Pilgerorte im Rheinland" haben Sie die Texte geliefert. Gleich auf der ersten Seite sieht man eine verwunschen anmutende Kreuzwegstation, die zum Michaelsberg hinaufführt. Dort wurde schon in vorchristlicher Zeit ein Bergheiligtum verehrt. Was hat es denn damit auf sich?
Dr. Jürgen Kaiser (Autor "Pilgerorte in Rheinland"): Man denkt ja immer, Wallfahrtsorte seien eine christliche Erfindung. Aber auch Römer und Kelten haben heilige Orte verehrt und Tempel erbaut. Im Zuge der Christianisierung des Rheinlandes wurde manches einfach überformt und mit einer neuen Attraktion versehen, wie etwa der Michaelsberg.
domradio.de: Die Leute kennen natürlich den Kölner Dom, das Bonner Münster, die großen Wallfahrsorte hier in der Region. Was gibt es darüber hinaus für Lokalheiligtümer, die sie besonders beeindruckt haben?
Kaiser: Es war mir natürlich sehr wichtig bei der Auswahl der Orte, eine große Bandbreite vorzustellen. Das heißt: Nicht nur Orte, die man kennt, sondern auch Lokalheilige wie die heilige Lüfthildis in Lüftelberg bei Meckenheim oder Arnold in Arnoldsweiler. Und ganz toll ist die Legende der Heiligen Genoveva in der Nähe von Thür bei Maria Laach. Da kann man sehr gut in die Welt des Mittelalters eintauchen.
domrdio.de: In Leutesdorf steht ein barocker Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem - mit einer Skulptur des toten Jesus darin. Warum steht das Heilige Grab denn da?
Kaiser: Leutesdorf am Rhein, auf der rechten Rheinseite gelegen, werden die meisten nur vom Durchfahren kennen. Es ist ein Wallfahrtsort, der in der Zeit der Gegenreformation im 17. Jahrhundert aus dem Volk heraus entstanden ist: Jemand hatte eine Vision gehabt, seine tote Mutter ist ihm erschienen und hatte ihn aufgefordert, diese Verehrungsstätte zu bauen. So konnte man sich die Wallfahrt nach Jerusalem ersparen, die ja sehr unsicher und langwierig war. Den gleichen Ablass bekam man in Leutesdorf. Außerdem konnte sich das katholische Rheinland neben dem evangelischen Neuwied präsentieren.
domradio.de: An manchen Stellen wird das Durchblättern des Bildbands etwas gruselig, wenn der Betrachter immer wieder auf Gebeine von Toten stößt. Für den Menschen scheint das heute eher verstörend, oder?
Kaiser: Ja, es wirkt schon sehr makaber. Wir haben ja heute auch ein ganz anderes Verhältnis zum Tod. Die Toten und unsere Friedhöfe sind ja weit weg. Hier geht es aber nicht um normale Tote, sondern um die Überreste von Heiligen, deren Seelen ja schon bei Gott sind - so die damalige Vorstellung - und die ja noch mit ihren Gebeinen in Kontakt sind. Das heißt: Wenn ich die Gebeine verehre, auch sichtbar das Heil aufnehme, kann ich quasi hier mir Pluspunkte im Himmel sammeln. Also Wallfahrt ohne Wunder und Reliquien - das ist nicht möglich.
domradio.de: Haben Sie denn einen Lieblingspilgerort?
Kaiser: Ja, die Kirche der Heiligen Genoveva bei Thür in der Nähe von Maria Laach. Sie verbindet Landschaftsschönheit mit architektonischer Schönheit und Legendenschönheit. Die Kirche ist in den Getreidefeldern gelegen. Robert Schumann, der ja nur eine Oper geschrieben hat, hat eben diese Legende der Heiligen Genoveva vertont. In den Mayener Burgfestspielen gab es auch ein Musical dazu. Welche Heilige kann schon behaupten, Heldin eines Musicals geworden zu sein?
domradio.de: Warum sind die Menschen im Mittelalter vor allem gepilgert?
Kaiser: Wer heute nach Santiago geht, will ja vermutlich weniger den Heiligen Jakobus in seinen Reliquien verehren. Stattdessen geht es ja eher um die Suche nach sich selbst. Im Mittelalter ist es eher umgekehrt gewesen. Man ist ja sehr vielen existenziellen Gefahren ausgesetzt gewesen, dauernd herrschten irgendwelche Kriege, Missernten oder Krankheiten. Heute haben wir natürlich Versicherungen, Krankenhäuser und so weiter. Aber im Mittelalter hoffte man natürlich letztendlich nur auf Gott, vertreten durch seine Fürsprecher, die Heiligen. Das heißt: Wenn ich mich persönlich auf den Weg mache, meine eigene körperliche Mühe den Heiligen zeige, habe ich natürlich die Hoffnung, dass man mir aus Dankbarkeit als Gegenleistung hilft.
domradio.de: Es soll immer wieder Wunder unterwegs gegeben haben. Gab es die wirklich?
Kaiser: ich bin ja immer ein Freund der Plazebo-Forschung. Wenn man sich heute anguckt: Die einen bekommen die richtigen Medikamente, andere nur eine Brausetablette - und trotzdem hilft es. Oder Scheinoperationen, die die gleiche Wirkung haben. Man ist sehr erstaunt, was sich im Menschen in Bewegung setzen kann. Ich denke, dieses Wallfahrten, dieses raus aus dem Alltag, dieser Glaube an die Wunder und an die persönliche Anwesenheit der Heiligen, hat vielleicht mehr in Bewegung gesetzt als wir uns heute vorstellen können.
domradio.de: Wie sieht es bei Ihnen aus, pilgern Sie auch?
Kaiser: Nur auf überschaubaren Teilstrecken. Nach Santiago habe ich es noch nicht geschafft, das werde ich auch nicht tun. Ich finde es natürlich sehr schön, auf Wallfahrtsorte zuzugehen, also einfach sich eine Wanderkarte zu schnappen, sich vorher einen Weg zu überlegen, das Auto kilometerweit weg zu parken oder mit dem Zug anzureisen, denn die Sinne werden viel mehr geschärft. Wenn ich zu Fuß zwei, drei Stunden auf was zu laufe, erlebe ich diesen Ort ganz anders, als wenn ich hektisch im Auto vorfahre.
Das Interview führte Hilde Regeniter.