Buch mit Reden und Predigten von Robert Prevost veröffentlicht

Radikal arm und offen für alle

Ein Jahr nach der Wahl von Papst Leo XIV. ist ein Buch mit Beiträgen aus seiner Zeit als Bischof und Kardinal erschienen. Die meisten sind Predigten oder Ansprachen, die der damalige Ordensobere im Kreis von Augustinern hielt.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Buch von Robert Francis Prevost, Papst Leo XIV., mit Beiträgen aus der Zeit vor seiner Karriere als Bischof und Kardinal, in einer Buchhandlung in Rom / © Monica Giuliani/CPP (KNA)
Buch von Robert Francis Prevost, Papst Leo XIV., mit Beiträgen aus der Zeit vor seiner Karriere als Bischof und Kardinal, in einer Buchhandlung in Rom / © Monica Giuliani/CPP ( KNA )

Als er die jetzt erschienen Reden verfasste, leitete der heutige Papst Leo XIV. die weltweite Ordensgemeinschaft der Augustiner. Danach wurde Robert Francis Prevost Bischof von Chiclayo in Peru, bevor er 2023 in den Vatikan wechselte und als Kurienkardinal Karriere machte. Gemeinsam herausgegeben wurde das Buch vom Augustinerorden und der vatikanischen Verlagsbuchhandlung "LEV". Der italienische Titel lautet "Liberi sotto la grazia" (Frei unter der Gnade). Eine Ausgabe in deutscher Sprache ist in Arbeit.

 "Liberi sotto la grazia"

Trotz mancher Unterschiede im Ton und in der Schwerpunktsetzung wird darin eine Übereinstimmung deutlich mit einigen zentralen Ideen des Vorgängers Franziskus (2013-2025). Wie dieser wendet sich auch Prevost gegen eine "in sich selbst gekehrte Kirche" und gegen das Klammern an Strukturen. Zugleich spricht er sich für eine "radikale Armut" und eine Offenheit der Kirche für alle Menschen aus.

 © Alessandra Tarantino (dpa)
© Alessandra Tarantino ( dpa )

So heißt es in einem Beitrag Prevosts von 2012, das Reich Gottes sei ein "dynamisches und kein räumliches Konzept". Man müsse "Wege suchen, auf alle zuzugehen, alle willkommen zu heißen, mit allen einen echten Dialog zu beginnen". Ähnlich hatte sich später auch Papst Franziskus wiederholt geäußert.

In einem Vortrag an seine Mitbrüder im Jahr 2008 heißt es: "Unser Leben muss ein Zeichen des Protests gegen die Konsum-Mentalität der Gesellschaft sein, in der wir leben. Die Menschen (...) erwarten von uns eine prophetische Armut, die von ihrem Wesen her eine Offenheit für die Nöte der anderen erfordert und vielleicht auch in besonderer Weise ein Eintreten für die sozialen Rechte der Armen." An einer anderen Stelle kritisiert Prevost "den Neoliberalismus, der sich als 'Heilsweg der Völker' durchgesetzt und gnadenlos die große Mehrheit der Menschheit auf die Seite gedrängt hat".

Prägung durch lateinamerikanische Befreiungstheologie

Dass der heutige Papst Leo XIV. in seinem Denken einst offenbar stark geprägt war von Ideen und Begriffen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, zeigt das Buch an mehreren Stellen. Am deutlichsten wird es in einer Rede, die der damalige Generalprior des Augustiner-Ordens, Robert Prevost, am 2. März 2002 in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos vor kirchlichen und weltlichen Zuhörern hielt.

Straßenszene in Iquitos, Peru / © Jon Chica (shutterstock)
Straßenszene in Iquitos, Peru / © Jon Chica ( shutterstock )

Damals sagte Prevost: "Die Realität der ungerechten Armut und der Marginalisierung ist eines der drängendsten Probleme der heutigen Welt, und das nicht nur in der 'Dritten Welt'." Und weiter: "Niemand kann heute Christ sein und sich vom 'Schrei der Armen' und dem Kampf für Gerechtigkeit entziehen. Die Verelendung von Millionen von Menschen ist ein wahres 'Sakrament' der Sünde in der Welt".

Mit diesem polemisch zugespitzten Begriff aus der Befreiungstheologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts verbindet er den von den Bischöfen Lateinamerikas geprägten Begriff der "Option für die Armen". Er formuliert: "Die Entwicklung ist ein integraler Bestandteil der Evangelisierung, die Tätigkeit der Seelsorge überschreitet die Grenzen dessen, was bloß 'religiös' ist, in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche und der Dringlichkeit der besonderen Option für die Armen. Diese muss nicht nur bei den Indigenen zum Zug kommen, die oft die Ärmsten der Armen sind (...), sondern auch angesichts jeder Form von Ausgrenzung, die gegen die Menschenwürde geht."

Das zweite Vatikanische Konzil 

Eindringlich sind auch die eher konservativ anmutenden Ausführungen des heutigen Papstes zur Kirchen- und Ordenskrise der vergangenen Jahrzehnte. Darin benennt er das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) als eine entscheidende Etappe. So sagte er am 26. September 2003 bei einem Treffen mit Mitgliedern seines Ordens aus mehreren Ländern Europas: "Die katholische Kirche und das Ordensleben haben nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Phase tiefgreifender Veränderungen durchlaufen."

Diese beschrieb er so: "Sehr viele unserer Mitbrüder haben ein Gefühl des Verlusts der eigenen Identität erfahren. Sie wussten nicht mehr, wer sie sind." Drastisch schilderte Prevost damals die Folgen: "Viele haben Orden und Priesteramt verlassen. Andere fühlten sich zutiefst desorientiert. Für manche waren es schmerzhafte Jahre." Doch dann sei, dank der Bemühung um Erneuerung, "ein großer Teil dieser Krise überwunden worden". Dennoch fühlten sich manche, vor allem in Europa, angesichts sinkender Mitgliederzahlen, weiterhin in dieser Identitätskrise.

 Rückbesinnung auf das Wesentliche

Für die Zukunft seines Ordens und der Kirche in Europa rief Prevost damals zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche auf. Dazu gehörten auch "Momente der Einsamkeit, des Gebets, des Schweigens und des Studierens". Er sagte: "Wir werden (wieder) in eine Identitätskrise kommen, wenn wir nicht wissen, wer wir sind, und wenn wir nicht jene innere Begegnung mit uns selbst und mit Gott erleben."

Unterm Strich zeigte sich Prevost damals doch eher hoffnungsvoll und sagte: "Wir sollten die Zukunft unseres Ordens und die Situation Europas nicht mit Pessimismus erleben. Es gibt so viele Menschen, die dasselbe suchen wie wir: eine Begegnung mit Gott und einen Sinn für das eigene Leben im Dienst an den anderen."

Leo zu  Papst Benedikt XVI.

Manche Passagen in dem Buch erscheinen wie spannende Momentaufnahmen zu historisch bedeutsamen Daten. So kommentierte Prevost die umstrittene Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. von 2006 frühzeitig - und verteidigte ihn weitgehend. So geschehen in einem Vortrag in Brünn (Tschechien), den der damalige Augustiner-Obere am 25. September 2006, zwei Wochen nach der Papstrede von Regensburg, hielt. In seiner Ansprache sagte Prevost damals: "Wir alle wissen, was nach der Rede geschah: Wegen eines aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats - wir lassen jetzt mal die Frage aus, ob es opportun war oder nicht - wurden Proteste in der islamischen Welt ausgelöst."

Papst Benedikt XVI. steht auf der Gangway im Eingang des Flugzeugs und erhebt die Arme zu Abschied am 21. August 2005 auf dem Flughafen in Köln. / © Wolfgang Radtke (KNA)
Papst Benedikt XVI. steht auf der Gangway im Eingang des Flugzeugs und erhebt die Arme zu Abschied am 21. August 2005 auf dem Flughafen in Köln. / © Wolfgang Radtke ( KNA )

Nach der Schilderung dieser Proteste fuhr er mit der Beobachtung fort, dass nur wenige den zentralen Punkt der Rede von Benedikt XVI. begriffen hätten: "Der war, dass der Westen, wenn er nicht mehr zu einer Anschauung von Gott findet, zu keinem fruchtbaren Dialog mit den anderen großen Kulturen der Welt kommen kann, die eine tiefe religiöse Auffassung von der Wirklichkeit haben. Und unter diesen Kulturen ist natürlich auch der Islam. Die gesamte Rede kreist um diese Idee."

An der Regensburger Universität hatte Benedikt XVI. am 12. September 2006 aus einem Streitgespräch aus dem Jahr 1391 zitiert. Damals hatte der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos zu einem muslimischen Gelehrten gesagt: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Nach diesem Zitat kam es zu heftigen islamischen Protesten und sogar zu Gewaltausbrüchen in mehreren Ländern.

Frieden und Versöhnung

Auch zum Terroranschlag gegen die USA vom 11. September 2001 äußerte sich der damalige Augustiner-Generalprior - und sprach sich anders als die meisten seiner Landsleute gegen Vergeltungsschläge aus. Er äußerte sich in einer Predigt an seine Ordensbrüder, die er am 21. September 2001 in Rom hielt, und sagte: "Während viele Vergeltung suchen, müssen wir Augustiner Zeugnis ablegen für das Evangelium und seine Werte der Einheit, des Dialogs, des Friedens und der Versöhnung."

11.September: Eine Flagge inmitten der Trümmer  / © Beth A. Keiser (dpa)
11.September: Eine Flagge inmitten der Trümmer / © Beth A. Keiser ( dpa )

Den damals zehn Tage zurückliegenden Al-Kaida-Terroranschlag mit Tausenden Toten in New York und Washington nannte er einen "tragischen Ausdruck einer Reihe von Problemen, die sich überall zuspitzen". Im Einzelnen führte er aus: "Hass und Gewalt werden weiter wachsen, solange es so viele Menschen gibt, die in extremer Armut leben müssen und von so vielen Arten der Ungerechtigkeit unterdrückt werden. Jeden Tag sterben 24.000 Menschen an Hunger."

Bei dem islamistischen Terroranschlag mit Passagierflugzeugen in New York und Washington wurden am 11. September 2001 fast 3.000 Menschen getötet. US-Präsident George W. Bush rief daraufhin einen globalen "Krieg gegen den Terror" aus. In dessen Verlauf wurden unter anderem Afghanistan und der Irak besetzt. In dem Krieg starben nach Schätzungen rund 1,5 Millionen Menschen, darunter mehr als 3.500 Soldaten der USA und ihrer Verbündeten.

Leo XIV.: Das Leben von Robert Francis Prevost bis zur Papstwahl

Die Medien sind in Aufregung um den neuen Papst: War er Bischof in den USA? Oder in Peru? Wie kam er in den Vatikan? Zeit für eine Übersicht.

Der neue Papst Leo XIV. aus den USA ist als Ordensmann in Rom, in der vatikanischen Kurie und der Weltkirche zuhause. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nennt wichtige Stationen seines Lebens vor der Wahl:

 Kardinal Robert Francis Prevost ist der neue Papst, Leo XIV. / © Riccardo De Luca/AP (dpa)
Kardinal Robert Francis Prevost ist der neue Papst, Leo XIV. / © Riccardo De Luca/AP ( dpa )
Quelle:
KNA