4.800 Kilometer, 52.000 Höhenmeter, zwölf Tage, fast kein Schlaf: Das sind die Eckdaten, die derzeit in Pawel Nowaks Kopf ihre Runden drehen. Denn Nowak fährt beim Race Across America (RAAM) mit, dem wohl härtesten Radrennen der Welt – als erster katholischer Priester.
"Ich starte in der Solo-Kategorie, aber ich bin nicht allein", so der gebürtige Pole, der seit 2014 im Bistum Hildesheim arbeitet: "Ich habe ein Team aus sieben tollen Leuten, die mich in zwei Begleitfahrzeugen unterstützen."
Selfie mit Papst Leo XIV.
Mehr noch: Der Priester aus Bremen-Blumenthal fährt mit dem Segen des Papstes, den er im vergangenen Sommer im Vatikan besuchte – natürlich per Rennrad. Das Selfie mit Leo XIV. auf dem Petersplatz hütet er wie einen Schatz. "Ich schaue es mir oft auf meinem Handy an und erinnere mich gerne", sagt Pawel Nowak.
Derzeit nutzt der 40-Jährige jede freie Minute zum Training: auf dem Heimtrainer oder spätabends in und um Bremen. Ein paar Hügel könnte die Hansestadt gebrauchen, denn Nowak muss sich auf die Rocky Mountains und die Appalachen vorbereiten. Auch wird er bei seiner Tour durch 13 Bundesstaaten vier der längsten Flüsse Amerikas, darunter den Colorado und den Mississippi, sowie mehrere Wüsten passieren.
Los geht's am 16. Juni in Oceanside in Kalifornien, Ziel ist Atlantic City im Ostküsten-Staat New Jersey am 27. Juni – ein ziemlich irres Abenteuer: "Viele machen sowas Verrücktes nicht mal mit dem Auto", schmunzelt der drahtige Geistliche.
Schon am 8. Juni fliegen Nowak, seine drei Fahrräder und sein Team Richtung USA: vier Frauen und drei Männer, darunter sein Bruder Rafal, ein befreundeter Priester, und die RAAM-Siegerin von 2025, die polnische Ultrafahrerin Aneta Lamik. Von Lamik erhofft sich Nowak Coaching, aber auch Insiderwissen über Regelwerk und besondere Streckenabschnitte.
Vier Nationen auf dem Trikot
Nowak selbst startet für Deutschland, doch vereint er mit seiner Teilnahme mehrere Nationalitäten: Das Team um den Mann mit der Startnummer 716 besteht komplett aus Polen, auf seinem Leibchen sind die deutsche, die polnische und die US-Flagge zu sehen, und die azurblaue Trikotfarbe erinnert an Italien.
Doch am meisten springt der bunte Schriftzug "Trauerland" ins Auge. Denn wie schon bei früheren Fahrten will er mit seiner Aktion Geld sammeln für Kinder. Vergangenes Jahr kamen bei seiner Rom-Radtour über 16.000 Euro für ein Kinderhospiz zusammen. Diesmal geht es um die Bremer Initiative "Trauerland", ein Beratungs- und Hilfsangebot für Kinder, die einen nahen Menschen verloren haben. "Wir Christen glauben an ein Wiedersehen im Ewigen Leben. Wir trauern also anders, das können wir auch zeigen", erläutert der Theologe. Passend zur Jahreszahl will Nowak diesmal 26.000 Euro einwerben.
Apropos Geld: Sein RAAM-Abenteuer samt Flügen, Unterkunft, Verpflegung für sich und die Crew, die beiden Leihfahrzeuge, seine Räder, die ausgefeilte Technik sowie 3.500 Euro Startgebühr zahlt Pawel Nowak aus eigener Tasche. "Zum Glück haben mir meine Eltern und mein Bruder Geld geliehen, sonst könnte ich die rund 50.000 Euro nicht finanzieren", so der Priester.
Standleitung nach ganz oben
Und natürlich hat er vorher mit seinem Chef, dem (noch) Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, gesprochen: "Bischof Wilmer ist immer in Sorge um mich und meine Gesundheit." Schließlich sei er einer der jüngsten Priester im Bistum und habe noch recht viele Dienstjahre vor sich. "Aber ich weiß, was ich tue, ich kenne meinen Körper und weiß, wann ich sagen sollte, nein, es geht nicht weiter."
Für ihn ist Sporttreiben, das Verlassen der persönlichen Komfortzone und das ständige Austesten seiner Grenzen ein Schutz vor dem Griff zur Flasche und anderen Süchten. Obendrein pflegt der Pfarrer im Sattel eine Standleitung nach ganz oben. "Die vorgeschriebenen Stundengebete und die Heilige Messe kann ich in dieser Zeit natürlich nicht einhalten. Aber ich denke, das ist keine so große Sünde, denn ich bin auf dem Rad eigentlich immer in Kontakt mit Gott."
Das hilft vielleicht auch dabei, den inneren Schweinehund zu überwinden, wenn die nächste krasse Steigung ansteht, Temperaturunterschiede von mitunter 40 Grad an der Kondition zerren und die Beine schwer werden. "Das Wichtigste ist, dass der Kopf mitspielt", sagt Pawel Nowak. "Wenn alles gut läuft und ich ans Ziel komme, dann kann ich sagen: Ich bin in zwölf Tagen mit dem Rad quer durch Amerika gefahren. Davon werde ich ewig zehren."