Kardinal Vinko Puljic hat die Nachkriegsordnung in seinem Heimatland Bosnien und Herzegowina kritisiert. So habe das Dayton-Friedensabkommen von 1995 zwar den Krieg beendet, aber "keinen gerechten Frieden geschaffen". Ein solcher würde voraussetzen, dass jede Volksgruppe und jeder Mensch Rechte und Würde genießen kann, zitierten örtliche Medien am Mittwoch den Geistlichen.
Der Dayton-Vertrag wurde von serbischer, bosnischer und kroatischer Seite unterzeichnet und beendete den Krieg zwischen den Volksgruppen-Armeen. Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 starben knapp 100.000 Menschen. Das Abkommen sieht die Teilung Bosnien-Herzegowinas in eine bosnisch-kroatische Föderation und eine serbische Teilrepublik vor.
Komplexes und undurchsichtiges System
Weiterhin einflussreich ist auch die internationale Gemeinschaft mit dem Hohen UN-Repräsentanten. In seinem Ermessen liegt es etwa, Gesetze zu erlassen, von der Regierung beschlossene Entscheidungen aufzuheben und gewählte Amtsträger abzusetzen. Kardinal Puljic bezeichnete das System als komplex und nicht funktional. Zudem müssten Voraussetzungen geschaffen werden, unter denen jede einzelne Volksgruppe anerkannt werde.
Den Berichten zufolge geriet Puljic zuletzt selbst in Kritik, nachdem er Ende April an einem umstrittenen Politgipfel in Zagreb teilgenommen hatte. Konservative Aktivisten hätten dabei für eine eigene kroatische Teilrepublik in Bosnien-Herzegowina geworben. Puljic bestreitet, die Veranstaltung in böser Absicht besucht oder deren Kontext gekannt zu haben.